Sobald es um Rassismus, Kolonialismus, Gendersternchen oder ähnliches geht, verliert so manch ein Feuilletonist scheinbar den Verstand – zuletzt eindrucksvoll unter Beweis gestellt von Manuel Brug in der Welt. Vermutlich träumen solche Menschen des Nachts vom islamo-queeren, kulturmarxistischen Cancel-Culture-Mob, der gekommen ist, um Klassik zu verbieten und Salzburg in Kanakistan umzubenennen. Leider geht dabei häufig das unter, was eigentlich auch für die Klassik eine Chance sein könnte: ein anti-rassistischer Perspektivwechsel. Wie nötig der ist, zeigt sich am Beispiel von Monostatos, einer stereotypen Figur eines Schwarzen Menschen in Mozarts Zauberflöte.

Monostatos, die Phantasiegestalt Mozarts, betrat 1791 zur Uraufführung der Zauberflöte im Freihaustheater Wien zum ersten Mal die Bühne. Die Figur zeigt Stereotype, die im späten 18. Jahrhundert Schwarzen Menschen zugeschrieben wurden: In den meisten Inszenierungen erscheint er als dümmlich, gefährlich, schmutzig und einsam. Ihm, dessen Name »alleinstehend« bedeutet, ist nicht zu trauen. Er hat böse Absichten und begehrt eine weiße Frau, welche er durch Androhung von Gewalt zur Liebe zwingen möchte. Als Papageno, der (heimliche) Held der Oper, und Monostatos sich zum ersten Mal erblicken, erschrecken sie aufgrund des Äußeren ihres Gegenübers beide und attestieren: »Das ist der Teufel sicherlich.« Wenig später folgt eine durchaus rassismuskritische Reflexion Papagenos, der sich fragt: »Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich schrecken ließ? Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?« Während Pagageno kritisch denkt, hat Monostatos nur eines im Sinn: Dem Feuer, das in ihm glimmt, nachzugehen und sich an der weißen Frau zu vergreifen. Pamina, die Heldin der Oper, wird als sein Gegenstück dargestellt. In den Worten Papagenos: »Schön Mädchen, jung und rein, viel weißer noch als Kreide.« Den sexuellen Übergriff kontemplierend singt Monostatos: »Alles fühlt der Liebe Freuden, schnäbelt, tändelt, herzet, küsst; Und ich soll die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist. Ist mir denn kein Herz gegeben? […] Lieber, guter Mond – vergebe. Eine Weisse nahm mich ein! […] Weiss ist schön! – ich muss sie küssen; Mond! verstecke dich dazu! – Sollt es dich zu seh’n verdriessen, O so mach die Augen zu.« Monostatos stellt Pamina vor die Wahl: Sie soll ihm ihre Liebe schenken oder sterben. Als sie sein Angebot ausschlägt, antwortet er: »Nein? Und warum? Weil ich die Farbe eines schwarzen Gespensts trage? Nicht? Ha so stirb!«, und versucht sie umzubringen.

Monostatos soll das Publikum zum Lachen bringen mit rassistischen Klischees vom über-sexuellen, gefährlichen und dümmlichen Schwarzen Mann. Musikwissenschaftliche Kreise haben sich über Mozarts Phantasiegestalt viel den Kopf zerbrochen. Entwarf Mozart Monostatos nach Angelo Soliman, einem Afrikaner, der zu Mozarts Zeiten in Wien als Freimaurer sowie Erzieher der Kinder von Prinz Liechtenstein Berühmtheit erlangte und der nach seinem Tod ausgestopft und in einem Kuriositätenkabinett ausgestellt wurde? War Mozarts Kreation ein subtiler, rassismuskritischer Kommentar auf die Stereotypisierung Schwarzer Menschen der Zeit? Mozart – der ja, seine musikalischen Fähigkeiten einmal ausgenommen, eher den Intellekt eines nervigen Kleinkindes gehabt zu haben scheint – einen antirassistischen Impetus zu unterstellen, ist sehr wahrscheinlich grober Unsinn. Zumal es zu seiner Zeit durchaus Menschen gab, Schwarze wie weiße, die Kolonialismus, Rassismus und sogar Alltagsdiskriminierung tatsächlich vehement anprangerten. Der afrikanische Rechtswissenschaftler Anton Willhelm Amo beispielsweise verfasste bereits 1729 eine Schrift zur »Rechtsstellung der Mohren in Europa«. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass Mozart als Kind seiner Zeit schlichtweg einen rassistischen Diskurs über Schwarze Menschen reproduzierte.

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Die Figur des Monostatos entstand in einem Europa, das sich mitten in einem durch die Französische Revolution ausgelösten gravierenden Wandel der Kräfteverhältnisse befand. Der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um die Welt. Doch während für die einen Menschenrechte verkündet wurden, wurde zeitgleich das Konzept »Rasse« zu einer (pseudo)wissenschaftlichen Kategorie. Im späten Mittelalter war das Konzept verschiedener Menschenrassen im Zuge der katholischen Reconquista noch insbesondere auf Jüd:innen und muslimische Menschen innerhalb Europas angewandt worden. Mit dem aufkommenden Kolonialismus jedoch wurde Rassismus als Ideologie auf weitere Personengruppen ausgeweitet. Die frühe kapitalistische Moderne globalisierte das Konzept der biologischen und kulturellen Überlegenheit bestimmter Menschengruppen und rechtfertigte so im Zeitalter der Aufklärung brutalste Ausbeutung, Versklavung, Kolonialisierung und Genozide. Rassismus entstand als nachträgliche Rationalisierung eines grausamen Gewaltverhältnisses.

