Für einen Künstler seines Formats ist die Anzahl der Aufnahmen des Pianisten Ferenc Rados recht überschaubar. Jetzt ist eine weitere hinzugekommen: Im Juni 2021 hat Rados zusammen mit Kirill Gerstein, der zeitweilig Rados‘ Schüler war, Mozarts Klaviersonaten zu vier Händen KV 497 und 521 eingespielt. Steven Isserlis nimmt das zum Anlass, seine Erfahrungen mit Rados als Musiker und Lehrer zu teilen.

Es muss irgendwann Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, als ich Ferenc Rados zum ersten Mal begegnet bin. Sein ehemaliger Student András Schiff hatte ihn zur Teilnahme an der Open Chamber Music Session beim Internationalen Musikseminar in Prussia Cove (Cornwall) eingeladen. Damals wurde das Festival noch von dem inzwischen verstorbenen großen Geiger und Dirigenten Sándor Végh geleitet (das IMS Prussia Cove war schon immer eine ungarische Talentschmiede). Ich war fasziniert von Rados, kein Zweifel; zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass mir während der Woche, die wir zusammen verbrachten (wir arbeiteten an Schuberts Es-Dur-Trio), nicht bewusst geworden war, dass er auf seine ganz eigene Art ein ebenso fantastischer Musiker wie Sándor Végh war. Dies realisierte ich erst etliche Jahre später, als Rados und ich beide in Prussia Cove unterrichteten. Ich hörte ihm gelegentlich beim Unterrichten zu und war wie gebannt. Was für ein Intellekt! Was für eine tiefgreifende, nie nachlassende Musikalität! Und was für ein seltsamer Mensch…

Eines der ersten Dinge, die mich zunächst vollkommen überraschten – und so geht es vermutlich mehr oder weniger jedem, der Rados beim Unterrichten zuhört – ist die Tatsache, dass bei ihm Lachen kein gutes Zeichen ist. Derjenige, der die Maxime »Lachen ist immer eine Form der Kritik« erfunden hat, muss dabei an Rados gedacht haben. Sein Lachen weist unterschiedliche Schattierungen von Wahnsinn auf und reicht von einem noch ziemlich harmlosen manischen Glucksen zu einer völlig überdrehten Lachsalve und ist abhängig von der Schwere des Fehlers, den sein Zögling beim Spielen begangen hat. Ein Freund von mir begleitete einmal im Unterricht einen Bratschisten, der beschlossen hatte, die Reihenfolge der letzten beiden Stücke aus Schumanns Märchenbilder umzustellen, wodurch ein schneller Satz ans Ende kam, was »viel effektvoller« sei. Mein Freund – der Rados bereits gut kannte – berichtete, er habe noch nie in seinem gesamten Leben jemanden so unbändig lachen hören!

Komplimente verteilt Rados alles andere als leichtfertig. Er erzählte mir einmal selbst, bei ihm gebe es drei Abstufungen der Kritik. Erstens – sehr schlimm: »Das verstehe ich nicht.« Zweitens – etwas besser: »Ich verstehe, aber ich glaube nicht daran.« Drittens, und das ist schon gefährlich nah am Lob: »Ich glaube daran – aber es gefällt mir nicht!«

Vielleicht klingt all dies bislang so wie das Porträt eines Monsters. Dabei ist Rados alles andere als das! Es fällt mir nicht gerade leicht, diesen Absatz zu schreiben, das muss ich zugeben. Rados steht voll und ganz in der Tradition von Groucho Marx’ »Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied aufnähme.« Ihm ein Kompliment zu machen ist eine unlösbare Aufgabe. Sollte er dies je lesen – was um Himmels willen nie geschehen möge –, so wäre er angewidert von meiner Gefühlsduselei. (Tatsächlich schrieb ich ihm nur höchst ungern, nachdem ich die Aufnahmen auf diesem Album gehört hatte. Mir sei bewusst, dass er vermutlich nie wieder mit mir sprechen würde, teilte ich ihm mit, aber ich wollte ihm unbedingt sagen, dass ich die Aufnahme ganz wunderbar fände! Selbstverständlich habe ich seitdem nie wieder etwas von ihm gehört …) Aber ich muss doch sagen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dadurch in ernste Schwierigkeiten gerate, dass Rados ein extrem warmherziger Mensch ist. Obwohl er es nie zugeben würde, ist er voller Mitgefühl für jede oder jeden, der in Schwierigkeiten steckt. Wenn er zuweilen barsch wirkt, so deshalb, weil er unzufrieden mit sich selbst ist, und mit der Welt. Mit dieser positiven Darstellungsweise betritt man freilich vermintes Gelände.

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Einmal sprach ich ihn darauf an, dass ein Schüler bei ihm im Unterricht in Tränen aus- gebrochen war. Er brach in wildes Gelächter aus, bis ich ihm erklärte, dass dies an der Schönheit seines Spiels gelegen habe. Daraufhin fiel ihm die Kinnlade herunter und er wollte nichts mehr davon hören. Bei einer anderen Gelegenheit besuchten er und seine Frau Rita (mehr zu Rita später) ein Konzert, das Dénes Várjon und ich in Budapest gaben. Danach kam das Ehepaar Rados hinter die Bühne. Rita war ganz aufgekratzt und begeistert, Rados schlappte düster hinterdrein, den Blick fest auf den Boden geheftet. Rita deutete auf ihn: »Er mochte den Beethoven, er mochte den Beethoven!«, verkündete sie. Pause. Da hob Rados plötzlich den Kopf, das Gesicht von einem Lächeln überzogen: »Ah – aber den Schumann mochte ich überhaupt nicht, hihihi!«, erwiderte er höchst erfreut. (Diese Szene gehört zu denjenigen, die ich am liebsten nachspiele. Ich habe sogar ein Video davon gedreht und es den beiden geschickt – ich glaube, es hat ihnen gefallen …)

