»Von Macht und Verführung« heißt das Motto der Spielzeit 2019/2020 am Badischen Staatstheater. Damit wurde unfreiwillig auch die thematische Klammer gesetzt für das Drama, das sich in Karlsruhe hinter den Kulissen abspielt.

Am 7. Juli 2020, gegen 10 Uhr, klingelten fünf uniformierte Polizeibeamte an der Wohnungstür von Erik Maurer (Name geändert) in Karlsruhe. Sie zeigten einen Durchsuchungsbefehl und beschlagnahmten Computer, Handy, Speicherkarten. »Im ersten Moment habe ich gezittert«, sagt Maurer, dessen Identität VAN bekannt ist. »Aber dann habe ich mich beruhigt, weil ich weiß, dass ich das Richtige getan habe.« Ende Juni hatte Maurer einen Instagram-Account eingerichtet, auf dem er Vorwürfe gegen das Badische Staatstheater aufgriff, die kurz vorher in einem Zeitungsartikel geäußert worden waren. Die Zuschriften mit weiteren Anschuldigungen, die er daraufhin bekam, postete er anonymisiert. Ein dabei namentlich genannter leitender Mitarbeiter des Theaters zeigte Maurer daraufhin an, wegen Verleumdung, versuchter Nötigung und übler Nachrede. »Dass sie die Polizei auf mich ansetzen, hatte ich eigentlich für das unwahrscheinlichere Szenario gehalten, weil sie ja um ihre Verfehlungen wissen«, sagt Maurer. Er hat sich einen Anwalt genommen. Einige seiner Quellen hat er an die Polizei vermittelt.

Von der geöffneten Büchse der Pandora ist dieser Tage oft die Rede, wenn man sich mit aktiven und ehemaligen Mitarbeiter:innen des Badischen Staatstheaters Karlsruhe unterhält. VAN hat in den letzten Wochen mit über zwanzig von ihnen gesprochen. Das Bild, das dabei entstand, zeigt ein Haus, das aus den Fugen geraten ist: Angestellte berichten von einer toxischen Arbeitsatmosphäre, geprägt von Burn-out, Angst und einem autokratischen Führungsstil, der sich durch das ganze Haus ziehe und das künstlerische Potential lähme. Gegen den auf Instagram beschuldigten leitenden Mitarbeiter, dem mittlerweile gekündigt wurde, wird der Anfangsverdacht der sexuellen Belästigung geprüft. Gegen ein Mitglied des Ensembles wurde wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung, die im Januar 2019 am Rande einer Premierenfeier begangen worden sein soll, von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe Anklage erhoben. Nach einer Anzeige des ehemaligen Verwaltungsdirektors Michael Obermeier läuft gegen Generalintendant Peter Spuhler ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue. Leitende Angestellte haben in den letzten Jahren geradezu fluchtartig das Haus verlassen, oft schon nach wenigen Monaten. Das gegenseitige Misstrauen und Lagerdenken innerhalb der Belegschaft hat sich im Zuge der öffentlich geführten Debatten der letzten Wochen noch einmal verschärft. Zuletzt hatten neben dem Personalrat auch der Orchester- und Chorvorstand, die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters sowie einzelne leitende Angestellte öffentlich Kritik an Intendant Spuhler geübt.

Trotzdem hat der Verwaltungsrat des Badischen Staatstheaters in einer Sitzung vom 17. Juli 2020 Peter Spuhler, dessen Vertrag noch bis 2026 läuft, einstimmig im Amt bestätigt. Falls damit die Hoffnung verbunden war, den Konflikt zu befrieden, muss sich diese spätestens in der direkt anschließenden Mitarbeiter:innenversammlung verflüchtigt haben. Hier wurden die beiden Vorsitzenden des Verwaltungsrats, Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) und die baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne), von der Theaterbelegschaft für ihre Entscheidung ausgebuht. Der Konflikt, so scheint es, ist nicht befriedet, sondern eingefroren. Er hat zudem eine Tragweite erreicht, die über Karlsruhe und die Person Peter Spuhler hinausreicht. Es geht dabei um die Frage, inwieweit die Träger und die politischen Verantwortlichen ihrer Fürsorgepflicht für die Belegschaft eines Theaters nachkommen. Auch die Organisationsstrukturen der deutsche Theater stehen wieder auf dem Prüfstand, nicht zuletzt deshalb, weil sie viel Macht in die Hände von Führungspersonen legen, und gleichzeitig bereitwillig auf Kontrollmechanismen verzichten.

