Christiane Wiesenfeldts Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die Musik, Konfession und Liturgie der Frühen Neuzeit, Musikgeschichte als Rezeptionsgeschichte, musikalische Romantik- und Heimat-Konzepte sowie Phänomene wie der Werkbegriff und die Selbstreflexion in der Musik. Seit 2020 hat sie den Lehrstuhl für Musikwissenschaft  an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg inne (nach Professuren an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität-Jena), sie ist Schriftleiterin der TONKUNST, Mitglied in den Wissenschaftsakademien Erfurt und Leipzig, im DFG-Graduiertenkolleg GK 2041 »Modell Romantik« an der FSU Jena, im Editionsbeirat und wissenschaftlichen Beirat der »MGG online«, außerdem ist sie Direktoriumsmitglied der International Musicological Society sowie freie Mitarbeiterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.Gerade ist das von Christiane Wiesenfeldt herausgegebene Mendelssohn-Handbuch bei Bärenreiter erschienen. Grund genug für Arno Lücker, sie nach dem neuesten Stand der Felix-Mendelssohn-Forschung zu befragen.

VAN: Nach Ihrer Beschäftigung mit Felix Mendelssohn Bartholdy, vielleicht dem intensiven Studium auch der Briefe von und an ihn: Erlauben Sie sich als Musikwissenschaftlerin ein Fazit Zur Persönlichkeit Mendelssohn Bartholdys?

Christiane Wiesenfeldt: Als Musikwissenschaftlerin interessiert mich zunächst und vor allem, wie ein Komponist komponiert hat – und warum so und nicht anders. Dazu kann ich manches sagen. Mendelssohns Persönlichkeit kann ich dagegen schwer einschätzen, ich bin weder eine Psychologin noch kann ich den Dokumenten ein vollständiges Bild einer Persönlichkeit entnehmen, die bereits vor mehr als 170 Jahren gestorben ist. Was aber stimmt, ist Folgendes: Gäbe es eine Zeitmaschine, und würde man mir die Begegnung mit einem bestimmten Komponisten schenken, ich wünschte mir eine Zeitreise zu Mendelssohn. Mir ist kein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts bekannt, der so feine, gefühlvolle Briefe geschrieben hat, die er mit wunderbaren Zeichnungen illustrierte, der – wie Zeitzeugen berichten – stets höflich und rücksichtsvoll im Umgang war, der Kollegen und Schüler so nachhaltig und ohne jeden Neid gefördert hat (auch wenn sie hinter seinem Rücken über ihn lästerten), der ein feines Gespür für gute Literatur hatte, belesen, neugierig und mitteilungsfreudig war, aber auch ironische, höchst amüsante Briefe schrieb, wenn ihm einmal etwas gar nicht gefiel, denn er hatte eine sehr feine Kitsch-Antenne. Alles in allem muss Mendelssohn ein sehr interessanter Mensch gewesen sein. Nur müsste jemand eine Zeitmaschine erfinden…

Gibt es die eine grosse Hauptfrage in der Mendelssohn-Forschung? Worüber streitet man sich auf Mendelssohn-Bartholdy-Symposien?

Als man Mendelssohn in den ersten Jahrzehnten nach dem Dritten Reich wiederzuentdecken begann, wurde das Schlagwort vom ›Problem Mendelssohn‹ häufig benutzt. Ein erster großer Tagungsband von 1974 titelte so, herausgegeben von Carl Dahlhaus. Dabei hatte Mendelssohn selbst kein Problem. Vielmehr hatte seine Erforschung nach mehr als einhundert Jahren Antisemitismus das Problem, alte Stereotypen und Vorbehalte loszuwerden, die sich auf dem Mendelssohn-Bild schon kurz nach seinem Tod 1847 abgelagert hatten. Denken Sie zum Beispiel an Richard Wagners berühmten Aufsatz Das Judentum in der Musik, in dem er schon 1850 (und wieder, erweitert 1869) jüdische Komponisten diffamierte und vor allem Mendelssohn aus der deutschen Kultur ausgeschlossen haben wollte. Schon Wagner bezeichnete Mendelssohns Musik als (angeblich) glatt, nervös und oberflächlich – Begriffe, die man, wenn man aufmerksam liest, noch heute leider in manchem Programmheft finden kann. Genau das ist das Problem: Wie wird man diese falschen Stereotypen aus dem kulturellen Gedächtnis wieder los? Die Mendelssohn-Forschung arbeitet seit langem daran – und mit dem neuen Mendelssohn-Handbuch hoffe ich auch, dazu beizutragen, dass man das ›Problem‹ bald zu den Akten legen kann.

Inwiefern hat der von Ihnen angesprochene Antisemitismus nicht nur des 19., sondern insbesondere des 20. Jahrhunderts die Mendelssohn-Rezeption beeinflusst?