Etwa zehn Jahre nach der Uraufführung der Zauberflöte schrieb Mozarts Zeitgenosse, der Philosoph Immanuel Kant:

»In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. (…) Der Einwohner des gemäßigten Erdstriches, vornehmlich des mittleren Theiles desselben ist schöner an Körper, arbeitsamer, scherzhafter, gemäßigter in seinen Leidenschaften, verständiger als irgendeine andere Gattung der Menschen in der Welt. Daher haben diese Völker zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch die Waffen bezwungen.«

Wie viele Philosophen der Zeit unterteilte Kant Menschen in verschiedene Rassen. Er nahm diese zum Ausgangspunkt, um die einen auf- und die anderen abzuwerten. Recht beliebige physiognomische und kulturelle Merkmale wurden in Verbindung gebracht mit Dispositionen bezüglich »Intelligenz«, »Charakter«, »Themperament« etc.

Die kolonialrassistischen Ideologien sind ein Ausdruck damaliger gesellschaftlicher Macht- und Unterdrückungsverhältnisse. Auch die Figur Monostatos ist Teil davon. Die dargestellten rassistischen Stereotype schaffen klare Grenzen zwischen dem Wiener Publikum der Zeit und dem als »Mohr« rassifizierten Monostatos. Auf diese Weise reproduziert sich eine Einteilung zwischen dazugehörig und nicht-dazugehörig, normal und anormal, akzeptabel und inakzeptabel. Rassismus als Praxis der Unterscheidung ermöglicht so, dass sich eine soziale Gruppe zusammenfindet, einer anderen sozialen Gruppe entgegenstellt und sie lachend unterordnet.

Zeitgleich, ebenfalls im Jahr 1791, begann über 7.000 Kilometer von Wien entfernt die haitianische Revolution. Versklavte Afrikaner:innen schlossen sich zusammen, traten aus dieser rassistischen Kategorie heraus, besiegten die kolonialistischen Truppen und gründeten die erste freie, Schwarze Republik. Toussaint Louverture, einer der bekanntesten Persönlichkeiten unter ihnen, fasste ihre Forderung wie folgt zusammen:

»It is not a liberty of circumstance, conceded to us alone, that we wish; it is the adoption absolute of the principle that no man, born red, black or white, can be the property of his fellow man.«

»Es sind keine besonderen Freiheiten, die nur für uns gelten, die wir uns wünschen; es ist die uneingeschränkte Gültigkeit des Grundsatzes, dass kein Mensch, egal ob rot, schwarz oder weiß geboren, das Eigentum eines anderen Menschen sein kann.«

Von dieser Schwarzen Revolution wissen hierzulande heutzutage nur wenige, während die rassifizierende Zauberflöte die meistgespielte Oper auf deutschen Spielplänen ist.

In neueren Inszenierungen wird Monostatos meist nicht mehr als »Mohr« dargestellt, sondern als abstraktes Monster. Statt der Zeilen »weil ein Schwarzer hässlich ist« singen einige »weil ein Diener hässlich ist«. Was die Kostümierung angeht, ist von blau geschminkt über (viele!) Nosferatu-ähnliche Gestalten bis zum Fetisch-Outfit alles dabei.

Eine Nosferatu-Version, allerdings wird hier noch »weil ein Schwarzer hässlich ist« gesungen.

Oberflächlich scheint so das Problem gelöst. Doch sollte es der Opernwelt, wenn sie Antirassismus und das Erbe Haitis ernstnehmen möchte, nicht um die oberflächliche Veränderung von Erscheinungsbildern gehen, sondern darum, dass nie wieder Menschen oder Menschengruppen nach dem Prinzip Monostatos dargestellt, als anders markiert, ausgegrenzt und abgewertet werden. Egal wie sie aussehen.

Rassistische Stereotype in der Zauberflöte und was sie für Inszenierungen heute bedeuten. Ein Kommentar von Vincent Bababoutilabo in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ein antirassistischer Perspektivwechsel findet erst dann statt, wenn sich der Blick von Monostatos löst und ein kritischer Umgang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die das Fortbestehen der Figur ermöglichen, gefunden wird. Hierfür gibt es leider keine Patentrezepte, aber so entfaltet sich ein enormes Potenzial für kreative künstlerische Prozesse. Wir brauchen Inszenierungen, die den Rassismus der damaligen Zeit offenlegen, Kontinuitäten aufzeigen sowie aktuelle Kämpfe gegen Ausgrenzung, Unterdrückung und Ausbeutung miteinbinden. Die Oper könnte so ein Ort werden, der Menschen zusammenbringt und alte Trennungen überwindet. Neue Fehler wagt, statt alte zu wiederholen. Auch Inszenierungen der Zauberflöte könnten so ein Fenster werden, durch das wir in eine gerechtere Welt schauen können, in der wir ohne Angst verschieden sein können. Wir haben es bitter nötig. ¶

Vincent Bababoutilabo

Vincent Bababoutilabo ist Musiker, Autor und Aktivist an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. In seinen künstlerischen und politischen Projekten fokussierte er in den letzten Jahren insbesondere die Bereiche Migration, Flucht, Dekolonisierung, Ausbeutung und Widerständigkeit sowie die Suche nach positiven Visionen für eine gerechte Gesellschaft, in der wir alle ohne Angst verschieden sein können. Er ist Mitglied in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen wie bspw. dem NSU-Tribunal...