Der Polizeieinsatz bei Maurer ist nur die jüngste Episode einer ständigen Eskalation am Badischen Staatstheater, deren Ende nicht abzusehen ist. Am 28. Mai 2020 hatte der Operndramaturg Boris Kehrmann um die vorzeitige Auflösung seines Vertrags in Karlsruhe gebeten. Ein privater Blog, das die Aktivitäten des Theaters seit vielen Jahren kritisch begleitet, bekam davon Wind, woraufhin auch die Lokalpresse Ende Juni nachfragte. Kehrmann und seine zwei Kolleg:innen, Dramaturgin Deborah Maier und der stellvertretende Operndirektor Patric Seibert, deren Ausscheiden aus der Operndirektion bereits im Herbst 2019 bekannt geworden war, sprachen in einem Beitrag der Badischen Neuesten Nachrichten am 27. Juni 2020 von einem »Klima der Angst« am Theater und einem Kontrollzwang vonseiten des Intendanten Peter Spuhler. Danach eröffnete Maurer seinen Instagram-Account. Auf einer Personalvollversammlung am 8. Juli 2020 bat Peter Spuhler »die Menschen, die sich durch sein Vorgehen verletzt fühlten«, um Verzeihung. Trotzdem machen seitdem immer neue Vorwürfe die Runde.

Kontrollzwang, beständiges Misstrauen und cholerische Ausfälle seien »die Schlagworte eines toxischen Arbeitsklimas, welches ausgehend von der Intendanz an die verschiedenen Spartenleitungen und am Ende auch an die Mitarbeiter:innen der verschiedenen Sparten herangetragen wird«, heißt es im Offenen Brief des Personalrats vom 3. Juli 2020, der VAN vorliegt. Mitarbeiter:innen hätten dem Personalrat seit 2011 regelmäßig und »oft am Rande ihrer Kräfte ein Bild von der Schwere der Verfehlungen des Generalintendanten eröffnet«, heißt es weiter.

Auch VAN gegenüber berichteten aktuelle und ehemalige Mitarbeiter:innen verschiedener Sparten von einer von fehlendem Vertrauen, Angst vor Fehlern und dem Kontrollzwang Spuhlers geprägten Arbeitsatmosphäre, die künstlerische Eigenitiative lähme und operative Prozesse verlangsame. Spuhler sei das Nadelöhr, durch das jeder Faden gezogen werden müsse, erzählt ein Schauspieler. Reden von Mitarbeiter:innen auf externen Veranstaltungen müsse der Intendant vorher gegenlesen, Mitarbeiter:innen seien von Spuhler gemaßregelt worden, wenn sie ohne sein Wissen Außentermine wahrgenommen hätten. Pauker Raimund Schmitz, Orchestervorstand der Badischen Staatskapelle, erzählt von Programmheften für Kammerkonzerte, die nicht rechtzeitig fertig wurden, weil Peter Spuhler Fotos noch selbst sichten und absegnen müsse. »Wenn man einen Orchesterdirektor und einen Konzertdramaturgen hat, dann verstehe ich nicht, warum das noch über den Intendantenschreibtisch muss«, so Schmitz. Zwei Tage vor einem Jour Fix mit Spuhler werde die Maschinerie angeworfen, ab dann werde nur noch für diesen Zweck gearbeitet, erzählt Jonas Schlund, der zwischen 2018 und 2019 in der Schauspieldramaturgie am Staatstheater beschäftigt war. Man merke dann, dass die Leute unter dem Druck stünden, vor versammelter Mannschaft angeschrien zu werden. »Er möchte gerne alles ausgedruckt haben und achtet penibelst darauf, dass es genau nach seinen Vorstellungen formatiert ist. Ein Tippfehler ist für ihn Grund genug, die Bombe platzen zu lassen.«

Natürlich habe Peter Spuhler einen Kontrollzwang, bestätigt ein Regisseur, der in der Amtszeit Spuhlers am Haus gearbeitet hat. »Aber er ist nunmal ein ausgezeichneter Dramaturg, der alles sieht und alles weiß, was am Theater notwendig ist. Er reizt die Kapazitäten bis an die Knirschgrenze aus. Wenn es da nicht zu Spannungen kommt, wäre es ein Wunder.« Auch Spuhlers ehemaliger Assistent, Achim Sieben, sieht im Mikromanagement Spuhlers vor allem dessen hohe Anforderungen gespiegelt. »Natürlich ist er ein tougher Gesprächspartner, weil er sehr genau weiß, was er will. Wenn man einen anderen Standpunkt hat, muss man sich sehr anstrengen, durchzudringen.« Die Dramaturgen Boris Kehrmann und Patric Seibert sehen im Verhalten des Intendanten hingegen weniger inhaltliche Überzeugungen als den Willen zur Macht am Werk. »Er braucht es, uns zu schulmeistern«, sagt Kehrmann. »Es gibt hier wahnsinnig viele Leute, die Kunst machen wollen, aber in dieser Machtmühle aufgerieben werden«, ergänzt Seibert. Eigene künstlerische Ideen würden systematisch zurückgewiesen. Die Ergebnisse einer Klausurtagung der Operndirektion im Herbst 2018 zur Spielzeitplanung der nächsten Jahre habe Spuhler in der Luft zerrissen. »Da war die Arbeit von zwei Tagen und fünf Menschen innerhalb von zehn Minuten dahin«, erzählt Dramaturgin Deborah Maier. »Spuhler hat sich für unsere Ideen nicht interessiert.« Komplexe Veranstaltungsplanungen würden von der Theaterleitung kurzfristig umgeschmissen, wodurch das ganze Haus permanentem Stress ausgesetzt werde, erzählt ein Mitarbeiter. »Peter hat immer gesagt: ›Du musst 200 Prozent geben, um bei 100 Prozent anzukommen.‹« Wer seine Arbeitsstunden aber wahrheitsgemäß aufschreibe, werde von der Leitungsebene zur Rede gestellt. »Schon mein Vorgänger hat mir geraten, Arbeitsstunden zu fälschen, da man sonst nur Probleme bekomme.« Der ehemalige stellvertretende Operndirektor Patric Seibert erinnert sich an eine Empfehlungsliste mit Namen von Regisseur:innen. »Diese lag in einem Ordner ab, auf den alle Zugriff hatten. Neben dieser offiziellen Liste gab es aber eine, in der alle Vorschläge, die nicht von Peter Spuhler kamen, bereinigt waren und mit der in Wirklichkeit gearbeitet wurde.«