Man kann also sagen, dass Rados den düsteren Aspekten des Lebens zugetan ist, aber es ist hoffentlich auch klargeworden, dass dies zumindest teilweise auch Show ist – vor allem ist er niemals bösartig. Sein einziges Ziel als Lehrer ist es, seinen Studierenden die Musik näherzubringen – was ihm in einem außergewöhnlich hohen Ausmaß gelingt. Er besitzt einen wahren Röntgenblick, um ins Innere eines Werkes zu schauen. Für uns normale Musiker ist das Wichtigste im Unterricht die genaue Beachtung der dynamischen und sonstigen Bezeichnungen des Komponisten sowie die Umsetzung gewisser Emotionen. Rados scheint beinahe über diese Bezeichnungen hinwegzusehen, über die klar zutage tretenden Stimmungen des betreffenden Werkes, und stattdessen das Skelett, die innere Struktur und Form jeder Phrase zu erkennen. Er teilt Informationen mit, taucht mit uns tief unter die Oberfläche der Musik, egal, ob er das Stück kennt oder nicht. Sein Unterricht verändert das Leben von jedem, der sich darauf einstellt. Außerdem verleiht Musik ihm eine außergewöhnliche Kraft.

Wir diskutierten einmal über irgendein kulturelles Desaster – welches, habe ich vergessen. »Das ist das Ende des Lebens«, sagte ich. »Oder zumindest das Ende der Musik.« – »Das ist ein und dasselbe«, entgegnete Rados.

Doch nun zu seinem eigenen Spiel. Als ich Rados etwas näher kennenlernte, war er seit vielen Jahren nicht mehr aufgetreten – genauer gesagt, seit unserer ersten Begegnung. Er spielte zwar im Unterricht und begeisterte durch die Magie jeder einzelnen Note, weigerte sich aber standhaft, auch nur ein einziges Stück im Ganzen durchzuspielen. Und dann nahm mein Freund David Waterman einmal seinen ganzen Mut zusammen. Zu den Ritualen in Prussia Cove gehört das nächtliche gemeinsame Musizieren. Alle jungen Musiker machen da mit (die Lehrenden sind dann für gewöhnlich schon im Bett). Eines Abends ziemlich spät bemerkte David, dass Rados noch im Speisesaal war. In Erwartung einer Abfuhr fragte er ihn dennoch, ob er mit ihm und ein paar jüngeren Musikern das Schumann-Quintett durchspielen würde. Zu seiner großen Überraschung zuckte Rados nur gleichmütig mit den Achseln und ließ sich an den Flügel führen – wo er das Quintett ganz wunderbar und zu jedermanns großer Freude spielte. Ich war an dem Abend nicht dabei, doch als ich davon hörte, beschloss ich – in einem Anflug von Eifersucht – Rados dazu zu bringen, beim nächsten Mal eine Beethoven-Sonate mit mir zu spielen. Und siehe da, er willigte erstaunlicherweise ein, und es wurde im Lauf der Jahre so etwas wie ein Prussia-Cove-Ritual daraus, das alle Beethoven-Sonaten und -Variationen umfasste, Gambensonaten von Bach, Brahms, Chopin, Schumann etc. Es war jedes Mal eine wundervolle Erfahrung. Er wies mich auf Dinge hin, die ich in der Musik noch nie entdeckt hatte, und ließ jedes Werk, das wir zusammen spielten, in neuem Licht erscheinen.

(Immerhin darf ich mich rühmen, Rados in einer Hinsicht selbst einmal musikalisch beeinflusst zu haben. Obwohl sie sonst außergewöhnlich gut ausgebildet sind, scheinen Ungarn im Rahmen ihres Studiums mit der Musik von Gabriel Fauré überhaupt nicht in Berührung zu kommen – Rados bildete da keine Ausnahme (der andere musikalische Gigant aus Ungarn, György Kurtág, übrigens auch nicht). Mein ständiges Schwärmen von Fauré ärgerte ihn, machte ihn aber auch neugierig; er begann sich mit einigen Stücken Faurés auseinanderzusetzen. Rados erkannte, dass diese Musik etwas ganz Besonderes an sich hatte, aber ich sah deutlich, dass er nicht völlig überzeugt war. Und dann trommelte ich einmal in Prussia Cove ein paar Fauré-Enthusiasten zusammen, und wir knöpften uns während einer sehr intensiven Arbeitswoche Faurés letztes Werk, sein Streichquartett, vor. Obwohl ich wirklich Fauré-Fan bin, hatte ich immer Schwierigkeiten mit diesem Werk, war aber fest entschlossen, sie zu überwinden. Und tatsächlich liefen die Proben gut, und am Ende der Woche wagten wir es, das Stück aufzuführen. Wie groß war meine Überraschung, als ich nach dem Konzert auf einen völlig begeisterten Rados traf! »DAS habe ich verstanden«, verkündete er. Typisch für ihn, sich Faurés Welt mittels dieses höchst abstrusen, wenn auch großartigen Werks zu nähern.)

Dennoch, zu einem öffentlichen Auftritt war er nach wie vor nicht zu bewegen. Eines Tages aber waren Rita, Rados und ich auf der Rückfahrt von einem unserer beiden jährlichen Kurse in Prussia Cove, der so genannten Open Chamber Music Session, bei der junge Musiker Kammermusik zusammen mit Oldies wie mir spielen. