Der Tempelhofer Flughafen beflügelt schon lange die Fantasien Berliner Kulturschaffender. »Wenn ich mir die Welt aussuchen könnte: Gebt mir einen Hangar in Tempelhof, baut mir das Ding aus und gebt mir fünf Millionen Euro im Jahr«, sagte Matthias Lilienthal 2012 beim Abschied vom HAU. Das Geld gab ihm niemand. Aber Lilienthal erzählte Chris Dercon, dem designierten Intendanten der Volksbühne, von seiner Idee. Am 24. Dezember 2014 organisierte die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH eine Ortsbegehung für die beiden: »Der Besuch war toll, es gab eine Tempelhof-Mitarbeiterin, die Matthias und mich empfangen hat. Es war sehr kalt und sonnig an diesem Tag, ich war sehr, sehr begeistert«, erinnert sich Dercon. »Die Turbine Hall der Tate Modern ist groß, aber diese Hangars sind noch viel größer, und man kann sogar die Türen zum Tempelhofer Feld aufschieben.« Auch Dercon kalkulierte mit einem Budget von 5 Millionen Euro im Jahr. Dafür könnten, so seine Fantasie, jährlich 250.000 Besucher nach Tempelhof kommen. Daraus wurde bekanntlich auch nichts. Dercon konnte weder bei Stadt noch Sponsoren genug Geld für Tempelhof auftreiben. 2018 wurde er mit Schimpf und Schande davongejagt. (Hier die lesenswerte »Chronologie des Desasters«.) Was von ihm in Berlin blieb, war der Vorwurf, aus der Volksbühne eine »Eventbude« machen zu wollen. 

Ein paar Jahre später hat es dann doch noch geklappt mit dem großen Event im Tempelhofer Flughafen: Seit drei Jahren eröffnet die Komische Oper Berlin (KOB) dort alljährlich mit großem Brimborium die Saison. Den Auftakt machte im September 2023 Hans Werner Henzes Das Floß der Medusa im Hangar 1, im September 2024 folgte eine Adaption von Händels Messias im Hangar 4, vor zwei Wochen feierte am selben Ort Andrew Lloyd Webbers Rockoper Jesus Christ Superstar Premiere. Die Stückauswahl zeigt: Der Trend geht zum Spektakel. »Großereignis der Superlative: Nach hunderten Chorsänger:innen bei Händels MESSIAS in der vergangenen Spielzeit, erwarten Sie bei Jesus Christ Superstar nun mehrere hundert Tänzer:innen!«, lautet die Ankündigung im aktuellen Spielzeitheft.

»Niemals wäre eine solche Opulenz in den theatre districts der englischsprachigen Welt denkbar – staatlichen Subvention sei Dank«, jubelt der ›Tagesspiegel‹. »Muss das teuer sein. Und das bei den Sparvorgaben des Senats!«, wundert sich die ›Morgenpost‹. Wie teuer der »Superlativ« ist, geht aus einem Antrag der KOB an die Lotto-Stiftung Berlin zur finanziellen Unterstützung von Jesus Christ Superstar hervor, der VAN vorliegt: Dort werden die Gesamtausgaben für die Produktion mit rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt. Diese Summe bestätigen sowohl die Senatsverwaltung für Kultur als auch die KOB auf Anfrage von VAN. 

Woher kommt – trotz Sparkurs und Kürzungsdruck – das Geld, das Dercon und Lilienthal einst verwehrt wurde? Unter anderem aus dem sogenannten »Migrationsetat« von jährlich 3,26 Millionen Euro. Ihn stellt die Bauverwaltung der Komischen Oper für die Interimszeit im Schillertheater bis zur geplanten Rückkehr ins Stammhaus 2032 zur Verfügung.

In Senat und Kulturpolitik scheint die Auffassung vorzuherrschen, dieser Etat sei vor allem aufgrund der baulichen Beschränkungen des Schillertheaters und daraus resultierender Lager- und Logistikkosten notwendig. So bat die Grünen-Abgeordnete Oda Hassepaß in der Sitzung des Hauptausschusses vom 11. Dezember 2024 um Auskünfte, ob die Migrationskosten, mit denen die Komische Oper 2025 »den Spielbetrieb im Schillertheater« finanziere, und damit der Weiterbetrieb der Komischen Oper, gesichert seien. Hermann-Josef Pohlmann von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen gab in derselben Sitzung an, die Migrationskostenpauschale sei bei der Baumaßnahme eingeplant worden, um die »Mietkosten für den Ausweichstandort [Schillertheater]« abzudecken.

Auch die beiden Ko-Intendant:innen der KOB, Philip Bröking und Susanne Moser, halten in der Öffentlichkeit den Eindruck aufrecht, die Notwendigkeit eines Migrationsetats erwachse aus den baulichen Grenzen des Schillertheaters. Man brauche die Migrationskosten »für Mieten und Logistik, die sehr teuer ist, weil im Schillertheater kein Platz ist, Kulissen zu lagern«, so Bröking und Moser in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Juli 2024. Unter einem Bild der beiden im Saal des Schillertheaters heißt es: »Das Haus dient als Ausweichspielstätte, was allein schon jährlich um die 3,5 Millionen Euro Migrationskosten verursacht«. Im VAN-Interview sagte Bröking im November 2024, mit dem Migrationsetat würden »die Mehrkosten bezahlt, die dadurch entstehen, dass wir nicht in unserem Stammhaus spielen«. 

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Tatsächlich fließt der Großteil des Migrationsetats aber nicht in das Schillertheater, sondern die sogenannten Außenspielstätten, allen voran die Großproduktionen im Tempelhofer Flughafen: Laut aktueller Vereinbarung zwischen Bauverwaltung und Oper vom März 2023, die VAN vorliegt, werden jährlich fast 3 Millionen Euro, und damit über 90 Prozent des gesamten Migrationsetats, für Miete, Betriebskosten und Instandsetzung der Außenspielstätten verwendet. Demgegenüber stehen nur etwa 280.000 Euro für die Bereiche, für die der Etat offiziell veranschlagt wird: Zusatzlager, Transport- und Logistikkosten im Schillertheater. Daniel Wesener, Sprecher der Grünen-Fraktion für Kulturfinanzierung im Berliner Abgeordnetenhaus, zeigt sich über diese Verwendung auf VAN-Nachfrage überrascht. Er habe zwar gewusst, dass mit den Mitteln auch Außenspielstätten finanziert würden, »allerdings bin ich in der Tat davon ausgegangen, dass die sogenannten Migrationskosten größtenteils auf den Umzug ins Schillertheater zurückzuführen sind.«

Unter dem Motto »Raus in die Stadt« hatte die Komische Oper geplant, während der Sanierungszeit neben dem Interimsquartier Schillertheater verschiedene Außenspielstätten in ganz Berlin zu bespielen. Man wolle »in die Stadt ausschwärmen«, sagte Ko-Intendantin Moser im Februar 2020 in einer Sitzung des Kulturausschusses, und damit »Musiktheater auch in Regionen bringen, wo im Moment wenig Musiktheater ist«. Dafür schaue man sich auch Orte sehr nahe an der Grenze des S-Bahn-Rings an, wo man über einen längeren Zeitraum das Publikum entwickeln könne. »Die künstlerische Vision beinhaltet, dass wir in alle vier Himmelsrichtungen von Berlin präsent sind«, so Moser bei einer Anhörung im selben Ausschuss im Mai 2019.

Dass diese Idee einen Bedarf trifft, haben jüngst die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung gezeigt: Während die Akzeptanz für eine öffentliche Finanzierung von Kulturinstitutionen wächst, sinkt die Zufriedenheit mit Angeboten in Wohnortnähe –  insbesondere außerhalb des S-Bahn-Rings. Allerdings ist von der ursprünglichen Vision von »Raus in die Stadt« nicht viel übrig geblieben. Neben den Aufführungen im Tempelhofer Flughafen findet in der laufenden Spielzeit nur noch eine einzige Musiktheaterproduktion außerhalb des Schillertheaters statt –  die Kammeroper Selemo, eine Koproduktion mit und in der Neuköllner Oper. Um trotzdem den Eindruck einer Stadtpräsenz zu wahren, werden unter dem Slogan »Raus in die Stadt« mittlerweile auch Konzerte des Opernorchesters im Konzerthaus sowie das reguläre Musikvermittlungsprogramm ›Selam Opera‹ gefasst, das bereits seit 2011 läuft. 