Massiv – auch das kann man im neuen Mendelssohn-Handbuch ausführlich nachlesen. Das beginnt, wie erwähnt, mit Richard Wagners Hetze gegen jüdische Komponisten, setzt sich fort in einem deutschnationalen, antijudaistischen Umfeld des späten 19. Jahrhunderts, das zunehmend rassistische Züge bekommt und gipfelt in dem rigorosen Verbot der Mendelssohn’schen Musik im Dritten Reich. Man hat sogar seine Denkmäler abgerissen und eingeschmolzen. Kein anderer Komponist der Musikgeschichte – so könnte man es abkürzen – hat derart unter seiner eigenen Rezeptionsgeschichte zu leiden gehabt wie Mendelssohn.

Wie steht es um die Überlieferungssituation seiner Werke? Gibt es Werke, die ihm zugeschrieben werden, die aber möglicherweise gar nicht von ihm stammen?

Mendelssohns überraschend früher Tod – er verstarb, ohne ein Testament gemacht zu haben – brachte das Problem mit sich, dass die Familie Mendelssohn zahlreiche Jugendwerke von ihm in den Verlag und damit an die Öffentlichkeit brachte. Mit dem Namen ließ sich noch gutes Geld verdienen. Die Witwe, Cécile Mendelssohn, hat noch versucht, manche Veröffentlichungen zu verhindern, was ihr aber nicht gelang. Als Frau hatte man damals keine Geschäftsrechte, und so musste sie mit ansehen, wie die Familie alles Mögliche drucken ließ, was Mendelssohn selbst vermutlich nie veröffentlicht hätte. So entsteht die seltsame Situation, dass wir zum Beispiel ein Klaviersextett unter der Opus-Nummer 110 kennen: Die Höhe der Nummer allein deutet auf ein gewichtiges Spätwerk hin (man denkt sofort an Beethovens späte Klaviersonaten!), in der Tat komponierte Mendelssohn dieses hoch experimentelle Stück aber im Alter von nur 15 Jahren und ließ es dann in der Schublade liegen, weil er es als Jugendwerk einstufte. Er hat nur die ersten 71 Opus-Nummern selbst freigegeben, alles danach ist nicht von ihm für den Druck autorisiert, bestimmt unser Mendelssohn-Bild aber bis heute mit. Insofern könnte man Ihre zweite Frage indirekt schon mit ›Ja!‹ beantworten: Die Werke stammen zwar von ihm, doch waren nie für andere Augen und Ohren bestimmt.

Besteht die Möglichkeit, dass noch bislang unentdeckte Werke Mendelssohn Bartholdys auftauchen?

Das ist grundsätzlich immer möglich, auch wenn wir kaum mit großen Entdeckungen rechnen dürfen. Eine Symphonie oder ähnliches Großformatiges wird sicher nicht mehr auftauchen. Es gab lange Zeit das Gerücht, Mendelssohn habe ein Cellokonzert komponiert – für Alfredo Piatti, den Cellisten des Joachim-Quartetts. Mendelssohn erwähnt einmal, dass er daran schreibe, aber es hat sich unseres Wissens nichts erhalten. Auch eine Durchsicht des Piatti-Nachlasses in Italien war ergebnislos. Aber wer weiß, vielleicht liegt es noch irgendwo auf einem Dachboden herum? Was wäre das für ein Geschenk für die Cellisten dieser Welt? Denken wir allein an die Wirkung seines Violinkonzerts! Was aber immer wieder mal auftaucht, ist das eine oder andere Lied – eine überhaupt sehr spannende Gattung, bei der es weniger auf die Drucklegung ankam als auf die Spontaneität und Flexibilität der Aufführung. Das Lied war damals überall zu Hause, im Park, im Garten, im Salon, im Konzert. Mendelssohn hat entsprechend viele Lieder nur handschriftlich notiert, viele auch in Poesiealben von Freunden oder Bekannten. Von solchen Alben taucht immer mal wieder eines auf dem Autographenmarkt auf und erweitert unser Klangbild von der Musikkultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die ungeheuer reich und vielseitig gewesen sein muss.

Felix Mendelssohn Bartholdy, der Mitteilsame, Neidlose, Kitsch-Sensible. Und mit welchen Problemen die Mendelssohn-Forschung zu kämpfen hat. In @vanmusik.

Zum Schluss: Welches Werk Mendelssohn Bartholdys halten Sie für unterschätzt? Oder wird er gar als Komponist überhaupt unterschätzt?

Mittlerweile ist Mendelssohns Musik im Konzert- und Tonträger-Markt in Gänze angekommen, seine Musik wird von Künstlern, dem Publikum und den Veranstaltern geschätzt und oft ausgewählt. Allerdings: Man dürfte sich mehr Liederabende wünschen – seine wunderbaren, sehr vielseitigen Lieder stehen viel zu selten auf dem Programm, sind es aber wert, entdeckt zu werden. Mittlerweile sind viele davon in der neuen Gesamtausgabe erschienen, liegen also in einer guten Ausgabe vor. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.