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Fotos © Matthias Baus

VAN: Gab es Momente in Ihrem Leben, wo Sie sich für etwas anderes als Musik hätten entscheiden können?

FrançoisXavier Roth: Nein. Mein Vater ist ein großer Musiker: Daniel Roth, er spielt Orgel. Ich wurde in die Musik hineingeboren. Sie war immer da. Ich wäre niemals darauf gekommen, etwas anderes zu machen als Musik. Aber das mit dem Dirigieren war eine andere Geschichte. Ich war ja erst Flötist. Und in Frankreich gibt es die Tradition, dass Dirigenten fast immer vom Klavier her kommen. Ich selbst hatte aber kein polyphones Instrument gelernt und war am Anfang etwas schüchtern. Aber heute bin ich sehr glücklich damit, Dirigent zu sein.

Die Orgel gilt ja eigentlich als ein Spezialinstrument. Dabei gibt es für sie, im Gegensatz zur Flöte, aus allen Epochen grosse Werke.

Ja. Ich habe durch meinen Vater viele Werke kennen gelernt. Buxtehude, Bach, Messiaen, romantische Musik. Als Kind war ich also mit einem breiten Spektrum an Musik konfrontiert. Das hat meine bis heute anhaltende Neugier geprägt. Das ist wichtig für die Geschmacksbildung. Man sollte Komponisten auch persönlich kennen lernen. Ich habe Messiaen einige Male getroffen, auch Henri Dutilleux in Paris.

Waren Sie denn auch als Flötist im Orchester tätig?

Sehr viel! Ich habe in der Pariser Oper, im Orchestre National de France … – ja eigentlich in allen Orchestern in Paris gespielt. Ich war eine gute kleine Flöte. Das war sehr interessant, ein großer Spaß. Doch in meinem Kopf dachte ich: ›Ich will Dirigent werden.‹ Daher war es wichtig, zu wissen, wie ein Orchester, wie die Verbindung von Orchester und Dirigent funktioniert. Schließlich habe ich dann am Pariser Konservatorium studiert. Bei einem sehr guten Lehrer, János Fürst. Er hat nämlich selbst noch viel dirigiert. Viele Dirigierprofessoren machen das ja gar nicht mehr. Er hatte also viel Erfahrung und einen sehr guten Einblick in die Mechanik eines Orchesters. Es gibt so viele Aspekte beim Dirigieren, die man eigentlich nur sehr schwer beschreiben kann. Mit ihm als Lehrer war ich sehr glücklich.

Sind Sie jetzt zu ihrem Amtsantritt beim Gürzenich-Orchester wirklich nach Köln gezogen?

Ja, ich lebe in Köln und Paris.

Und wie ertragen Sie Köln? Das ästhetische Gefälle zu Paris ist ja nicht unerheblich …

Köln ist nicht schöner oder weniger schön als Paris. Köln ist ganz neu für mich. Ich lerne gerade erst die verschiedenen Stadtteile kennen und liebe diese Stadt immer mehr. Die Stimmung ist hier so freundlich. Das haben wir in Paris gar nicht. Vielleicht eher im Norden von Frankreich, in Lille oder anderswo. In Paris können die Menschen offenbar nicht so sympathisch sein, vielleicht ist die Stadt dafür zu schön. In Köln ist das ein wenig anders.

Wollten Sie mit Ihren gleich so etwas wie ein Statement hinsichtlich Ihrer Liebe zu einem speziellen Repertoire abgeben?

Nein, ich wollte eher zeigen, wie gut dieses Orchester ist. Und beim Festkonzert kamen ausschließlich Werke, die vom Gürzenich-Orchester einst uraufgeführt wurden. Außerdem wollte ich ein Beispiel geben, wie man weniger populäre Werke mit sehr bekannten Stücken verbinden kann.

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Stört es Sie manchmal, dass viele denken, zu ›schwierigen Werken‹ müsse unbedingt auch immer etwas gesagt werden?

Nein. Das ist eine Frage der Balance. Manchmal ist es nötig, über die Musik zu sprechen. Ich spreche gerne mit dem Publikum! Und wir Musiker sind ja durch die neuen Formate entspannter, offener geworden. Wenn das Publikum merkt, dass wir Musik eigentlich nicht nur für einen kleinen Kreis von Zuhörern machen, dann ist das doch gut!

Im Orchesterbetrieb kann nicht jedes Abonnementkonzert immer ein wahres Fest sein. Kann man diese ganz besonderen, diese unvergesslichen Abende im Konzertsaal, die wir uns ja alle wünschen, irgendwie planen? Wie entsteht das Besondere?

Das hat viel mit uns Dirigenten selbst zu tun. Denn die Rolle des Dirigenten kann ja durchaus zu viel Kontrolle beinhalten. Es ist nicht immer einfach, das zu merken, aber: Musik ist unglaublich, Musik ist Zauber! Eine phänomenale Kunst. Routine ist dabei eine gefährliche Tendenz. Jedes Abonnementkonzert muss ein Happening sein! Diese Woche habe ich ja ein besonderes französisches Programm bei den Berliner Philharmonikern dirigiert. Und bei den Proben habe ich gesagt: ›Meine Lieben, wir machen Ravels La Valse natürlich nicht zwei Mal gleich! La Valse ist ein Happening, das ist kein normales Stück. Und die damit verbundenen Überraschungen sollen einen eigenen Platz im Konzert selbst haben.

Darin gibt es eine Stelle, die mich immer sehr angenehm überrascht: Nach etwa einem Drittel des Stückes spielen Oboe und hohe Streicher ihre Linie im Pianissimo zu Ende, man erwartet nichts Böses – und dann: ›Bämm!‹ Die GroSSe Trommel und die Pauke, dazu kommen noch Blechbläser und Kontrabässe, hauen einem plötzlich einen krassen Fortissimo-Schlag ins Gesicht. Ist das einer der schönsten Schock-Momente der Musikgeschichte?

Ja. Und davon gibt es darin viele. Das Ganze hat aber vor allem mit einer unglaublichen Dramaturgie zu tun. Es geht natürlich um einen Walzer. Und Ravel scheint alles über den Walzer zu wissen: Was ist dieser Tanz eigentlich? Welche Bedeutungen hat er in Europa schon gehabt? Das Werk ist einerseits eine Hommage an alle seltsamen Instrumente im Orchester: Bassklarinette, Kontrafagott, Kontrabässe, Große Trommel, Bratschen. Die Bratschen haben hier die hübschesten Melodien! Und ein bisschen ist das Gesamtkonzept wie beim Bolero. La Valse und Bolero sind überhaupt wie Brüder. Mehr Konzept als Musik. Es geht gar nicht in erster Linie um ›schön‹ oder ›nicht schön‹. Das Konzept ist entscheidend. Als Ravel 1914 sein Klaviertrio komponierte, schrieb er einem Freund: ›Mein Trio ist fertig. Es fehlen mir nur noch die Themen!‹ Das war ein sehr neuer Ansatz und hat sich dann über John Cage und Karlheinz Stockhausen fortentwickelt.

MAURICE RAVEL: LA VALSE, ORCHESTRE SYMPHONIQUE DE MONTRÉAL, CHARLES DUTOIT (DIRIGENT); DECCA, 1983

Und aktuell gibt es ja wieder eine neue Generation von Konzept-Komponist/innen …

Ja, genau. Aber es ist manchmal schwierig, Komponisten mit wirklich starken Ideen und Konzepten zu finden. Das hat vielleicht mit unserer Zeit zu tun, in der wir leben. Es gibt ja auch eine konservative Tendenz in der Neuen Musik der letzten Jahre. Das finde ich schade. Für mich gibt es eigentlich zu wenig wirkliche Avantgarde.

Sollten Komponist/innen also wieder radikaler werden?

Die Gesellschaft braucht Komponisten mit Risikobereitschaft. Viel zu häufig schreiben Komponisten Musik, die wir so eigentlich schon kennen. Die Aufgabe von Komponisten ist es, neue Wege zu gehen, neue Territorien zu erforschen, Recherchen zu betreiben, all das zu machen, was es noch nicht gibt. Unter den Komponisten, die ich kenne, gibt es tolle Leute. Aber viele sind einfach zu schüchtern in ihrer Musik.

Nein. Und das kann man ganz gut erklären. Denn das Orchester ist ja so vielfältig und hat so viele Aufgaben. Es ist das Orchester der Kölner Oper und gleichzeitig ein Konzert-Orchester. Und natürlich hatten seine vielen Dirigenten jeweils ganz verschiedene Interessen. Die gemischten internationalen Einflüsse machen das Orchester sehr flexibel und gar nicht prädestiniert für ein ganz bestimmtes Repertoire. Mahler zum Beispiel hat seine dritte und fünfte Sinfonie hier uraufgeführt, weil das Orchester sehr offen war. Aber für ein paar Jahrzehnte war Mahlers Musik ja fast vergessen. Dadurch gab es eine Unterbrechung. Günter Wand beispielsweise hat hier viel Bruckner dirigiert, James Conlon viel Alexander Zemlinsky. Und ich bringe wieder andere Musik mit. Französische Musik funktioniert mit dem Orchester sehr gut, russische Musik klingt hier toll, dank . Das Gürzenich-Orchester ist flexibel und open minded.

Tatsächlich geht es mir so, dass, wenn ich beispielsweise das Orchestre de Paris höre, französische Musik einfach anders klingt. Kann man das technisch erklären? Machen die Geigen etwas anders? Verbinden die die Klänge einfach auf eine bestimmte Weise geschmeidiger, ›französischer‹?

Das ist schwierig zu beantworten. Die festen Orchester in Frankreich sind momentan ehrlich gesagt gar nicht so gut. Das Orchestre National du Capitole de Toulouse dagegen ist ein sehr gutes Orchester. Die interessantesten Ensembles in Frankreich sind die verschiedenen Projekt-Orchester, wie Les Musiciens du Louvre, das Ensemble Pygmalion oder mein Ensemble Les Siècles. Wir haben einen unglaublichen Schatz, was die musikalische Ausbildung in Frankreich angeht. Aber es ist beispielsweise problematisch, dass französische Orchester sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht stärker der französischen Musik gewidmet haben. Viele dachten, ›wir müssen auch hier viel Brahms, viel Bruckner und Mahler spielen‹. Aber unsere eigene Musik wird gar nicht so häufig auf das Programm gesetzt. Natürlich spielen alle französische Orchester die Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Aber Musik von Paul Dukas und Albert Roussel kommt dabei zu kurz. Das hat auch mit den Instrumenten zu tun, die im Orchester gespielt werden. Wir hatten hier das großartige basson français, das ist fast ganz vergessen. Unsere Stärke ist allerdings die Spontaneität. Das ist ganz anders als in Orchestern aus Deutschland oder England. Die französische Spontaneität im Spiel ist eher vergleichbar mit dem Temperament von italienischen Ensembles. Und diese Spontaneität ist toll – und gefährlich (lacht)!

Im Bereich Film und Fernsehen ist in den letzten FÜNF Jahren so etwas wie eine Revolution passiert. Jüngere Menschen schauen nicht mehr, was die TV-Sender anbieten, stattdessen werden Inhalte über Streamingdienste individuell abgerufen, Und zwar zu jeder Zeit, an jedem möglichen Ort. Steht die klassische Musik vor einer ähnlichen Revolution, was die Rezeption anbelangt?

Vielleicht. Jedenfalls sieht man das bei den vielen neuen Formaten, die es jetzt gibt. Für junge Leute sind kurze Konzerte oder Lunch-Konzerte doch eine tolle Sache. Oder ein sehr langes Konzert mit zwei, drei Pausen. Musik bleibt aber eine Zeit-Kunst. Bei einem Live-Konzert können wir eben nicht auf ›Stop‹ oder ›Pause‹ drücken. Musik dauert! Der Konzertsaal ist der letzte Ort in unserer Gesellschaft, wo man ein wirklich besonderes Gemeinschaftserlebnis haben kann. Es gibt Züge und U-Bahnen, aber dabei geht es ja nur um etwas ganz Praktisches, nämlich die Bewegung von einem Ort zum anderen. Aber dass wir entscheiden, in einen Saal zu gehen, in dem noch andere Leute sitzen, in dem wir Musik hören, die wir noch nicht kennen: Das ist etwas Einmaliges und Besonderes.

Ist für Sie die Stille nach dem Verklingen einer Sinfonie ein heiliger Moment?

Ja. Aber auch bereits die Momente vor dem ersten Erklingen, die Momente dazwischen und natürlich das Ende: Das ist alles bereits Musik. Musik ist keine Dekoration, sondern viel mehr. Ich selbst zum Beispiel bin kein Dirigent, der sofort losdirigiert, wenn er zum Pult gegangen ist. Ich brauche davor einen kurzen Moment der Ruhe.

Und hatten Sie schon einmal den Gedanken, die Musik abzubrechen, weil in den schönsten Moment ein Mobiltelefon im Saal hineinklingelt?

Nein. Das kann passieren. Es ist sehr interessant zu sehen, was passiert, wenn ein Telefon im Saal klingelt. Denn man merkt dann, wie stark eigentlich die Konzentration des Publikums auf die Musik ist. Auch das Husten des Publikums im Konzertsaal ist so ein Thema. Das hat ja nur wenig mit dem Wetter draußen zu tun. Viele Menschen können einfach mit so viel Emotion nicht umgehend. Manche Menschen habe vor Stille geradezu Angst. Und dann wird diese Angst eben weggehustet. Allerdings gab es auch zu Mozart-Zeiten bestimmt schon viel Lärm im Konzertsaal. Aber diese Momente der Stille sind natürlich unglaublich schön. Diese gemeinsame Zeit, die das Orchester, der Dirigent und das Publikum miteinander verbringen … ich war neulich in Köln in einem wunderschönen Kino, dem Residenz. Da gibt es so tolle, große Sessel. Man liegt fast so gut wie in einem Bett. Und das verändert die Rezeption des Filmes total. Und so etwas könnte man sich doch in einem Konzertsaal auch häufiger vorstellen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.