»Raus in die Stadt« – das sind vor allem die teuren Produktionen in den Tempelhofer Hangars. Von den 3,4 Millionen Euro Produktionskosten für Jesus Christ Superstar werden allein 1,24 Millionen Euro aus dem »Migrationsetat« bezahlt – für Tribüne, Licht, Sound, Betriebskosten. Fast der gesamte Cast der Produktion – Dirigent, Band, Sänger – wurde eingekauft. Für die Besetzung engagierte die Oper eigens eine New Yorker Castingagentur. Noch im März waren Intendant Bröking und Regisseur Homoki zur Endauswahl nach New York geflogen. Die rund 300 Hobby-Tänzerinnen und -Tänzer bleiben hingegen unbezahlt. 

Wie teuer die Produktionen in den Hangars angesichts der schwierigen räumlichen und akustischen Bedingungen für Musiktheater werden, zeigt die Medusa-Produktion von 2023, deren Ausgaben VAN vorliegen: Stromversorgung 42.092 Euro, Videotechnik 246.620 Euro, Licht 213.338 Euro, Tribünen 107.000 Euro, Betriebskosten 171.748 Euro … Um den Nachhall im Tieffrequenzbereich im Hangar zu reduzieren, wurde eigens ein aufblasbarer Akustik- und Bassabsorber angeschafft. Kostenpunkt: 111.683 Euro. Die Inszenierung wurde nur sieben Mal gezeigt. [Anm. d. Red.: In einer früheren Fassung war von sechs Vorstellungen die Rede. Die Zahl wurde nachträglich korrigiert.]

Die Komische Oper verweist auf Anfrage darauf, dass die Hangar-Produktionen »Leuchtturmprojekte sind, die weit über Berlin hinausstrahlen und den Ruf der Komischen Oper Berlin als innovatives Musiktheater bestätigen und festigen«. 2023 und 2024 hätte man damit mehr als 30.000 Zuschauer:innen erreicht und »neue Fans« begeistert. »Die Komische Oper beweist, dass sie einen hochwertigen Crowdpleaser liefern kann«, schreibt der Medienpartner ›taz‹ über Jesus Christ Superstar. Die Welt will unterhalten werden.

Opernintern sorgen die Ausgaben und der Arbeitsaufwand für die Großproduktionen in Tempelhof für Kritik. Auch die Nähe des kostspieligen ›Superlativs‹ zu der beengten Wohnsituation in der Geflüchtetenunterkunft auf dem Tempelhofer Feld wurde von einigen Mitarbeitenden von Beginn an kritisch gesehen. »Ich fand es erstmal gut, mit ›Raus in die Stadt‹ während der Sanierung einen Gegenpol zu setzen«, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. »Aber wenn man dann sieht, wie viel Geld für die Großproduktionen in den Hangars draufgeht, hat man den Eindruck, dass es mehr um Spektakel geht als um die Stadtgesellschaft.« 

Dass man es mit der Zweckbindung des Migrationsetats nicht allzu genau nimmt – und damit nicht immer sorgfältig umgeht –, zeigen zwei Beispiele aus dem Umzugsjahr 2023: Damals wurden in der Intendanz des Schillertheaters zwei denkmalgeschützte Wände entfernt, um insbesondere das Büro von Ko-Intendant Philip Bröking zu vergrößern. Die Kosten beliefen sich dabei auf 20.354 Euro. (Wer die Entscheidung für den Umbau traf und warum er überhaupt notwendig war, dazu wollte die Oper keine Auskunft geben.) Auch der Schriftzug »#allesaußergewöhnlich«, der zu Beginn der Spielzeit 2023/24 an der Fassade des Schillertheaters angebracht worden war, verstieß gegen den Denkmalschutz. Entwicklung und Montage des Schriftzugs kosteten 53.955 Euro, die von der Denkmalschutzbehörde geforderte Demontage noch einmal 12.923 Euro. Beglichen wurden alle Rechnungen aus dem Migrationsetat – verbucht unter: »Beschaffung fehlender bühnentechnischer Ausstattung und Instandsetzung«. ¶

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com

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