Ein Leben im Schatten

Text Übersetzung Jonas Löffler · Titelbild © INTERNATIONALE SIEGFRIED WAGNER GESELLSCHAFT/SCHWULES MUSEUM · Datum 25.1.2017

Manche Kleinkinder werden so eng gewickelt, dass sie sich in den Windeln nicht mehr bewegen können. Andere werden in Familien geboren, die so hohe Erwartungen auf sie legen, dass diese physischen Einschränkungen gleichen. Siegfried Wagner, Richard Wagners einziger Sohn, wurde 1869 geboren. Zur Geburt schrieb Richard Wagner das Siegfried-Idyll, und einem immer wieder aufblitzenden Genius. Als männlicher Erbe Wagners und des Bayreuther Clans war Siegfrieds Lebensweg als Komponist vorgezeichnet. Fast zwangsläufig reichten seine Werke aber nicht an die seines Vaters heran – was dazu führte, dass seine Frau sie nach seinem Tod sammelte und jegliche Aufführung untersagte.

Siegfried Wagner im Schatten seines Vaters Richard.• Foto © INTERNATIONALE SIEGFRIED WAGNER GESELLSCHAFT/SCHWULES MUSEUM
Siegfried Wagner im Schatten seines Vaters Richard.• Foto © INTERNATIONALE SIEGFRIED WAGNER GESELLSCHAFT/SCHWULES MUSEUM

»Die Liste meiner liebsten unbekannten Meister ist ziemlich lang – Siegfried Wagner steht jedenfalls nicht darauf«, sagt mir Kevin Clarke, einer von drei Kuratoren einer bald eröffnenden Ausstellung im Schwulen Museum in Berlin. Tatsächlich hat Siegfried Wagners Musik eine holzschnitthafte, Pasticcio-artige Qualität: Den langsamen Abschnitten fehlt das Unvorhersehbare der Musik seines Vaters oder die abgründige Schönheit von Richard Strauss; seine verspielten Holzbläserstellen klingen wie Mahler – nur ohne die Mahlersche Melancholie. Wagners Leben hingegen ist wesentlich interessanter als seine Musik, und davon handelt die Ausstellung auch, wenn sie am 17. Februar ihre Pforten öffnet.

Was für ein Leben das war! Wagner war Komponist, Dirigent, Impresario in Bayreuth, ambivalenter Nazi und ein enthusiastischer Schwuler. Für die Macher der Ausstellung stellte sich also die Frage, welche Aspekte im Fokus stehen sollten. Insbesondere wurde heftig darüber diskutiert, ob seiner problematischen politischen Haltung größere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. »Ich finde erstaunlich, dass viele Heterosexuelle glauben, dass man Schwulsein einfach mit dem Sex gleichsetzen und alles andere auslassen kann«, erzählt Clarke. »Sie denken dann ›Ah, wir machen eine Ausstellung über die schwule Seite von Siegfried Wagner, konzentrieren wir uns also auf den Sex. Die ganze Naziangelegenheit können wir dann ja draußen lassen‹«.

Musik war nicht Siegfried Wagners erste Leidenschaft. Tatsächlich wollte er zunächst Architekt werden. Wagner war allerdings ein etwas ängstliches Kind, gab irgendwann dem familiären Druck nach und begann ein Kompositionsstudium bei Engelbert Humperdinck. (Ein Katalogaufsatz zur Ausstellung, der hier noch nicht zitiert werden kann, weil er noch nicht erschienen ist, zieht eine Verbindung von Wagners Homosexualität und seiner eher harmlosen Musik zu seiner dominanten Mutter, seiner Scheu und mangelnder Potenz – ein nahezu skandalöser Ansatz, der 2016 wohl nur in den staubigeren Ecken der deutschen Musikwissenschaft existieren kann.) Wagner studierte in Frankfurt, wo er einen jungen britischen Kompositionsstudenten namens Clement Harris kennenlernt und sich in ihn verliebt. Im Jahr 1892 unternehmen die beiden eine Reise nach Asien als einzige Passagiere eines Containerschiffs, das Harris’ Familie gehörte. Die Reise war offensichtlich ein Höhepunkt in Siegfrieds Leben: Er zeichnet und komponiert und sieht Harris und sich selbst als »zwei Adame«.

Sehnsucht von Siegfried Wagner; Werner Andreas Albert (Leitung), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg. »Als ich Sehnsucht zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: ›OK, irgendwo muss ich doch jetzt die Homoerotik raushören.‹ Habe ich nicht!«, sagt Clarke.

