Die Berliner Philharmoniker sind eines der besten Orchester der Welt und für viele junge Instrumentalist:innen ein Karriereziel, auch für den Fagottisten Mor Biron. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie in Rehovot, Israel – sein Vater Avner Biron ist Dirigent und Gründer des Kammerorchesters Israel Camerata Jerusalem – träumte er bereits als Kind davon, ›einmal zwölf Sekunden in diesem Orchester zu sitzen. Nur um zu sehen, wie es sich anfühlt.‹ Nach seiner Ausbildung an der Jerusalem Academy for Music and Dance und der Hochschule für Musik ›Hanns Eisler‹ in Berlin wurde der heute 39-Jährige 2004 Stipendiat der Karajan-Akademie, bevor er nach einer Station als Solo-Fagottist in Valencia 2007 festes Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde. Das Waldbühnenkonzert am 26. Juni 2021 war nach fünfzehneinhalb Jahren sein letztes Konzert als festes Orchestermitglied. Hartmut Welscher sprach mit Biron über den Einstieg und Ausstieg und zu viel männliche Energie im Orchester.

Mor Biron • Foto © Michael Pavia

VAN: Was waren die Gründe für deine Kündigung? 

Mor Biron: Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr im Einklang mit meinen Überzeugungen leben und arbeiten möchte, dass ich weiterhin Dinge erleben und erforschen will, an denen ich wachsen kann. Natürlich möchte ich weiter Musik machen. Aber in diesem Orchester auf dieser Position hatte ich das Gefühl, dass ich sie auf eine bestimmte Art machen muss, die zumindest für mich nicht mehr der richtige Weg ist. 

Was ist der ›richtige Weg‹ für dich?

Ich möchte mehr eine ›weibliche‹ Seite der Kunst suchen, eine weiche, fragile Seite, mit Menschen, die Musik machen, um andere zu berühren, nicht um der Karriere willen. Natürlich wollte ich auch Karriere machen und bin dabei so weit gekommen, wie ich nur konnte. Ich bin dankbar, dass ich diesen Drang und diese Energie in mir hatte, und solange davon noch etwas übrig ist, möchte ich sie gerne für andere Dinge einsetzen. 

Warum hast du diese nicht mehr bei den Philharmonikern gefunden?

Es gibt im Orchester viel männliche Energie. Das liegt auch daran, dass nicht genug Frauen im Orchester sitzen, es gibt nicht genug ›feminine vibrations‹ in den Stimmgruppen. Neulich war ich mit meinen Eltern in einem Konzert der Philharmoniker. Ich habe dem Orchester so viele Jahre lang zugehört und zugesehen, von innen und von außen, im Konzertsaal und der Digital Concert Hall. Aber dieses Mal hat es mich wirklich hart getroffen. Ich sah diesen Halbkreis von Männern dort sitzen, und es ist egal, was sie tun und wie, ich sehe männliche Energie. Ich schaute meinen Vater an und fragte ihn: ›Siehst du das auch?‹ 

Bläser der Berliner Philharmoniker mit Mor Biron (Dritter von rechts) bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie am 22. August 2021 • Foto © Lena Laine

Wir kennen uns ein bisschen privat, von gemeinsamen Freunden und Feiern. Immer wenn ich dich im Orchester – Backstage oder auf der Bühne – gesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass du nicht so richtig reinpasst. Stimmt der Eindruck?

Du bist nicht der erste, der mir das sagt. [lacht]

War diese Entscheidungsfindung ein längerer Prozess oder gab es einen ausschlaggebenden Moment?   