Drei Mitarbeiter:innen erzählen VAN gegenüber, dass sie an der Aggressivität der täglichen Kommunikation schnell gemerkt hätten, dass etwas nicht stimme. Die Angst vor Fehlern und deren Sanktionierung führe dazu, dass alle sich in einem permanenten Panikmodus befänden, erzählt Anna Zanke, die zunächst 2019 als FSJlerin beim Staatstheater anfing und heute als Aushilfe in der Kommunikationsabteilung arbeitet. »Selbst das Aufhängen eines Plakats wird behandelt, als ginge es um Leben und Tod. Wenn das nicht ordnungsgemäß hängt, kriegt man einen Anruf und es hört sich an, als wäre gerade das Allerschlimmste der Welt passiert.« Spuhler habe er als eine Jekyll-and-Hyde Persönlichkeit erlebt, mit der man aber umgehen könne, sagt der ehemalige Chefdramaturg Jan Linders, der 2011 zusammen mit Spuhler nach Karlsruhe kam. »Ich wusste, jetzt habe ich gerade mit Jekyll geredet, der ungeheuer gewinnend und charmant sein konnte. Und eine halbe Stunde später habe ich den nächsten Termin, der fängt bei Null an und da habe ich dann einen Termin mit Mr. Hyde.« Für Patric Seibert trug dieses Verhalten allerdings eher die Züge eines Belohnungs- und Bestrafungsmodus. »Mal ist man eine Woche ganz oben in seiner Gunst, und dann wieder ganz unten.« Er habe irgendwann Angst davor gehabt, Peter Spuhler etwas vorzulegen: »Es war alles immer verbesserungswürdig oder sogar falsch. Darüber konnte auch nicht diskutiert werden.« »Er hat immer Hase und Igel gespielt«, so Dramaturg Boris Kehrmann. »Der Tadel war immer schon da. Wie auch immer man sich verhalten hat, man hat es falsch gemacht und er wollte das Gegenteil.« Er habe zwar eigene Ideen gefordert, dann aber letztlich als »ganz falsch« zurückgewiesen, erzählt ein leitender Mitarbeiter. »Das führt zu der perversen Situation, dass man in Treffen immer versucht herauszufinden, was Peters Wunsch ist, um es dann als eigene Idee vorzutragen.« Spuhler selbst wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Nicole Braunger ist derzeit bereits die dritte Operndirektorin in der Amtszeit Spuhlers. Auch sie soll um einen Auflösungsvertrag gebeten haben. Die Orchesterdirektion wurde ebenfalls schon zum dritten Mal neu besetzt. »In der Kommunikations- und Marketingabteilung kann ich schon gar nicht mehr nachvollziehen, wie viele Wechsel stattgefunden haben«, sagt Orchestervorstand Schmitz. Es seien zwar fähige Leute eingestellt worden, aber letztlich wegen fehlenden Vertrauens weggegangen. »Wenn mein Kind ein Bild malt, sitze ich dann die ganze Zeit daneben und sage: ›Das Haus muss so aussehen‹, oder lass ich mein Kind das Bild malen, so wie es die Welt sieht?« Ein ehemaliger Mitarbeiter erzählt, wie innerhalb der Belegschaft Wetten darüber abgeschlossen worden seien, ob er länger bleibe als seine Vorgänger:innen. »Bei mir wetteten sie auf sechs Monate. Warum wurde mir schnell klar.«

Spuhler begründet die hohe Personalfluktuation während seiner Amtszeit mit dem »Karrieresprungbrett«, den das Badische Staatstheater biete. Den Rücktritt der Operndirektion 2019 kommentierte die Theaterleitung mit den Worten, »jedes Jahr verlassen Menschen das Theater und ziehen weiter«. Für viele Mitarbeiter:innen ist das ständige Kommen und Gehen hingegen ein Kollateralschaden von Spuhlers Führungsstil. »Ich habe miterlebt, wie Leute heulend zu uns gekommen sind und wie man sie aufbauen musste«, erinnert sich Dramaturg Kehrmann. »Peter Spuhler ist ein Choleriker«, sagt Kehrmanns Kollegin Deborah Maier. »Es ist keine Seltenheit, dass er Mitarbeiter:innen anschreit, sei es in sensiblen Momenten, vor anderen Menschen, nach wichtigen Proben oder zu zweifelhaften Uhrzeiten und Wochentagen.« »Ich versuche, unter dem Spuhler-Radar zu bleiben«, erzählt Aushilfe Anna Zanke. »Mir wurde geraten, dass man dann besser durchs Leben kommt.« Der Druck, der vonseiten der Leitung aufgebaut werde, werde nach unten weitergegeben. »Irgendwie muss er sich ja abbauen.« Auch andere Mitarbeiter:innen beschreiben ein System, das von einem ständigen hierarchischen Druck überspannt scheint und alle Ebenen und Sparten durchziehe. »Es ging immer nur darum, wer einen Fehler gemacht hat und wem man diesen zuschreiben kann«, so Jonas Schlund.

