Im Februar 2011 werden 15 Kinder im südsyrischen Darʿā festgenommen und beschuldigt, regimekritische Parolen an das Schulgebäude gemalt zu haben. »Nieder mit dem Präsidenten« und »Du bist dran, Doktor« – in Anspielung auf den studierten Augenarzt Baschar al-Assad. Die Kinder werden im Gefängnis geschlagen und gefoltert, worauf sich auf den Straßen der Stadt ein Protest formiert gegen polizeiliche Willkür. Dessen gewaltsame Niederschlagung durch die syrische Armee gilt als Ausgangspunkt für den Bürgerkrieg in Syrien. Wie lässt sich fassen, was dort seitdem passiert? Die Entzündung von Gräben entlang ethnischer und religiöser Identitäten, das diffuse Gemisch unterschiedlicher Gewaltakteure, der Terror gegen die Zivilbevölkerung, der Kampf um Rohstoffe, die Profiteure der Kriegswirtschaft, eine zunehmend schwerer fallende Unterscheidbarkeit zwischen Täter und Opfer, Kämpfer und Zivilist, der Informationskrieg mit der Macht der Bilder, die Zerstörung des Weltkulturerbes, ob in Palmyra oder der Altstadt Aleppos, der Zusammenbruch der Diplomatie, ob ohnmächtig verfolgt oder bewusst in Kauf genommen, der geopolitische Stellvertreterkrieg, aus dem sich gerade eine neue Ordnung im Nahen und Mittleren Osten herausschält. Mit Blick auf den Ersten Golfkrieg, die Balkan-Kriege und die Kriege in Somalia und Rwanda haben Wissenschaftler wie Mary Kaldor Ende der 1990er den Begriff »Neue Kriege« geprägt: Eine entgrenzte Form hybrider Konflikte, die den klassischen zwischenstaatlichen Krieg ablöste, befeuert von der Auflösung des Ost-West Konflikts, von Globalisierung und der fortschreitenden Digitalisierung. Nicht neu ist das Leiden, das der Krieg verursacht. Über 400.000 Tote hat der Krieg in Syrien bisher gefordert, gestorben in Giftgaseinsätzen und Flächenbombardierungen, durch Fassbomben, Aushungern, Massaker, Krankheiten. Man muss kein Prophet sein, um zu befürchten, dass diese Zahl weiter steigen wird. Über 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht, von den 4,8 Millionen Syrern, die nach Angaben des UNHCR aus ihrem Land geflohen sind, kamen einige Hunderttausend nach Deutschland. Sie sind Opfer, gleichzeitig aber auch Menschen, die ihr Leben gestalten wollen, als Neuankömmlinge an der Gesellschaft teilhaben, sich einbringen wollen. Menschen, die dieses Land verändern werden. So wie der 35-jährige Musiker Nabil Arbaain aus Damaskus, der im Mai 2015 nach Deutschland kam. Wir treffen uns in der Berliner Universität der Künste am Rande des Artist Training: Refugee Class for Professionals, einem Qualifizierungsangebot für geflüchtete Künstlerinnen und Kreativschaffende, das vom Career College der UdK angeboten wird.
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