Cathy Berberian kam am 4. Juli 1925 in der Kleinstadt Attleboro (Massachusetts) – südlich von Boston gelegen – als Tochter armenischer Einwander:innen zur Welt. Die offenbar schon sehr früh äußerst vielfältig künstlerisch talentierte wie inspirierte Cathy Berberian studierte Tanz, Schauspiel, Literaturwissenschaft, Pantomime und Kostümschneiderei in New York. Bereits als Kind hatte sie sich für armenische Volksmusik und für die abendländische Operngeschichte interessiert. An ihrer High School in New York City, wohin die Familie 1937 übergesiedelt war, war Berberian bereits Teil einer armenischen Volkstanz-Gruppe geworden. Aus ihren vielen verschiedenen Interessen heraus ergab sich zunächst der Fokus auf den Gesang. 1948 begann Berberian ein Studium bei der Vokal-Spezialistin für Neue Musik Marya Freund (1876–1966). Ein Jahr später ging es für Berberian bereits mittels eines Stipendiums zum Studium nach Mailand. Hier lernte sie den italienischen Komponisten Luciano Berio (1925–2003) kennen. Beide verliebten sich ineinander und waren von 1950 bis 1964 verheiratet. (Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.) Und schon zu dieser Zeit war die Sängerin an zahlreichen Konzertprojekten und Radioaufnahmen beteiligt, obwohl ihre Stimme für die Opernbühne als »zu klein« galt.

1958 sang Cathy Berberian die Uraufführung der Aria with Fontana Mix von John Cage. 1960 war sie die Solistin in der Premiere von Berios Circles (Tanglewood Music Festival) – und galt spätestens zu diesem Zeitpunkt als die wohl begehrteste Gesangsinterpretin für Neue Musik weltweit. Daraus ergab sich die Zusammenarbeit mit Größen wie Strawinsky, Milhaud, Henze, Nono, Maderna und anderen. Auch Berio komponierte für seine Frau zahlreiche Werke, darunter die eingängigen Folk Songs (1964–1973) und die lustige Vokal-Revolution Sequenza III (1965), die bis heute in keinem Repertoire von Interpretinnen mit Hang zur Avantgarde fehlt.

Nach der Scheidung von Berberian und Berio erkämpfte sich die höchst erfolgreiche – inzwischen Werke für ihre Stimme selbst komponierende – Sängerin neue Repertoirefreiräume. 1967 entstand auf diese Weise das Album Beatles Arias, mit dem Berberian die Musikwelt spaltete. Beatles-Songs, mit barocken Continuo-Instrumenten begleitet, oben drüber: eine absichtlich artifiziell vibrierende »klassische« Gesangsstimme! Trotzdem blieb Berberian auch im »ernsten Fach« weiterhin sehr gefragt. So lud Nikolaus Harnoncourt die Sängerin Mitte der 1970er Jahre ein, in Monteverdis L’incoronazione di Poppea die weibliche Hauptrolle zu übernehmen. Berberian: »Dabei hatte Harnoncourt mich vorher noch nie gehört, nur von der Schallplatte – und das mit den Beatles-Songs!«

Zeitlebens hatte Berberian mit verschiedentlichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Ihre Sehfähigkeit schwand zunehmend, und so musste Berberian komplexeste Partituren stets auswendig memorieren. Berberian verstarb im Alter von 57 Jahren am 6. März 1983 in Rom.


Cathy Berberian (1925–1983)
Stripsody für Solostimme (1966)

Berberian brachte mit ihrem künstlerisch extrovertierten Ausdruck Weiblichkeit in die Neue Musik. Und vor allem half sie bei einer – nötigen – Verschlankung und Auflockerung der gerade in den 1960er Jahren noch vor-postmodernen, strengen, seriellen, hörer:innenabgewandten Moderne prominent mit: »Was ich immer predige, ist, dass man Avantgarde nicht immer so todernst interpretieren sollte.« Darüber hinaus sorgte sie auch für die nötige ästhetische, praktische, gesangstechnische Theoriefähigkeit dieser »neuen Leichtigkeit«, indem sie Aufsätze wie The New Vocality in Contemporary Music (1966) publizierte.

1966 komponierte Berberian ihre Stripsody für Solostimme, auf einen »Text« eines Comics, mit entsprechenden Geräuschen und anderen aktionistischen Lautäußerungen. Mit dem anfänglichen Tarzan-Brusttrommel-Schrei wird bereits der humoristische Gehalt des Ganzen explizit veräußert. Ein ultrakurzes »Frieren« wird »uminterpretiert« in einen neuen Spannungszustand: kurz vor dem Niesen. Das Niesen wird entsprechend laut und pointensicher »interpretiert«, der Rotz danach an der Kleidung abgewischt.

Und so geht es fort und fort. Aktion auf Aktion. Comic-Laute, Ess- und Trinkgeräusche, Aufprall-Sounds. Das ist alles lustig – und immer eine schöne Auflockerung in jedem Konzertprogramm. Diese Art von »Humor im Konzertsaal« ist allerdings »schlecht gealtert« – auch, weil dem Nichts folgte, was das bildungsbürgerliche Publikum tatsächlich irgendwie »freundlicher gesinnt« hätte. Weiterhin sitzt man mit Todesmiene im Konzertsaal und kommentiert alle Hereinströmenden mit missmutigen Blicken, die töten könn(t)en. Was hätte Berberian dem wohl heute entgegenzuhalten? ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.