Spuhler habe viele Menschen mit seinem Kontrollzwang und cholerischen Verhalten sehr verletzt, sagte Schauspieldirektorin Anna Bergmann unlängst in einem FAZ-Interview. Die Finnin Laura Åkerlund, die erst im Juni 2019 als Nachfolgerin von Jan Linders die Chefdramaturgie in Karlsruhe angetreten hatte, verließ das Haus bereits nach wenigen Monaten wieder. Über die Gründe möchte sie sich nicht äußern, da sie mit ihrem Auflösungsvertrag auch eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet habe. »Sie hatte hier wirklich keine gute Zeit«, erzählt ihr ehemaliger Kollege Patric Seibert, der mit der Dramaturgin ein Büro teilte. »Alles, was sie vorgeschlagen hat, wurde abgeschmettert. Sie hatte überhaupt keine Möglichkeit, ihre Skills einzubringen.« Aus Skandinavien sei sie ein anderes Führungsklima gewohnt gewesen, sagt eine ehemalige Kollegin Åkerlunds. Diejenigen, die angesichts des »toxischen Arbeitsklimas« blieben, so heißt es im Brief des Personalrats, »wählten oft den Weg des ›Durchhaltens‹, der in den meisten Fällen quasi vorprogrammiert im akuten Krankheitsfall, nicht selten Burn-Out, endete«.

Trotz der Vorwürfe hielt der Verwaltungsrat in einer Sitzung vom 17. Juli 2020 einstimmig am Intendanten fest. In der anschließenden Pressekonferenz verkündeten Oberbürgermeister Frank Mentrup und die baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer ein »Maßnahmenpaket«: ein engerer Austausch zwischen Verwaltungs- und Personalrat, regelmäßige Mitarbeiter:innenbefragungen, ein Vertrauensanwalt, eine Stärkung der Spartenleiter:innen. Außerdem habe Spuhler sich »auf eigenen Wunsch« einen persönlichen Coach genommen. Mit den Maßnahmen solle das Vertrauen zwischen Spuhler und der Belegschaft wiederhergestellt werden. In einer offiziellen Stellungnahme bedankte sich Spuhler »für das einstimmige Vertrauen des Verwaltungsrats«: »Ich anerkenne den Bedarf, zeitnah und nachhaltig die Maßnahmen und Veränderungen anzugehen. Das Vertrauen innerhalb des Hauses wiederherzustellen, hat oberste Priorität.«

Dass dies schwierig werden dürfte, davon bekamen er und die Verwaltungsratsmitglieder schon vor der Sitzung einen Eindruck, als sie durch ein Spalier von 300 protestierenden Mitarbeiter:innen des Theaters gehen mussten. Der Personalrat hatte bereits in seinem Brief Anfang Juli Zweifel daran geäußert, »dass sich Generalintendant Spuhler in seinem Führungsstil wirklich ändern kann.« Zu viele Chancen dazu habe er in den neun Jahren seiner Intendanz ausgelassen. »Mein Eindruck der letzten Jahre ist, dass das Vertrauen eines Großteils der Belegschaft gegenüber der Intendanz auf ein Nullniveau gesunken ist«, sagt Operndramaturgin Maier.