Er nimmt während dieser Reise auch endlich seine eigene Karriere als Musiker an. Inspiriert sei er gewesen, schreibt er, nachdem er eine Aufführung von Bachs Choral O Haupt voll Blut und Wunden in Hongkong gehört hatte. 1893 dirigiert er sein erstes Konzert, das auch Werke seines Vaters beinhaltet. Clement Harris wurde während des Griechisch-Türkischen Kriegs 1897 mit 25 Jahren getötet. Wagner widmete Harris 1923 sein sinfonisches Werk Glück und hatte bis an sein Lebensende ein Foto von ihm auf seinem Komponiertisch stehen.

Zeichnung aus Siegfried Wagners Notizbuch während der Asienreise • Bild © Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft/Schwules Museum 
Zeichnung aus Siegfried Wagners Notizbuch während der Asienreise • Bild © Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft/Schwules Museum 

Wagner kehrte für Sex immer wieder nach Berlin zurück, wo er aus Frankfurt kommend weiterstudiert hatte. Berlin wurde in dieser Zeit zu einem Schwulenmekka. Er wurde erpresst, seine Familie zahlte Schweigegeld, um das Ganze nicht auffliegen zu lassen. Nach einer Übergangsphase übernahm er 1906 die Geschäfte des Festivals in Bayreuth von seiner Mutter Cosima, nachdem die einen Schlaganfall erlitten hatte. Seine erste Amtszeit in Bayreuth dauerte bis 1914, bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs, als alle Aufführungen abgesagt wurden. Zur gleichen Zeit begann der Journalist Maximilian Harden, dessen Recherchen zur Eulenberg-Affäre geführt hatten, ausführlicher über Wagners Liebesleben zu berichten. Also heiratete der noch im selben Monat ein Mädchen namens Winifred.

BAYREUTHER FESTIVALPROGRAM VON 1914, SAMMLUNG SCHWULES MUSEUM • FOTO: JEFFREY ARLO BROWN
BAYREUTHER FESTIVALPROGRAM VON 1914, SAMMLUNG SCHWULES MUSEUM • FOTO: JEFFREY ARLO BROWN

Zur Zeit der Hochzeit war Winifred eine »androgyne Siebzehnjährige« – Wagner selbst war 45. Dennoch nahm ihm die Hochzeit den Wind aus den Segeln. Nach dem ersten Weltkrieg konzentrierte sich Wagner darauf, das Bayreuther Festival wieder zum Laufen zu bringen. Seine Familie hatte ihr gesamtes Vermögen während der Inflation verloren – die Wagners waren pleite. Etwa zur selben Zeit wurde Wagner Unterstützer von Hitler und den Nationalsozialisten – genau wie seine Frau und seine Verwandten, unter denen auch sein Schwager, der »Rassentheoretiker« Houston Stewart Chamberlain war. Ein Journalist nannte damals Siegfried Wagner einen »warmen Freund« Hitlers. Damit war er schon ziemlich nah dran, ihn einen »warmen Bruder« oder einfach gleich »schwul« zu nennen.

Wagners Beziehung zu den Nazis war komplizierter als die zu seiner Frau. Klar ist, dass er die Nationalsozialisten unterstützte. In einem Brief von 1923 schreibt er: »Meine Frau kämpft für Hitler wie ein Löwe! Großartig!« Trotzdem passte er nicht recht in die Szenerie: Goebbels nannte ihn »feminin« und »eher dekadent«. Er reiste 1923-24 in die USA, um Gelder für das Festival in Bayreuth einzuwerben. Sein Ruf als Nazi ging ihm aber voraus, und er hatte eher bescheidenen Erfolg. Immerhin traf er Henry Ford, den berüchtigten Antisemiten und Autor von “Der internationale Jude”. Als Reaktion darauf mäßigte er die offizielle Festivalpolitik gegenüber Juden und behauptete, dass in Bayreuth jeder willkommen sei, die Gäste auf dem Festival sollten politische Diskussionen vermeiden. Kurz darauf wurden 1924 jüdische Besucher in Bayreuth aber dennoch bespuckt. Wagner, ängstlich und verstrickt ins Erbe seiner Familie, bat die Nazis, das zu unterlassen – damit endete sein Einsatz aber auch schon.

DAS PROGRAMM VON 1930. SIEGFRIED WAGNER UND ARTURO TOSCANINI WERDEN BEIDE AUF DEM UMSCHLAG ALS DIRIGENTEN GEFÜHRT• FOTO: JEFFREY ARLO BROWN
DAS PROGRAMM VON 1930. SIEGFRIED WAGNER UND ARTURO TOSCANINI WERDEN BEIDE AUF DEM UMSCHLAG ALS DIRIGENTEN GEFÜHRT• FOTO: JEFFREY ARLO BROWN

