Arnold Schönbergs 150-Jahr-Jubiläum im September ist irgendwie dann doch eine Sache der Zirkel geblieben, ein Fest für Eingeweihte. Hatte ich hier schon festgestellt. Dieser Jubeljahrgang gehörte Bruckner, und dann kam lange nichts. Bruckner scheint der Mann der Stunde. Man kann das vielleicht erklären: Seine symphonischen Romane werden, live oder konserviert, im musikmedialen Diskurs vor allem als attraktives Immersionsangebot verstanden und verkauft. Was fürs introspektive Einkuscheln, wo sich draußen die Weltlage verfinstert. Ein Quantum Trost, oder das Versprechen darauf. Soll man sich wundern, dass, im Vergleich dazu, der Mann der Methode (der »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« und nach festgelegten Verfahren) nicht so recht ins Hauptprogramm passen wollte?
Fragt man aber, was für eine Musik die Musik unserer Gegenwart sein könnte, käme man vielleicht zum genau gegenteiligen Ergebnis. Dann wären nicht die glaubensgewissen Bruckner-Kathedralen des Erhabenen der Sound des großen Heute, sondern eher die magengrubenmäßig verunsichernden Vorgefühle aus Schönbergs Fünf Orchesterstücken op. 16, Vorkriegsahnungs-Töne, erspürt 1909, betitelt 1922. Das ist alles andere als klingende Mathematik, keine kühle Hirnakrobatik, sondern der expressionistisch getriebene und unbedingt sinnliche Schritt ins Atonale. Oder das dunkle Tremolo der Begleitmusik zu einer Lichtspielscene aus dem Jahr 1929, deren Satzbezeichnungen Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe doch ziemlich nah am Kopfkino nicht weniger Leute im Herbst 2024, ein paar Tage nicht nur vor der US-Wahl, es droht ja allerhand.
Und auch die intellektuelle Spröde der Stücke aus der A-Rotation im Radio Adorno – der Zweiten Kammersymphonie, der Klavierstücke op. 23 oder der Serenade op. 24 – lässt sich hören nicht nur als strenge Exerzitien angewandter Theorie, sondern vor allem als rigider, ja verzweifelter Versuch, Ordnung zu schaffen, wo die Gewissheiten schwinden.
»Mit Schönberg Liebe hören« ist so gesehen eine wunderbare Überschrift der Jubiläums-Ausstellung im Wiener Arnold Schönberg Center. Der Titel ist schon raffiniert, denn ich lese reflexhaft »Schönberg mit Liebe hören«, und das ist ein guter Vorschlag. Auf den zweiten Blick geht es also um Liebe als kreative Triebkraft, um die Momente, in denen sie, flüchtig und zart oder überwältigend, hörbar wird. Schönberg als Liebender, das ist die andere Seite des Hüters der Gesetze und Mannes der »Methode«. Der liebende Schönberg, der tausendmal 1.000 Küsse an Gertrud verschickt und sich gar nicht halten kann, später der Ehemann im tödlichen Eifersuchtsdrama (als er seine Mathilde mit dem Maler Gerstl erwischt), der Leidenschaftliche, der Tieftraurige, der lächelnde Vater. Tolles Thema, guter Titel, leider kommt die Ausstellung selbst, Exponat an Exponat im Hufeisenparcours gereiht, arg nüchtern und wenig wunderbar daher. Da muss man die Liebe schon mitbringen, geweckt wird sie nicht.
Das geht besser, wenn was zu gucken, nicht nur zu entziffern ist. Das im Schönberg Center rekonstruierte letzte Arbeitszimmer in Los Angeles (1936–1951) zum Beispiel, die Höhle eines Erfinders, nicht nur von schwarzen Punkten auf Papier, sondern auch von Klebebandrollern, von Bleistift- und Federkästchen, hundert praktischen Sächelchen, darunter ein früher »Ozalidkopierer«; die kleinen Zwölftonrechenschieber, das Patent zur längeren Brauchbarkeit von Rasierklingen und so weiter: Hier waltete ein gewaltiger Gestaltungsgeist, im Großen wie im Kleinen, in Theorie und Praxis, in sehr konkreter Arbeit an der Veränderung der Welt. Damit sich »etwas bewegt« – um eine typische Satzbezeichnung zu zitieren. Es wird höchste Zeit, dass das Schönberg-Jahr beginnt, bevor es vorbei ist. Man lese die Zeichen an der Wand (der Wiener Ausstellung): Liebe – Begeisterung! ¶


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