Die Positionen haben sich mittlerweile derart ineinander verkantet, dass eine Auflösung des Konflikts nur schwer möglich scheint. Die Interessenlagen und Kritikpunkte sind dabei vielfältig, Motive und Ziele überlagern sich, umso explosiver ist die Stimmung. »Man hat jetzt einen Sack, auf den alle einschlagen können«, sagt Spuhlers ehemaliger Referent Achim Sieben, der den Intendanten schon aus seiner Heidelberger Zeit kennt. In Sozialen Netzwerken wird die Kritik an Spuhler in Robin-Hood-Manier zu einem Kampf gut gegen böse stilisiert. Bei einigen mischt sich die starke Identifikation mit dem Theater mit dem Wunsch, Königsmörder:in zu sein. »Ich würde sofort kommen, wenn ich dabei helfen könnte, ihn vom Thron zu stoßen«, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Immer wieder scheint auch eine grundlegende Kritik an der künstlerischen Ausrichtung des Theaters durch. Der ehemalige Chefdramaturg Linders sieht hinter der Debatte einen Kulturkampf am Werk, der bereits mit Amtsantritt Spuhlers begann. »Karlsruhe hatte 2011 einen riesigen Reformbedarf auf vielen Ebenen.« Nach der von vielen als eher konservativ und provinziell erlebten Intendanz seines Vorgängers, Achim Thorwald, hatte Spuhler internationale Koproduktionen nach Karlsruhe geholt, Regisseur:innen und Projekte, die das Theater in die überregionalen Feuilletons brachten. »Die sind wirklich gelandet wie ein Raumschiff und haben gesagt: ›Wir zeigen euch Provinzdeppen, wie Kunst geht‹«, meint eine ehemalige Staatskapellen-Musikerin. In einem Gastbeitrag schreibt der scheidende Generalmusikdirektor Justin Brown, es habe auf Seiten Spuhlers kein Wunsch bestanden, publikumsfreundliche mit innovativen Produktionen in Einklang zu bringen. »Nur letztere interessierten ihn.« »Als Karlsruher wäre ich doch sehr dankbar, wenn ein Intendant da ist, der mein Haus in die internationalen Schlagzeilen bringt«, meint dazu ein Regisseur, der Spuhler gut kennt. »Wenn die Stadt ein anderes Theater will, dann hätten sie sich halt jemanden suchen müssen, der künstlerisch dafür steht.«

Innerhalb des Staatstheaters hat sich ein Klima des Misstrauens gebildet. Mutmaßungen machen die Runde, wer wann mit wem geredet hat. Mitarbeiter:innen werden hausintern verdächtigt, hinter dem Instagram-Account zu stehen, der die Lawine mit auslöste. Die Gräben reichen bis tief in die Karlsruher Stadtgesellschaft. Vorigen Freitag fand vor dem Theater eine Solidaritätskundgebung Karlsruher Kulturschaffender statt, mitinitiiert vom Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), Peter Weibel. Man wolle sich solidarisch zeigen mit den Kolleg:innen des Staatstheaters und mit den Opfern einer Machtpolitik, die ihr Schweigen brechen und an die Öffentlichkeit gehen mussten, um nicht weiter zu leiden, hieß es im Aufruf. Andere Kulturakteure wie der Karlsruher Kulturkreis kritisierten wiederum die Kundgebung und deren klassenkämpferische Rhetorik. Mittlerweile wird der Konflikt auch als Wahlkampfmunition verwendet. Am 6. Dezember 2020 finden in Karlsruhe die Oberbürgermeister:innenwahlen statt, zu der Amtsinhaber Mentrup wieder antritt. Die Reaktion von Mentrup und Bauer auf die »vielen Hilferufe der Theaterbelegschaft« sei »unsäglich, fast menschenverachtend« gewesen, so der Bundestagsabgeordnete und Karlsruher CDU-Chef Ingo Wellenreuther. Der habe sich vorher allerdings kaum für Theater interessiert, meint Spuhlers ehemaliger Referent Achim Sieben.

Oberbürgermeister Mentrup und Kunstministerin Bauer beklagten Anfang Juli den »Kampagnencharakter« der Diskussion. Auch viele Mitarbeiter:innen fühlen sich unwohl mit der öffentlichen Hitzigkeit der Debatte, andere bezeichnen es als eine Art Notwehr. »Wir haben lange versucht, die Dinge intern zu regeln«, sagt Orchestervorstand Schmitz. »Aber es hat nichts gebracht.« Tatsächlich tragen Mentrup, Bauer und der Verwaltungsrat für viele eine Mitschuld an der Eskalation. Für eine Auflösung des Konflikts scheinen sie selbst zum Hindernis geworden zu sein. Insbesondere ihre Aussage, von der Schwere der Vorwürfe nichts gewusst zu haben, bezeichnen viele als gelogen. »Die Reaktionen einiger Verwaltungsratsmitglieder gegenüber denen, die sich jetzt öffentlich geäußert haben, waren respektlos und degradierend. Viele Mitarbeiter:innen sind enttäuscht und verzweifelt«, sagt Dramaturgin Deborah Maier.

Tatsächlich hat es nach VAN-Informationen seit 2011 mindestens ein Dutzend Treffen zwischen Personalrat, Orchestervorstand und einzelnen Mitgliedern des Verwaltungsrats gegeben, in denen die Kritik am Führungsstil Peter Spuhlers vorgetragen wurde. »Meistens wurde gesagt: ›Das haben wir schon öfter gehört, das ist nicht unbedingt etwas Neues, wir hatten gehofft, dass es besser geworden ist‹«, so Orchestervorstand Schmitz. Er erinnert sich an ein Treffen am 15. November 2018 mit Christoph Peichl, Referatsleiter im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, an dem neben drei Mitgliedern des Orchestervorstands auch die Personalratsvorsitzende Barbara Kistner teilnahm. »Frau Kistner hat über die Fluktuation und über Burn-out-Fälle berichtet, wir haben die künstlerischen Ziele beleuchtet, den Zuschauerschwund unter der Bürde des Umbaus«, so Orchestervorstand Schmitz. »Der Kernsatz von Herrn Peichl, der mir im Gedächtnis geblieben ist, lautete: ›Politik ist nicht dafür da, Lösungen zu finden.‹«

