Oskar Fried? Nie gehört? Mit diesem Achselzucken sind Sie nicht allein. Den Zeitgenossen dieses vor 150 Jahren geborenen Dirigenten und Komponisten erging es allerdings anders – denn Oskar Fried gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den international bekanntesten Dirigenten, nicht zuletzt als einer der engsten Vertrauten Gustav Mahlers. Doch nach zwei Weltkriegen und umwundenen biographischen Stationen geriet Fried in Vergessenheit, trotz aller Ersteinspielungen und seines gigantischen kulturellen Netzwerks. Dreieinhalb Antworten auf die Frage, warum sich die Beschäftigung mit ihm gerade heute wieder lohnen könnte.
Zeitzeuge und Netzwerker
Als Oskar Fried 1871 in Berlin geboren wird, hat das deutsche Kaiserreich gerade den fatalen Krieg gegen Frankreich gewonnen, Bruckner erst die 1. Sinfonie vollendet, Wagner ist noch nicht in Bayreuth angekommen, Rachmaninov noch gar nicht geboren. Als Fried 1941 in Moskau stirbt, ist schon der erste funktionstüchtige Computer erfunden und der Zweite Weltkrieg bricht über Russland herein. Frieds Biographie ist die Geschichte eines jüdisch-deutschen Dirigenten, der sich selbst als Sozialist, Bolschewist, Geheimagent und »unpolitisch wie ein neugeborenes Kind« bezeichnet – je nachdem, wann er wo von wem gefragt wird –, vom »fin de siècle« bis zum Zweiten Weltkrieg, von der blühenden Kultur des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik bis in die Dunkelheiten des Ersten Weltkriegs, des Nationalsozialismus und der Stalinschen Massendeportationen.

