Seit 13 Jahren gibt es das Impuls Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt. Nun droht das Aus: Das Land hat dem Festival die Förderung entzogen. Hartmut Welscher hat mit Intendant Hans Rotman, der das Festival seit 2008 leitet, über konservative Kulturpolitik, die Ränkeschmiede hinter den Kulissen und die Bedrohung durch die AfD gesprochen. 

Hans Rotman • Foto © Peter Adamik

VAN: Das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt hat Ihren Förderantrag für 2021 abgelehnt. Mit welcher Begründung?

Hans Rotman: Das Festival sei ›kein Landesbelang‹ mehr. Wir haben immer versucht herauszufinden, wieso das Ministerium uns 13 Jahre lang gefördert hat und jetzt plötzlich nicht mehr. So richtig klar geworden ist es uns allerdings bisher nicht. Ich habe zwei Gespräche mit dem Kulturminister Rainer Robra geführt, die nichts gebracht haben, außer den üblichen widersprüchlichen Vorwürfen: Erst hieß es, wir seien nicht international genug. Dabei haben wir letztes Jahr sogar unsere Nachwuchsförderung, die immer ein wichtiger Bestandteil des Festivals war, um einen internationalen Horizont erweitert, indem wir dort mit fünf anderen europäischen Festivals kooperieren. Jetzt heißt es plötzlich, wir seien nicht regional genug. Auf einmal darf alles nur ›Sachsen-Anhalt‹ sein. Uns wird vorgeworfen, nicht genug für Komponistinnen und Komponisten aus Sachsen-Anhalt zu tun, was natürlich auch Wahlkampfgetöse ist. Du kannst für Komponist:innen nur attraktiv werden, wenn du europäische Perspektiven aufzeigst, wenn jemand weiß, dass wenn er in Halle aufgeführt wird, sich auch die Chance eröffnet, in Utrecht oder Siena gespielt zu werden. Gerade diese Öffnung haben wir jetzt. Und gerade jetzt sagen sie, wir müssten regionaler werden.

Sie haben mir letztes Jahr erzählt, dass das Festival ›an nach weit rechts verschobenen, politischen Verhältnissen für immer zu scheitern droht‹. Ist das jetzt eingetreten?

Ja, das glaube ich sicherlich. Auch der Deutschlandfunk hat einmal aus der Staatskanzlei Signale gehört wie ›zu links, zu neu‹. Ich glaube, es wurde auf den Vorsitzenden unseres Vereins, Andreas Henke gezielt, den ehemaligen Oberbürgermeister von Halberstadt. Er setzt sich sehr für die Neue Musik ein und ich war heilfroh, dass er unser Vorsitzender wurde. Aber er ist Mitglied der Linkspartei. Da habe ich schon verstanden, wie das in so einem kleinen Bundesland geht. Da werden kleine Fallen gestellt, das ›zu links‹ wurde dann kombiniert mit ›Ausländer‹, das war ich, der nicht mal in Sachsen-Anhalt wohnt.

In einem MDR-Interview hat der Kulturminister und Chef der Staatskanzlei Rainer Robra (CDU) gesagt, dass er vermisst habe, dass Sie im letzten Jahr mal auf ihn zugekommen wären. Seine Tür stehe immer offen, Sie hätten sich aber nicht an dem Diskussionsprozess beteiligt.

Als ich das im MDR hörte, habe ich sofort eine Mail an ihn geschickt und geschrieben, dass ich gerne durch die Tür eintreten würde. Ich habe dann auch einen Termin bekommen. 

Wie lief das Gespräch?

Ich kenne Rainer Robra schon lange, er war ja zweimal unser Schirmherr und stand regelmäßig zur Eröffnung auf dem Podium und hat staatstragend geredet. Und auf einmal siehst du die gleiche Person vor dir und er fängt an, dir Vorwürfe zu machen, nach dem Motto: ›Sie wohnen ja nicht einmal in Sachsen-Anhalt.‹ Dann muss ich erklären, dass ich ja gerne wieder in Sachsen-Anhalt wohnen würde, aber wenn es überhaupt keine Vertragssicherheit gibt, sondern wir jedes Jahr neu vor der Unsicherheit stehen, ob der Projektantrag genehmigt wird oder nicht – wie soll ich dann meiner Familie vermitteln, dass wir nach Sachsen-Anhalt ziehen? 