Bereits 2015 wurde am Theater ein Mediationsprozess durchgeführt, der von der Karlsruher Beratungsfirma Fuhrmann Leadership begleitet wurde. Auslöser war ein Streit zwischen Spuhler und dem ehemaligen Verwaltungsdirektor Michael Obermeier, der das Theater zu spalten drohte. Spuhler habe, so Obermeier, den Technischen Direktor Ivica Fulir, der bereits in Heidelberg mit dem Intendanten zusammengearbeitet hatte, ohne Stellenausschreibung und Zustimmung des Ministeriums eingestellt. Gegen dieses Vorgehen hat er Anzeige wegen Untreue erstattet, das Verfahren ist bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe anhängig. Der Abschlussbericht der Mediation, der 2017 vorgelegt wurde, sei dabei laut Orchestervorstand Schmitz immer weiter aufgeweicht worden. »Das waren keine Errungenschaften, sondern Dinge, die es schon bei Spuhlers Vorgänger gegeben hatte, zum Beispiel regelmäßige Gespräche zwischen Intendant und Orchestervorstand. Irgendwann war auch nicht mehr von ›Mediation‹ die Rede, sondern von ›Moderation‹.« Das Papier hätte man sich schenken können, so Michael Obermeier gegenüber VAN.

Die Resultate einer Mitarbeiter:innenbefragung, die der Personalrat in einer Verwaltungsratssitzung am 19. März 2018 vorgestellt hatte und nach der 80 Prozent die Arbeitsatmosphäre am Theater als schlecht bezeichneten, wurden wegen formaler Fehler zurückgewiesen. »Über den Kern der Aussage ist gar nicht erst diskutiert worden«, so Orchestervorstand Schmitz. Aushilfe Anna Zanke hatte sich im Juni 2020 in einem Brief an den Verwaltungsrat gewandt. Darin ist die Rede von Arbeitszeitüberschreitungen, der Aufforderung zur Fälschung von Stundenzetteln oder freiwilligen Fälschungen aus Angst vor den Konsequenzen. »Ich habe gesehen, wie Angestellte – mal mehr und mal weniger schnell und in unterschiedlich starker Ausprägung – psychisch zusammenbrechen. Wie sie unter dem Druck, der ausgeübt wird, leiden und noch leiden, nachdem sie das Haus verlassen haben«, schreibt Zanke.

Angesichts dieser Vorgeschichte fühlen sich viele Mitarbeiter:innen von der Politik im Stich gelassen. Die Frage nach einer womöglich unterlassenen Fürsorgepflicht stellt sich insbesondere auch im Fall der ehemaligen Chefdramaturgin Laura Åkerlund. Diese soll sich Ende 2019 im Vertrauen an die Karlsruhe Kulturamtsleiterin Susanne Asche gewandt und von Beschwerden einiger Mitarbeiter:innen gegenüber der Theaterleitung erzählt haben. Asche soll daraufhin umgehend Peter Spuhler angerufen und von dem Gespräch unterrichtet haben. In einer Direktionssitzung sei Spuhler daraufhin in Tränen ausgebrochen, erzählt ein Teilnehmer. »Peter hat großes Theater gespielt und uns angesichts von Lauras ›Verrat‹ vor die Entscheidung gestellt, sich entweder auf seine oder ihre Seite zu stellen. Das war seelische Gewalt der besten Sorte, sowohl Laura als auch uns gegenüber. Das war einer meiner schlimmsten Tage im Haus.« Auf einem anschließenden Treffen der Spartenindant:innen sei die Künstlerische Betriebsdirektorin Uta-Christine Deppermann Åkerlund gegenüber »ausgerastet«. Für Patric Seibert, der daran ebenfalls teilnahm, war es »eine Art Tribunal«. »Sie musste sich erklären, warum sie das getan habe, dass es ein theaterschädliches Verhalten gewesen sei … « Verwaltungsratsmitglied Susanne Asche bestätigte VAN gegenüber ein vertrauliches Gespräch mit Åkerlund, wollte aber die Frage, ob sie Peter Spuhler darüber informiert habe, nicht beantworten. »Es sind alles Interna.« Zur aktuellen Diskussion wolle sie sich nicht äußern. »Dazu kann ich nichts sagen, weil ich nicht am Haus arbeite.« Ob sie denn sagen könne, wann sie das erste Mal von den Vorwürfen erfahren habe? »Das sind Ihre Fragen? Reden wir doch über die Bedeutung des Staatstheaters für die Kulturstadt.«

Spuhlers Intendantenvertrag wurde 2019 vorfristig bis 2026 verlängert, eine Entscheidung, die den Handlungsspielraum jetzt einschränkt. Ein Rauswurf Spuhlers könnte entweder eine Lohnfortzahlung bis 2026 oder eine Klage des Intendanten zur Folge haben. Es sei jetzt schwierig für Politiker:innen, den Offenbarungseid zu leisten und zu sagen: ›Wir haben uns geirrt.‹ »Die Blöße kann man sich kaum geben«, sagt Orchestervorstand Schmitz. Auch die anstehende Sanierung des Staatstheaters, deren Kosten auf 500 Millionen Euro explodiert sind, mag eine Rolle gespielt haben. Revolutionen seien toll für den Moment, aber dann müsse man gucken, wie es konstruktiv weitergehe, meint der ehemalige Chefdramaturg Linders, der heute am Humboldt Forum in Berlin arbeitet. »Wie steuert man so ein komplexes Haus in der Corona-Zeit, durch die daraus entstehenden finanziellen Probleme, in einer Zeit, in der das Haus saniert werden soll?«

