Eine Jubiläumsfolge, die einer der hervorragenden Komponistinnen des 17. Jahrhunderts gewidmet sei: Rosa Giacinta Badalla. Viel ist nicht bekannt über die wohl um 1660 in Mailand – oder in der späteren Donizetti-Domäne Bergamo – Geborene. Sekundärliteratur: Fehlanzeige. Selbst der Musikwissenschaftler Robert L. Kendrick erwähnt sie in seinem Buch The Sounds of Milan, 1585–1650 nicht. Dafür bemerkt Kendrick ebendort, dass die Musikgeschichte Mailands zwischen Josquin Desprez (ca. 1450–1521) und Giovanni Battista Sammartini (ca. 1700–1775) in der Musikwissenschaft unterrepräsentiert sei. Als das interessanteste Mailänder Musikphänomen zwischen Desprez und Sammartini macht Kendrick die hier bereits porträtierte Nonne Chiara Margarita Cozzolani (1602–1678) aus, die als 17-Jährige in den Orden des Benediktinerinnenklosters di Santa Radegonda in Mailand (gegenüber vom Dom) eintrat. Auch Rosa Giacinta Badalla wurde Benediktinerin – an Ort und Stelle, am »Kloster Cozzolanis« in Milano.

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Badalla war etwa 18 Jahre alt als Cozzolani 1678 starb. Kendrick lässt Badalla zwar in seinem oben erwähnten Buch aus, schreibt dafür in dem bereits 1994 erschienenen The Norton/Grove dictionary of women composers Rosa Giacinta Badalla sei »am Benediktinerkloster S. Radegonda in Mailand ab etwa 1678 verzeichnet und muss zu diesem Zeitpunkt ihre endgültigen Gelübde abgelegt haben«. Damit hat Badalla die für die damalige Zeit hochbetagte Cozzolani möglicherweise noch erlebt, wurde eventuell sogar von ihr unter die Fittiche genommen. Weiter schreibt Kendrick, die einzigen Werke von Badalla, die damals im Druck erschienen, seien die Motetti a voce sola (1684) gewesen. Kendrick lobt die außergewöhnliche Qualität dieser Arbeiten, die vokale Virtuosität, die motivische Originalität, das kompositorische Selbstbewusstsein; gerade im Hinblick auf das sehr junge Alter und die im Grunde noch fehlende Erfahrung der hinter Klostermauern tätigen Künstlerin.

Rosa Giacinta Badalla wurde wohl ungefähr 50 Jahre alt, sie starb vermutlich um 1710 in Mailand.


Rosa Giacinta Badalla (ca. 1660–ca. 1710)
O fronde care für Stimme, Streicher und Continuo (ca. 1680)

Möglicherweise sogar noch ein paar Jahre früher als die erwähnte 1684er-Motettensammlung  entstand die weltliche Kantate für Stimme, Streicher und Continuo O fronde care, die einzeln überliefert wurde (das Manuskript liegt in der Bibliothèque nationale de France in Paris). Das Stück (die Noten finden sich hier) ist dem – unbekannten – Abt Camillo Pellier von Gonnois ehrenvoll (»al qualificato merito«) gewidmet. Der Text stammt von Badalla selbst. Die damals junge Nonne betätigte sich also auch noch als Dichterin. Badalla dichtet (frei übersetzt): »O liebliche Laubblätter, seid das Echo meines Herzens. Reine und schöne Winde, erstrahlet in klangvoller Ehre. Schöne Scharen von Blumen, wie einnehmend und lieblich sind rundherum eure Düfte zu riechen. Um zu eurem Ruhme euch die Krone aufzusetzen, flechte man aus euch einen zarten Kranz.«

Und wie einnehmend melodiös, ja gassenhauerisch memorierbar, wie lebendig und originell das Ganze klingt! In der ausgewählten Interpretation spielt – gute Wahl – eine Blockflöte die instrumentale Hauptstimme. Und sogleich stellt sich vielleicht der Eindruck ein, Mozart habe sich – freilich: spekulativ, nein: mehr als unwahrscheinlich – für sein Singspiel Die Zauberflöte (1791) mehr als einhundert Jahre später im Zeichen von Papagenos Arie Ein Mädchen oder Weibchen von Badallas Melodie-Erfinderinnengeist beseelen lassen. Jedenfalls sind die ersten zehn (!) Töne exakt deckungsgleich – und bei Mozart nur rhythmisch etwas anders strukturiert.

Badalla lässt also die Hauptstimme genüsslich auftrumpfen, schenkt ihr gleich schönen Melismen-Rotwein ein; sie darf kleine Schleifchen drehen (man hört gewissermaßen die besungenen Pflanzen, Bäume und Blätter im Wind tanzen): Figurationen, Mini-Variationen, Wohlklang-Koloraturen. Die vorgegebene Melodie wird freilich von der Gesangsstimme aufgenommen – und rhythmisch herrlich weitergeführt. Was für ein absolutes Kleinod, was für ein meisterinnenhaftes Stück Musik! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.