Am 20. März 1896 fand durch die Gebrüder Lumière in Wien die erste sicher belegte Filmaufführung Österreichs statt. Im selben Jahr  begannen die Bauarbeiten an den Gasometer in Wien-Simmering, in denen sich heute Kulturspielstätten, Wohnungen und ein Studierendenheim befinden – und: Am 1. März wurde (ebenfalls in Wien) Emilie Maria von Bach geboren. Ihre Eltern, Eleonore Josepha Maria Theresia Auguste Bach und Robert Bonaventure Michael Wenzel von Bach, waren beide Musiker:innen und entsprechend erklang Musik fast täglich im Hause der Bachs. Als Maria ein Jahr alt war zog die Familie auf das Schloss Leesdorf bei Wien, dessen romanische Mauern Anfang des 18. Jahrhunderts zu einem Barockschloss umgestaltet worden waren.

Ab ihrem sechsten Lebensjahr wurde Maria Bach am Klavier und ab ihrem 14. Lebensjahr an der Violine ausgebildet. 1907 erfolgte ein weiterer Umzug auf das Schloss Braiten ganz in der Nähe. 1919 nahm Bach ein Studium bei dem renommierten Liedkomponisten Joseph Marx (1882–1964) an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien auf. 1921 erklang mit den Narrenliedern für Tenor und Orchester ihre erste öffentlich aufgeführte Komposition. Die Nationalsozialisten stuften Bachs Musik nicht als »entartet« ein – und so konnte die Komponistin, Pianistin und Geigerin auch in diesen Zeiten weiterhin arbeiten und auftreten. In ihren Dreißigern unterhielt Bach eine Beziehung mit dem heute völlig vergessenen Komponisten – und seinerzeit durchaus begehrten Dirigenten – Ivan Boutnikoff (1893–1972). 1952 heiratete Bach den italienischen Maler, Bildhauer und Bühnenbildner Arturo Ciacelli (1883–1966), der damals ebenfalls sehr erfolgreich war und dessen Kunstwerke noch heute zu hohen Preisen bei Auktionen führen.

Maria Bach betätigte sich in ihren späteren Jahren – bedingt auch durch die Heirat mit Ciacelli – nun zusätzlich als Malerin, präsentierte ihre Werke in der Öffentlichkeit und wurde damit fast berühmter als als Komponistin. Schon ihr Vater war neben seiner Tätigkeit als Geiger – Tochter Maria bezeichnete sein Geigenspiel als »technisch exzellent und tonlich äußerst facettenreich« – als Maler in Erscheinung getreten.

Am 26. Februar 1978 verstarb Maria Bach 81-jährig an den Folgen einer Rauchgasvergiftung nach einem Brand in ihrer Wohnung in Wien.


Maria Bach (1896–1978)
Wolgaquintett für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Klavier (1927/28)

Der Werkkatalog von Maria Bach besteht vor allem aus zahlreichen Liedern sowie einigen Kammermusikwerken, darunter ihr in den Jahren 1927 und 1928 entstandenes Wolgaquintett. Der erste Satz (Ruhig bewegt) fließt mit leicht bebenden, moldauhaften Umspülungen an. Ein romantisch klagendes Motiv im Unisono von erster Violine und Cello erklingt. Wie eine Uhr tickt diese Musik! Eine Erzählung aus der Vergangenheit – auch musikalisch. Nach etwa 45 Sekunden staut sich die Wolga – beziehungsweise: fließt an einer für diese musikalische Erzählung bedeutenden Stelle vorbei (eine mächtige Burg mit nicht nur glanzvoller Geschichte). Weitere Höhepunkte folgen, in denen das Klavier in tiefsten Oktaven zu Werke geht. Immer schillert und glänzt es irgendwo. Diese Art von später Romantik bleibt nicht unangefasst von den tragischen Vorfällen des 20. Jahrhunderts – bis zu diesem Zeitpunkt. Die Art des tonalen Komponierens dabei ist fast ostinatohaft, präminimalartig. Interessant.

2. Satz: Variationen eines Wiegenlieds

Die Variationen eines Wiegenlieds des zweiten Satzes beginnen nicht, wie man es vielleicht erwarten würde, mit dem Thema, sondern mit einem verharrenden »Moment Neuer Musik«. Einzelne Töne. Ein Nichts auf den Saiten. Dann allerdings kommt es doch zu einem »Wiegenlied«. Dunkel-»slawisch«, mit Brahms dabei. Ein Wiegenlied für Erwachsene. Wieder vollgriffig für das ganze Ensemble gesetzt. Weit ausholend, hymnisch, tonal, angenehm – aber doch immer verklärt und kreisend introvertiert.

Satz: Finale: Laufen lassen

Im abschließenden Satz (Finale: Laufen lassen) ertönt zunächst ein Tremolo, das chromatisch abwärts niedersinkt und sich unmittelbar danach wieder aufrafft, zu neuen Zwielichtigkeiten. Toccatenartig gleißt es durch alle Instrumente. Harte Töne folgen auf überraschend aufblühende Folklorismen. Hier kommt die ganze Vielgestaltigkeit des Komponierens von Maria Bach zum Tragen. Sie kreiert eine überaus seltsame, seltsam hörenswerte Mischung von Spätromantik und Minimal Music – ohne das manchmal nervige und selbstgenügsame Kreisen der Letzteren. Tolle Musik. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.