»Großzügigkeit. Seit 1949« lautet das Motto der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, eines Zusammenschlusses von Mäzen:innen, die die Festspiele jährlich mit einer erheblichen Geldsumme (im Jahr 2021 mit ca. 5,4 Millionen Euro) unterstützen. Die Freude am Geben scheint jedoch schnell an ihre Grenzen zu stoßen, wenn auf dem Grünen Hügel Neues Einzug halten soll. Für die kommenden Festspiele wurde schon 2021 ein virtuell erweiterter Parsifal angekündigt. Mithilfe von Augmented-Reality(AR)-Brillen will Regisseur Jay Scheib das Geschehen auf der Bühne des Festspielhauses digital ergänzen. Anders als bei Virtual-Reality(VR)-Brillen, die lediglich eine komplett digitale Welt zeigen, blickt man durch die transparenten AR-Gläser wie gewohnt auf die reale Umgebung, über die Brille können jedoch zusätzlich am Computer generierte Elemente ins Sichtfeld projiziert werden. Bewegungen der Bebrillten werden dabei über Kameras nachvollzogen und die Perspektiven der Einblendungen in Echtzeit an diese angepasst, sodass der Eindruck einer Szenerie – halb real, halb virtuell – entsteht.

Klingt gut, muss man sehen? Wird schwierig. Karten für Bayreuth-Inszenierungen sind ohnehin Mangelware, beim Parsifal bekommen aber nur 330 der 1944 Gäste eine Brille, der Rest guckt in die Röhre beziehungsweise auf die schnöde analoge Bühne. Zunächst hieß es zur Begründung, dass sich rein technisch nur die hinteren Plätze im Festspielhaus für ein perfektes AR-Erlebnis anbieten würden. Der kaufmännische Geschäftsführer der Festspiele, Ulrich Jagels, stellt auf VAN Nachfrage jedoch klar: »Die Neuproduktion war konzipiert mit einer Ausstattung aller Plätze mit AR-Brillen, technisch wäre dies auch möglich gewesen.« Das Problem lag vielmehr in der Finanzierung. 

Zu den Kosten des verwendeten AR-Brillenmodells möchte sich Jagels nicht äußern. Auch eine Aufstockung des Brillen-Kontingents ist, falls die Parsifal-Produktion in den Folgejahren weiterläuft, nicht geplant, da die AR-Brillen sich laut Jagels in diesem Fall über einen dann kürzeren Nutzungszeitraum refinanzieren müssten. Dass nicht weitere Anstrengungen unternommen wurden, um Sponsoren für die Brillen zu finden, und dass die Freunde von Bayreuth offenbar nicht bereit waren, bei der Kostenübernahme einzuspringen, liegt, so vermutet der Münchner Merkur, vor allem an den Vorbehalten dieses Mäzenenvereins gegenüber dem AR-Parsifal: Man favorisiere dort konservativere Inszenierungen, mit Jay Scheib könne man wenig anfangen. 

Bei Jay Scheibs Virtual Reality Installation Sei Siegfried konnten sich Festspielbesucher:innen 2021 in einer komplett virtuellen Version des Festspielhauses bewegen.

Die Bayreuther Festspiele finanzieren sich zu gut 40 Prozent aus eigenen Einnahmen. Die ungedeckten Kosten werden jeweils zu 29 Prozent vom Bund, dem Freistaat Bayern und der privaten Gesellschaft der Freunde von Bayreuth übernommen. Die Stadt Bayreuth steuert 13 Prozent bei, der Bezirk Oberfranken schoss zumindest 2021 weitere 413.000 Euro als freiwillige Leistung hinzu. Damit lag der von öffentlicher Hand übernommene Anteil am Festspiel-Gesamtetat im Jahr 2021 bei 41,8 Prozent. Der Bund springt außerdem bei Sonderausgaben wie der Sanierung des Festspielhauses (mit 84,7 Millionen Euro) ein. Vertreter:innen all dieser Institutionen sitzen auch im Verwaltungsrat der Bayreuther Festspiele GmbH – einem Gremium, das der künstlerischen Leiterin Katharina Wagner auch gerne mal in die Ausrichtung der Festspiele reinredet: 2014 beispielsweise hatte Wagner Jonathan Meese ebenfalls für einen Parsifal nach Bayreuth geholt, doch das Projekt platzte. Die Gesellschafter rechtfertigten den Rauswurf zunächst mit Meeses Überziehung seines Budgets, der BR berichtet jedoch, dass der Verwaltungsrat mittlerweile offen zugibt, dass dem Rauswurf konzeptuelle Vorbehalte zugrunde lagen. Die Parallelen zum aktuellen Parsifal-Problem liegen auf der Hand. 