Für einige Mitarbeiter:innen war die Verlängerung von Spuhlers Vertrag hingegen Zeichen seiner Unantastbarkeit. Sie fragen sich, warum nicht früher Maßnahmen ergriffen wurden, um die jetzige Eskalation, bei der alle Beteiligten und insbesondere auch Intendant Spuhler und das Renommee des Theaters Schaden nehmen, zu verhindern. »Er kann halt Politiker:innen sehr gut um den Finger wickeln«, so ein ehemaliges Orchestermitglied der Badischen Staatskapelle. »Aber sie müssen auch nicht mit ihm arbeiten.« In unseren Gesprächen bezeichneten Mitarbeiter:innen Spuhler, der Vorstandsmitglied der Intendant:innengruppe im Deutschen Bühnenverein ist, als politischen Menschen, glänzenden Kommunikator, charismatischen Strippenzieher und irren Netzwerker. Ein ehemaliger leitender Mitarbeiter erzählt, er sei sich bisweilen vorgekommen wie in der US-Serie The West Wing: »Es geht fast immer um Außenwahrnehmung. Peter hat uns in Direktionssitzungen mit Botschaften ausgestattet, mit denen wir auf einzelne Verwaltungsmitglieder angesetzt wurden, die zu Premierenfeiern oder Empfängen kamen.« Spuhler und Kunstministerin Theresia Bauer kennen sich aus Heidelberg, wo Bauer ihren Wahlkreis hat und Spuhler zwischen 2005 und 2011 Intendant war. Mehrere Quellen bezeichnen die Beziehung der beiden als freundschaftlich. Verwaltungsratsmitglied Renate Rastätter (Grüne) gratulierte Spuhler am 16. Juli, einen Tag vor der entscheidenden Verwaltungsratssitzung, mit einem Schmetterlingsbild auf Facebook zum Geburtstag: »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Peter. Theodor Fontane: ›Tröste Dich die Stunden eilen, und was alles drücken mag, auch die allerschlimmste kann nicht weilen, und es kommt ein neuer Tag.‹«

Ob sich Spuhler wird halten und die Wogen geglättet werden können, werden die nächsten Wochen zeigen. Dann wird auch geklärt werden müssen, ab wann die Theaterleitung von den Belästigungsvorwürfen wusste und wie aktiv sie dazu beigetragen hat, diese aufzuklären. Dies gilt auch für den Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung, die im Anschluss an die Premiere von Richard Strauss’ Oper Elektra in der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 2019 durch einen weiteren Angestellten begangen worden sein soll. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat gegenüber VAN bestätigt, dass gegen einen Mitarbeiter des Staatstheaters mittlerweile Anklage wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung erhoben wurde. Laut Staatsanwaltschaft soll es zwei Geschädigte geben, die beide an der Elektra-Produktion beteiligt waren.

Angestellte des Badischen Staatstheaters Karlsruhe berichten in @vanmusik über eine toxische, von Angst geprägte Arbeitsatmosphäre. Teile der Theaterleitung und der Politik sehen darin eine »Kampagne«.

Karlsruhe sei überall, auch das hört man derzeit oft. »Gespräche mit Kolleg:innen anderer Häuser zeigen, dass das Badische Staatstheater leider kein Einzelfall zu sein scheint«, erzählt Dramaturgin Deborah Maier. Wieder einmal steht jetzt das Intendantensystem auf dem Prüfstand, als letztes Relikt des Feudalismus. »Das deutsche Intendantensystem ist so ausgerichtet, dass Sie vorne ans Theater ein Schild dranhängen können, da steht drauf: ›Ende des demokratischen Sektors‹«, sagt ein Regisseur, der an großen Häusern inszeniert. Auf der einen Seite der allmächtige Intendant, bei dem nicht selten Dominanzbedürfnis und reale Machtbefugnis eine unheilige Allianz eingehen. Auf der anderen Ensemblemitglieder, die sich aufgrund der Kurzfristigkeit ihrer Verträge auf einem »fest zementierten Schleudersitz« befinden, wie es ein Karlsruher Ensemblemitglied ausdrückt. Dazu eine Politik, die sich allzu oft raushält und ihrer Kontroll- und Aufsichtsfunktion entledigt, sei es aus einem vorgeblichen Respekt gegenüber der »Freiheit der Kunst«, oder weil sie selbst von einem Bild des genialischen Tyrannen bezaubert ist, der Grenzen überschreitet, um große Kunst zu bewirken. »Ich habe das Gefühl, dass Politikerinnen und Politiker Theater oft noch zusammenbringen mit dem Klischee: Der, der am lautesten schreit, ist der größte Künstler«, meint Dramaturgin Maier. »Dadurch wird viel gerechtfertigt.«