Es war ein Prozess, wobei der Moment der Kündigung eher aus einem Instinkt heraus kam. Du läufst und läufst und irgendwann kommst du zum Kliff und springst. Der Sprung selbst war ein einfaches Kündigungsschreiben. Aber um zu diesem Moment zu kommen, brauchte ich eine Sekunde und mein ganzes Leben. Ich habe aber nicht lange gelitten oder so. Vor zwei Jahren, im September 2019, habe ich ein einjähriges Sabbatical genommen. Ich wollte herausfinden, woraus ›Mor ohne das Orchester‹ besteht, was übrig bleibt. Und ich habe gemerkt, dass es eine Menge ist. Ich war frei und habe einfach mein Zeug gemacht, am Anfang habe ich kaum Fagott gespielt, bin allein durch Thailand gereist, es war wunderbar. Als ich vor einem Jahr aus dem Sabbatical zurückkam, überlegte ich, was der Ersatz für das Spiel im Orchester sein könnte. Ich bewarb mich auf zwei Professuren. Aber dann habe ich gemerkt, dass es zu früh ist, die eine große Sache aufzugeben, um gleich mit einer anderen weiterzumachen. Ich wusste, dass ich ganz loslassen muss, um einer wirklichen Veränderung Raum zu geben. 

Wie haben deine Kolleginnen und Kollegen reagiert? 

Ich habe viele Komplimente bekommen, bis heute. Einige sagen, dass sie stolz auf mich sind, wie mutig die Entscheidung sei … Dabei habe ich eigentlich nur einen Brief geschrieben. Es gibt eine Menge Wertschätzung für jemanden, der sein Leben in die Hand nimmt, obwohl es nicht der sicherste Weg ist. Andere Kollegen wussten nicht ganz, wie sie mit mir oder der Entscheidung umgehen sollen.

Viele freiberufliche Musiker:innen haben während der Corona-Zeit und des Lockdowns Existenzängste geplagt. Du gibst einen sicheren Job auf. 

Ich weiß. Andererseits: Wenn ich weiß, dass ich dort nicht mehr hingehöre, dass ich nicht den Rest meines Lebens dort verbringen will, dann mache ich den Platz lieber frei für jemanden, der wirklich dort sitzen will. So war es bei mir: Es war von klein auf mein Traum, in diesem Orchester zu spielen. Mein Vater ist Dirigent und Gründer der Israel Camerata. Seit ich denken kann, war ich Teil dieser Orchesterwelt, habe mit ihm Konzerte und Aufnahmen gehört. Es gab damals immer donnerstagabends im Fernsehen eine Live-Übertragung aus der Berliner Philharmonie. Ich erinnere mich, wie ich einmal mit etwa neun Jahren ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Abbado sah und zu ihm sagte: ›Ich möchte einmal in meinem Leben für zwölf Sekunden in diesem Orchester sitzen. Nur um zu sehen, wie es sich anfühlt.‹ Denn ich konnte wirklich den Unterschied hören zwischen dem, was aus dem Fernseher kam, und der Musik, die ich sonst um mich herum hörte. Sei vorsichtig, was du dir wünschst. Ich habe mir zwölf Sekunden gewünscht und habe 17 Jahre bekommen. [lacht]

Wann hat der Traum Risse bekommen?

Ich sehe das nicht als Risse. Ich erinnere mich an Abende mit dem Orchester, nach denen ich nach Hause kam, mich über alles beschwerte und dachte: Ich kann nicht mehr dort spielen. Einen Abend später hatten wir dann ein Konzert, das ich über alles genossen habe … Woher sollte ich wissen, auf welche Erfahrung ich meine Entscheidung stützen sollte? Es brauchte Zeit, um diese Erfahrungen kommen und gehen und sich wiederholen zu sehen, bis ich merkte, dass ich die Antwort nicht in den Erfahrungen finden kann, sondern in mir selbst, dass ich selbst entscheiden kann. In meiner Jugend hatte ich Probleme, Entscheidungen zu treffen. Ich fühlte mich nie sicher genug, um gegen den Strom zu schwimmen und gleichzeitig zu wissen, dass es trotzdem die richtige Richtung ist. Jetzt hatte ich diese Sicherheit.

Ist es schwer, in einem Orchester alt zu werden, und nicht routiniert, zynisch oder gelangweilt?

Du kannst einfach gehen, niemand hindert dich daran.

Die Stabilität, die finanzielle Sicherheit …

… die Angst, aus dem Gleichgewicht zu geraten. Seit vielen Jahren genieße ich es, mich in ›peinliche‹ Momente zu begeben. Das ist auch der Grund, warum ich so gerne mit Kindern arbeite.

