Michael Struck studierte an der Musikhochschule und der Universität Hamburg Schulmusik und promovierte mit der Arbeit Die umstrittenen späten Instrumentalwerke Schumanns. Untersuchungen zur Entstehung, Struktur und Rezeption. Er bildet zusammen mit Projektleiter Siegfried Oechsle und seinen Kollegen Katrin Eich, Johannes Behr und Jakob Hauschildt – die Editionsleitung der Johannes Brahms Gesamtausgabe, die am Musikwissenschaftlichen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel beheimatet ist und sowohl vom Bund als auch vom Land Schleswig-Holstein finanziert wird.
VAN: Was ist das größte ungelöste Brahms-Rätsel?
Michael Struck: (lacht) Es gibt natürlich das biographische Rätsel, ob Brahms etwas mit Clara Schumann gehabt hat – oder nicht. Doch das fragen nur diejenigen, die diese Persönlichkeiten psychologisch und auch aus ihrer Zeit heraus nicht angemessen einschätzen. Es gibt aber viele andere Brahms-Rätsel. Brahms hat einige angefangene Werke und alternative Werkfassungen vernichtet. Die hätte man gerne kennen gelernt. Die wenigen Werke, die gegen seinen Willen dann doch in derlei Zuständen überliefert sind, bieten interessante Einblicke in seine kompositorische Werkstatt und in sein kompositorisches Denken. Besonders eindrücklich sind dabei bestimmte Abschriften von Werken, die Brahms in einem frühen Stadium aus der Hand gegeben und später noch verändert hat. Der Lerchengesang op. 70 / 2 (Youtube) oder die Nummern 3, 4, 7 und 8 aus den Acht Liedern und Gesängen op. 59 (Youtube) nach Texten von Klaus Groth sind gute Beispiele dafür. Ein Extrem finden wir natürlich im Klaviertrio H-Dur op. 8, das Brahms quasi zwei Mal komponiert hat. Paradoxerweise hat er Skizzen und unterschiedliche Fassungen von Werken anderer großer Komponisten gesammelt. Brahms selbst hinterließ aber nur äußerst ungern Unfertiges.