Diskussionen wie in Karlsruhe wiederholen sich seit einigen Jahren in regelmäßigen Abständen. Das Karlsruhe jetzt ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückt, ist vielleicht eher Resultat einer zufälligen Konstellation: ein konservatives Umfeld, eine Stadtgesellschaft kurz vor dem Wahlkampf, ein reaktionärer Blog, ein Instagram-Aktivist, eine Zeitung, die mal nachfragt, Mitarbeiter:innen, die sich trauen, mit Klarnamen an die Öffentlichkeit zu gehen. »An den Häusern, an denen es so diktatorisch zugeht, dass nichts nach außen dringt, ist es nicht unbedingt besser«, meint ein Regisseur. Jan Linders, der ehemalige Chefdramaturg, findet die Scheinwerfer auf Karlsruhe und die Person Peter Spuhler ungerecht. »Er arbeitet als Reformintendant und hat gleichzeitig Spuren der alten Schule. Karlsruhe war gerade auf dem guten Wege, verschiedene theaterreformatorische Dinge, die ganz Deutschland braucht, auszuprobieren: der strukturfeministische Programmansatz, eine komplett weibliche Schauspieldirektion, die Bürgerbühne, innovative Opernprojekte, Öffnung in die Stadt, Entwicklung künstlerischer Formen von Digitalität. Wenn man das jetzt alles umstürzt, dann ist der Preis zu hoch.«

Aktuell werden wieder die Strukturen diskutiert: Spartenintendant:innen, Shared Leadership. Oft scheinen da Steuerungsphantasien aus einem Zeitalter durch, in dem man Organisationen noch als Maschinen begriff, in denen nur die richtigen Tasten gedrückt werden müssen, um Veränderung zu bewirken. Das Problem scheint indes nicht nur in »neofeudalen Machtstrukturen« zu liegen, sondern auch in der fehlenden Ausbildung elementarer Führungskompetenzen: Teamgeist, Verlässlichkeit, Umsichtigkeit, Erwartbarkeit, Regeltreue. Öffentlich finanzierte Theater, die sich oft dagegen verwahren, einfach nur »Unternehmen« zu sein, werden oft so autokratisch geleitet wie Werbefirmen in den 1950ern, inklusive der Haltung, Cholerik gehöre nun einmal zur Theatralik des Theaters dazu. Statt mit Motivation wird vielerorts mit Angst geführt. Auch die Mär von der Alternativlosigkeit – »entweder Künstler oder Manager« – macht im Karlsruher Fall wieder die Runde. »Ich denke, dass manche Menschen aus den falschen Gründen in Führungspositionen am Theater arbeiten«, meint Dramaturgin Maier. »Nämlich, weil sie gerne Macht ausüben, und weniger, weil sie an Menschen und deren Gedanken interessiert sind. Das betrifft nicht nur Intendant:innen, sondern auch Regisseurinnen und Regisseure.« Dabei gehe es bei einem Großteil der Arbeit am Theater darum, ein:e gute:r Teamleiter:in zu sein, etwas gemeinschaftlich zu erarbeiten. Es sei nicht so einfach, die über Jahrzehnte eingeübten neofeudalen Machtstrukturen im Theater zu durchbrechen, »egal ob man ein Mann oder eine Frau ist«, sagte die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann kürzlich in einem Nachtkritik-Interview. Auch sie selbst habe diese reproduziert. Gleiches gilt für das Entschuldigen eines zu harschen Tons mit der Begründung, dass man »zu sehr wollte, dass alles funktioniert«.

Intendant und Bühnenvereins-Vorsitzender Ulrich Khuon forderte unlängst in VAN die Häuser in Deutschland auf, die Themen Weiterbildung und Führung ernster zu nehmen. Sein Bühnenverein hatte im Juni 2018 einen Verhaltenskodex herausgebracht. Darin verpflichten sich die im Bundesverband organisierten privaten und öffentlichen Theater und Orchester zur Durchsetzung verbindlicher Verhaltensregeln. Dazu gehört das Unterlassen jeglicher Übergriffe »gestischer, sprachlicher und körperlicher Form«. Aber dass Papier geduldig ist, weiß man auch am Badischen Staatstheater, wo es seit Dezember 2018 eine Dienstvereinbarung für Partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz gibt, die auch von der Theaterleitung unterschrieben wurde. Darin heißt es: »Wir bemühen uns um klare und vertrauensvolle Kommunikation auf allen Ebenen unseres Hauses, um für ein diskriminierungs- und angstfreies Arbeitsklima zu sorgen.«

»Theater ermöglicht, Haltungen zu erproben und Verhaltensweisen durchzuspielen«, steht im Spielzeitheft des Badischen Staatstheaters zur kommenden Saison. Dass das, was im Theater verhandelt wird, in einem Gegensatz zu der Art und Weise stehen kann, wie es getan wird, dafür ist Karlsruhe das jüngste, aber wahrscheinlich nicht letzte Beispiel.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.