Du hast elf Jahre unter Simon Rattle als Chefdirigent gespielt. Jetzt soll Kirill Petrenko eine neue Ära prägen. Das konnte dich nicht umstimmen?

Nein, vor zehn Jahren hatte ich die Chance, beim Israel Philharmonic für eine freie Stelle vorzuspielen. Ich weiß noch, wie ich dasaß und sagte: ›Nein, das nehme ich nicht an, denn ich bin in Berlin noch nicht am Ende und möchte hier noch viel lernen.‹ 

Nicht viele wagen diesen Schritt. Manchmal gibt es Philharmoniker, die das Orchester verlassen, um einen anderen Karriereweg einzuschlagen, wie der ehemalige Konzertmeister Guy Braunstein, aber selbst Musiker wie Andreas Ottensamer oder Albrecht Mayer bleiben im Orchester …

Denn ihre Solo-Karriere würde ohne das Orchester nicht annähernd so weit kommen, so ist es auch für mich. Ich organisiere jetzt meine eigenen Konzerte, ich liebe es, mit Orchester zu spielen, im Orchester, Jazz, Kammermusik, Improvisation. Aber ich suche nicht nach der nächsten Karriere.

Was waren die Höhepunkte deiner Zeit bei den Philharmonikern, gab es zum Beispiel Konzerte mit einer perfekten Kombination aus Dirigent:in und Stück?

Eines der Konzerte, bei dem ich mich an fast alles erinnern kann, so wie es einige von Mahler 9 mit Abbado erzählen, war La Valse mit François-Xavier Roth. Das war etwas, das ich nie zuvor erlebt habe und auch nie wieder erleben werde. Die Interpretation, die Energie, das Resultat … Das Orchester strahlte, die Musiker lächelten beim Spielen. Er hat es geschafft, alle aus der Routine zu bringen und frei zu lassen. Natürlich ist es auch schön, das Fagott-Solo im Sacre zu spielen, die Matthäus-Passion mit Simon [Rattle], das Verdi-Requiem mit Muti, aber dann ist es andererseits wieder Muti, wie kann man ihn ernst nehmen? [lacht]

Du spielst auch im West-Eastern Divan Orchester. Was ist dort anders?

Alles, der Spaß, die Tatsache, dass wir es nicht als ›Dienst‹ machen … Barenboim hat jetzt auch nicht unbedingt sehr viel ›weibliche Energie‹ [lacht], aber was wir von ihm gelernt haben, ist, dass das Spielen in einem Orchester bedeutet, zwei fundamentale Dinge gleichzeitig zu tun, nämlich zuzuhören und gleichzeitig zu kommunizieren. Je besser man in beiden Bereichen ist, desto besser ist man als Musiker und als Mensch. Der erste, der das so deutlich gesagt hat, war Barenboim, in Pilas, in der Nähe von Sevilla, vor über 16 Jahren. In einem Orchester, nicht nur in meinem, reden die Leute in der Probezeit nicht mit dir. Aber jeder Fehler wird registriert, und wenn es nicht besser wird: ciao. 

Du unterrichtest ja auch viel. Gibt es einen Ratschlag, den du Student:innen geben könntest, die neu in ein Orchester kommen? 

Vergiss nie, dass du die Stelle nicht bekommen hast, weil sie dich wollten, sondern weil du es wolltest. Du hast dich angeboten, und sie haben dich genommen. Du kannst deine Füße in die Hand nehmen und gehen. Es ist wichtig, im Kopf zu behalten, dass wir freie Menschen sind, dass wir in jedem Moment unseres Lebens jede beliebige Entscheidung treffen können, die wir wollen. 

Wie geht es bei dir weiter?

Es gibt einen Teil von mir, der nach Israel zurück will, wegen meiner Familie, meiner Freundin, dem Meer, meiner Großmutter… Ich bin 2004, mit Anfang 20 dort weggezogen und habe nie aus freien Stücken und eigener Entscheidung dort gelebt. Aber wichtiger ist es, mit einem Lächeln aufzuwachen und mir sagen zu können, dass ich an dem Ort bin, an dem ich sein will. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.