Wagners zweite Amtszeit als Festivaldirektor in Bayreuth war ziemlich erfolgreich. Für den Rest seines Lebens kam er aber immer wieder zurück auf politische Fragen und Diskussionen über »Rasse«. Als Wotan lud er den jüdischen Sänger Friedrich Schorr ein, was Hitler dazu veranlasste, seine Einladung nach Bayreuth abzulehnen. Über andere Musikerinnen und Musiker in Bayreuth wurde behauptet, sie seien lesbisch oder schwul, etwa über den Tenor Max Lorenz. Nachdem Siegfried Wagner gestorben war, intervenierte Winifred Wagner persönlich bei Hitler, um die Anschuldigungen gegen Lorenz aus dem Weg zu räumen. Wagner brachte 1930 auch den ersten nichtdeutschen Dirigenten nach Bayreuth, Arturo Toscanini. Es war das erste Jahr, in dem Bayreuth einen kleinen Gewinn erwirtschaftete. Im August 1930 starb Wagner. Seine Werke, den Nazis durchaus nützlich als unbedenkliche und nicht-»entartete« Musik, wurden bis zu Winifred Wagners Moratorium 1945 immer wieder aufgeführt. Der genaue Grund für ihr Aufführungsverbot ist unklar. Es fanden auch Aufführungen statt, allerdings unter Androhung von Rechtsfolgen seitens der Wagner-Familie. Nach der Freigabe der Urheberrechte 2001 gibt es wieder häufiger Konzerte mit der Musik Wagners. Siegfried Wagners persönliche Korrespondenz lagert derweil in einem Tresor einer seiner Enkelinnen, die mittlerweile selbst über 70 ist. Keiner weiß, was darin zu finden ist.

Siegfried Wagners persönliche Konflikte mit seiner Homosexualität und seine nationalsozialistischen Ansichten können nicht wirklich voneinander getrennt werden. Sie bedeuten, dass die Nachwelt für immer eine zwiespältige Beziehung zu ihm hegen wird – eine Beziehung, die zu einem Teil von tiefem Verständnis, zum anderen von instinktiver Abscheu geprägt ist. Interessanterweise wird dieses undurchsichtige Bild von der Wissenschaft nicht unbedingt geteilt. Die erste Biographie Wagners von Peter Pachl konzentriert sich vor allem auf die Musik und Details seines Lebens, vermeidet aber politische Aspekte. Ein Buch von Brigitte Hamann schildert die Geschichte der Familie Wagner, das sich in die Tiefen des Wagnerschen Rassismus, Antisemitismus und des Verhältnisses mit Hitler begibt.

SIEGFRIED WAGNER ALS DANDY • BILD © INTERNATIONALE SIEGFRIED WAGNER GESELLSCHAFT / SCHWULES MUSEUM
SIEGFRIED WAGNER ALS DANDY • BILD © INTERNATIONALE SIEGFRIED WAGNER GESELLSCHAFT / SCHWULES MUSEUM

Die Debatte der Kuratoren der Ausstellung zu Siegfried Wagner ist im Kleinen eine Variante einer seit Langem immer wieder geführten Diskussion. Hat die politische Einstellung von Musikerinnen und Musikern eine Bedeutung für ihre Musik? Jakob Ullmann, ein Komponist, der in der DDR von der Stasi verfolgt wurde, hat mir im letzten Juni in einem Interview gesagt: »Jeder Musiker ist dafür verantwortlich, dass seine Musik für Hauptquartiere nicht nutzbar ist.« Wenn darin der ästhetische Lackmustest liegt, dann hat Siegfried Wagner ihn bestimmt nicht bestanden. Gerade weil er Zwölftonmusik oder Anklänge an den Jazz in seiner Musik vermied, konnten nationalistisch gesinnte Gruppen in den 1920er Jahren »Wagners Opern als ein Statement aufführen. Man kann es Wagner nicht persönlich vorwerfen, aber im Grunde hat er davon profitiert«, sagt mir Clarke.

Für weiße Schwule wie mich selbst ist die Geschichte von Siegfried Wagner eine weitere Mahnung, dass Homosexualität und ein kosmopolitisches Umfeld einen nicht unbedingt gegen abstoßende Ideologien immunisieren. (Siehe auch: Thiel, Peter und Yiannopoulos, Milos). Dasselbe gilt für künstlerische Arbeit: Die Tatsache, dass man künstlerisch tätig ist, reicht oft nicht – was am Ende zählt ist das Resultat. Wenn dieses schwach ist und die Zeiten gefährlich, kann Kunst sehr leicht in einer Flut aus Propaganda untergehen. Siegfried Wagner wurde in schwierigen Zeiten und in einem schwierigen Umfeld geboren. Wir sollten uns bewusstmachen, dass er trotz der faszinierenden Facetten seiner Persönlichkeit außer auf dem offenen Meer nie wirklich aus ihnen herausgefunden hat. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.