Ich treffe Mustafa Akça am Marheinekeplatz in Berlin-Kreuzberg. Akça, 1973 im Urbankrankenhaus geboren, ist im Bergmannkiez aufgewachsen und wohnt mittlerweile wieder hier. Seine Großmutter kam in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Berlin. Akça macht nach der Schule eine Ausbildung zum Gas-Wasserinstallateur, holt im Anschluss das Abitur nach und beginnt ein Studium für Energie- und Versorgungtechnik, das er abbricht, weil ihn die Schauspielerei mehr interessiert. Als Entertainer fährt er auf dem Kreuzfahrtschiff Aida zur See und arbeitet als Warm-Upper für verschiedene Show-»Größen« der deutschen Fernsehunterhaltung (wer Akça kennenlernt, denkt unwillkürlich: Liebes Fernsehen, gebt dem Mann ein gutes eigenes Format!). Heinz Buschkowsky, damals noch Bezirksbürgermeister von Neukölln, entdeckt ihn und stellt ihn 2004 als Quartiersmanager für die Gropiusstadt an. Als die Komische Oper 2011 eine/n Mitarbeiter*in für die Konzeption interkultureller Theater-Projekte sucht, bewirbt er sich eigentlich zu spät, überzeugt die Verantwortlichen letztlich aber doch davon, dass er genau der Richtige ist. (Akça erzählt manchmal die Anekdote, wie der Chefdramaturg der Oper ihn beim Bewerbungsgespräch fragte: »Können Sie eigentlich Noten lesen?« »Nein. Aber wozu auch? Das können hier doch alle anderen schon!«). Die Projekte, die Akça als Leiter von Selam Opera! entwickelt, haben dazu beigetragen, dass die Komische Oper unter dem Intendanten Barrie Kosky, der fast zeitgleich mit Akça anfing, von Kopf bis Fuß jenes freundliche, durchlässige, experimentierfreudige Opernhaus wurde, das den anderen Häusern in Berlin ein wenig den Schneid abgekauft hat: Der Operndolmus, ein Mini-Tourbus, mit dem Mitglieder des Ensembles als fahrendes Opernhaus durch die Stadt ziehen (und im Rahmen der Ruhrtriennale bald auch durch das Ruhrgebiet), die Pop-up-Opera, bei der ausgesuchte Szenen aktueller Produktionen vor die urbane Kulissen Berlins getragen werden, die Öffnung des Kinderchors für Kinder türkischer, kurdischer und arabischer Herkunft, die Übersetzungsanlage mit türkischen Untertiteln. Gemeinsam lassen alle Formate den Wunsch verspüren, Begegnungen zu schaffen, ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben, für das »Eigene« und das »Andere« zu sensibilisieren. Nach mittlerweile sechs Jahren ist Selam Opera!, so scheint es, dem Projektstatus entwachsen und hat sich in die Identität des Hauses eingeschrieben. Wir holen uns einen Kaffee und setzen uns auf den Dreifaltigkeitsfriedhof. »Ich gehe gerne auf Friedhöfe zum Nachdenken«, sagt Akça. Es sei interessant, die Grabstätten anzuschauen: Die interessantesten Leute hätten oft nicht die prunkvollsten Gräber.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com