Zu diesem hausinternen Schlingerkurs kommen nun noch organisatorische Fallstricke: Theoretisch kann, wer eine Parsifal-Karte ergattert, entscheiden, ob sie oder er eine AR-Brille dazu buchen möchte (Kostenpunkt: zusätzliche 30 Prozent des Kartenpreises, maximal 80 Euro pro Brille) – solange der Vorrat reicht. Allerdings geht Geschäftsführer Jagels davon aus, »dass nicht das gesamte Publikum die Vorstellungen mit der AR-Brille erleben möchte oder kann.« Laut Website der Bayreuther Festspiele kann die AR-Brille nicht zusammen mit einer vorhandenen Brille getragen werden, empfohlen werden Kontaktlinsen, denn: »Ohne Korrektur ist die Verwendung der AR-Brille bei starker Kurzsichtigkeit mit Werten über -8 dpt, sowie bei starker Weitsichtigkeit, bei starker Hornhautverkrümmung und hoher Winkelfehlsichtigkeit oder Schielen leider nicht möglich.« Laut Angaben des Bundesverbands der Augenärzte sind AR- oder VR-Brillen schon bei leichtem Schielen häufig nicht mehr nutzbar – dies betreffe etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung. Mit einer Hornhautverkrümmung über eine Dioptrie leben laut einer medizinischen Metastudie gut 20 Prozent der 55–64-Jährigen, bei den 75–79-jährigen sind es schon gut 40 Prozent. Starke Kurzsichtigkeit ist bei Erwachsenen eher weniger verbreitet, hohe Weitsichtigkeit lässt sich aber bei gut 10 Prozent der Über-65-Jährigen feststellen. Geschäftsführer Jagels macht auf VAN Nachfrage keine genaueren Angaben zu den Werten, ab denen Weitsichtigkeit, Hornhautverkrümmung, Winkelfehlsichtigkeit oder Schielen die Benutzung der AR-Brillen unmöglich machen. Es ist rein statistisch aber davon auszugehen, dass ein Großteil des Bayreuther Publikums von mindestens einer der genannten Seheinschränkungen betroffen ist. Claudia Roth hatte letztes Jahr gefordert, dass die Festspiele sich verjüngen müssten. Der Einsatz von AR-Brillen könnte sich dafür als brachiale Lösung erweisen. 

Wer keine Brille bekommt oder tragen kann, sieht einfach eine »normale« Inszenierung, wobei allerdings fraglich ist, wie viel von Scheibs Vision ohne Brille auf der Strecke bleibt – und ob das Zuschauen ohne Brille auch bei einer eigentlich ansprechenden Aufführung nicht trotzdem frustrierend bleibt, einfach weil man weiß, dass man gerade einiges verpasst. An FOMO kann man auch zuhause auf dem Sofa leiden, dafür muss man nicht 200€ pro Karte ausgeben.

Eigentlich liegen Wagner und virtuelle Welten wie in Videogames nah beieinander: Mysterien, Rätsel, Zauber, Aufgaben, Bösewichte oder Ungeheuer, gleichermaßen eindrückliche wie symbolträchtige Landschaften und nicht zuletzt bedeutungsschwangere und in ihren Bann ziehende Musik (die zuweilen mehr weiß als die Protagonist:innen) haben beide häufig gemeinsam. Wagners Kompositionen sind Teil der Soundtracks vieler Videogames, so auch von Spieleklassikern wie Far Cry 3 (der Walkürenritt) oder Wolfenstein – The New Order (das Siegfried-Idyll), andere Videospielmusik ist vielfach von Wagner inspiriert. Auch den Anspruch, verschiedenste Kunstformen zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen, können Videogames wie Wagneropern erheben. In Bayreuth läuft die Zusammenführung beider Genres nun nicht gerade glatt.

Will man, wie von Claudia Roth gefordert, mit Scheibs Inszenierung eine jüngere, gamingaffine Generation ansprechen, stellt sich die Frage: Welcher junge Erwachsene – reiche Erb:innen ausgenommen – ist in der Lage, mindestens 138 Euro (maximal 539 Euro) für das Paket aus Eintrittskarte und Brille zu zahlen? Vielversprechender für diese Zielgruppe scheint eine andere Idee Scheibs: eine Oper komplett als Videospiel, wie er gegenüber Oper! erklärte. Dieses Projekt würde eine konsequente Umsetzung seiner Ideen erlauben – in Bayreuth läuft es in diesem Jahr stattdessen offenbar eher auf faule Kompromisse als auf ein digital-analoges Gesamtkunstwerk hinaus. 

Vom Konzept Gesamtkunstwerk scheint auch Georg von Waldenfels, der Vorsitzende des Verwaltungsrats der Festspiele wie auch des Freundeskreises von Bayreuth, grundsätzlich wenig zu halten. Das machte eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur deutlich, die von Waldenfels bezüglich der Festspiele zitiert mit den Worten: »Wie die Musik wahrgenommen wird, ist aus meiner Sicht wichtiger als das, was auf der Bühne passiert.« Und erst recht wichtiger als die Projektion auf Brillengläsern, lässt sich annehmen. Sähe ihm dieser Böhmermann’sche Twist nicht völlig unähnlich, könnte man von Waldenfels so fast als Urheber des auf der Website der Festspiele veröffentlichten AR-Parsifal-Promovideos vermuten, das in seinem Flair aus Bräsigkeit, Spießigkeit und Dilettantismus anmutet wie ein Sabotageakt oder eine Satire auf das Projekt. »Innovation und Tradition vereint«, heißt es zu Beginn des Videos. Die Leitung der Bayreuther Festspiele kann damit nicht gemeint sein.  ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com