ANZEIGE

Eine längerfristige Förderung war nie ein Thema?

Nein, selbst wenn das Kulturministerium es gewollt hätte, das Finanzministerium hätte es blockiert. Die haben politisch festgelegt: Es gibt die Händel-Festspiele, es gibt die Telemann-Tage, es gibt das Kurt-Weill-Fest, basta. Jetzt heißt es, man wolle statt Impuls lieber kleine Initiativen und Projekte fördern. Gleichzeitig fördern sie mit KlangART-Vision ein neues Festival, das im Grunde ähnlich funktioniert wie unseres, mit dem Dreifachen an Mitteln. Das ist nicht sehr glaubwürdig. 

Wie entstand dieses KlangART-Vision Festival?

Herr Haseloff und Herr Robra sind große Fans der Filmmusiktage in Halle. Dessen künstlerischer Leiter Markus Steffen ist nun auch der Leiter des KlangART-Vision Festivals geworden. Weil der Staatssekretär für Kultur, Gunnar Schellenberger, zwei Jahre lang versprochen hat, einen Plan für die Neue Musik in Sachsen-Anhalt zu entwickeln, aber nie was gemacht hat, ist das jetzt der einfachste Weg. Das wirft uns um Jahre zurück. Auf einmal heißt es wieder, Prokofiev sei Neue Musik. 

Rainer Robra hat außerdem gesagt, dass in Ihrem Antrag der Kostenansatz insgesamt abgesenkt, aber die Overhead-Kosten hochgegangen seien, ›für einen weiteren Assistenten und einen Kurator, alle nicht aus dem Land Sachsen-Anhalt, da fragt man sich dann schon: Wo ist der Mehrwert für das Land Sachsen Anhalt?‹

Ja, das habe ich schon öfter gehört. Dahinter steckt die berühmte Annahme, dass man als Künstler von seiner Arbeit nicht leben darf. Wenn es um Projekte geht, muss es so billig wie möglich sein. Das ist eines der Argumente, das mich sehr aufgeregt hat, weil es so fadenscheinig ist. Wir haben ein Landesverwaltungsamt, das alle Anträge auf Verhältnismäßigkeit prüft. Wir haben unsere Drittmittel von Jahr zu Jahr so gesteigert, dass das Land am Ende nur 30 Prozent bezahlt hat und 70 Prozent aus Drittmitteln kamen, was, glaube ich, selbst europaweit ziemlich einmalig ist. Hätten wir die Drittmittel nicht gehabt, hätten sie uns das wahrscheinlich zum Vorwurf gemacht. Ich bin langsam echt sauer. Wir haben alles versucht, haben kooperiert, uns im Landtag erklärt, alles offen gelegt … Ich glaube, wir können machen, was wir wollen, die Staatskanzlei will uns seit 2018 weghaben.

Was ist 2018 passiert?

Damals sollten wir mit den Magdeburger Telemann-Festtagen fusioniert werden, um Magdeburgs Bewerbung als europäische  Kulturhauptstadt zu stärken. Man wollte Alte und Neue Musik zusammenschmeißen und Michael Kaufmann [ehemaliger Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz] als Intendanten bestellen. Damals stand ich im Weg, und auch der Verein, auf den das Ministerium keinen Durchgriff hatte, anders als im Falle André Bückers [dem ehemaligen Intendanten des Anhaltischen Theaters Dessau] und Philipp Oswalts [dem ehemaligen Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau]. Der Plan scheiterte auch deshalb kläglich, weil die Stadt Magdeburg nicht mitgenommen wurde. Aber ab da wusste ich, dass wir in der Staatskanzlei keine Lobby mehr haben. Und so war es dann auch, plötzlich hieß es, der Rotman muss weg, und als der Verein sagte: ›Nein, wieso?‹, sollte der Verein weg. Das kriegt man nur hin, indem man ihm die finanzielle Unterstützung entzieht. 

Am 9. März 2018 wurde auf einer Landtagssitzung ein Antrag der Linkspartei gegen die Kürzung der Landesmittel für das Impuls Festivals diskutiert. Der Antrag wurde abgelehnt, im verabschiedeten Alternativantrag der regierenden Koalitionsfraktionen CDU, SPD und Grüne wurden Staatskanzlei und Kulturministerium gebeten, ›gemeinsam mit allen Beteiligten in einem offenen dialogischen Prozess über die weitere Entwicklung und Förderung zeitgenössischer Musik in Sachsen-Anhalt zu sprechen‹. Hat dieser Prozess stattgefunden?

Es gab seit 2018 drei große Runden zwischen dem Ministerium und allen unseren Partnern. Wir sind immer ausdrücklich ausgeladen worden. Es gab nie den Wunsch zum Gespräch. Stattdessen wurde dort versucht, unser Netzwerk zu diskreditieren. Wenn über uns, statt mit uns geredet wird, kann das nur heißen, dass die Staatskanzlei Druck gemacht hat, die Zusammenarbeit mit uns nicht fortzusetzen. Teilweise wurden unsere Partner auch eingeschüchtert, sonst hätten wir nicht so viele Kooperationen mit den Landesorchestern verloren. Die Grünen und die SPD haben sicherlich im letzten Moment versucht, auf die CDU einzuwirken. Ohne die beiden gäbe es uns vielleicht schon längst nicht mehr. Aber es ist wie der Finger im undichten Deich, wie wir in Holland sagen. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft einer aus der Staatskanzlei in den Landtag gelaufen ist mit Zahlen, die nicht gestimmt haben, mit Begründungen, die nicht gestimmt haben … da kommst du nicht hinterher, dann ist es schon zu spät. 

Kulturförderung auf Bundes- und Landesebene kommt oft dann zustande, wenn Kulturschaffende über den ›richtigen Draht‹ zu ihren jeweiligen Bundestagsabgeordneten oder der Landespolitik verfügen. Warum hat das bei Ihnen nicht geklappt?

Wir sind unbequem, dann noch mit einem Vereinsvorsitzenden der Linken, das ist hier die total falsche Farbe, um Lobby zu finden. Ich habe immer gedacht, unsere Arbeit ist unsere Lobby. Aber was wir da gemacht und erreicht haben, zieht alleine überhaupt nicht. Wir haben versucht, mit dem Festival und den Institutionen vor Ort einen Beitrag zu leisten, dass Komponistinnen und Komponisten gerne hierher kommen und arbeiten. Ich glaube, das hat ein Ministerium, das vor allem auf das Bewahren aus ist, nie verstanden. 

Die AfD verfolgt schon lange die Abschaffung des Impuls Festivals und hat die Streichung der Mittel sogar ins Programm für die diesjährige Landtagswahl geschrieben. Man wolle ›mit Staats- und Steuergeld nur noch solche Kunst fördern, die ihrer eigenen deutschen Kultur grundsätzlich bejahend gegenübersteht‹. Sie selbst bekamen Hassmails und Drohbriefe mit Patronenhülsen. Haben Sie dagegen eigentlich Unterstützung aus der Politik erfahren?

Nein, ich habe das aber auch nie als Vorwand für meine Kritik an der Staatskanzlei benutzt. Es widerstrebt mir, die Verteidigung der Kunst mit meinen persönlichen Angelegenheiten zu vermischen, das finde ich nicht fair. 

Dem Impuls Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt droht das Aus. Intendant Hans Rotman über das schwierige kulturpolitische Umfeld und die Bedrohung durch die AfD. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Hat sich die AfD schon zur Streichung der Mittel geäußert?

Ich habe nichts gehört. Wenn sie clever sind, halten sie die Füße still. Die müssen nichts machen, das macht die CDU schon alleine.  ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.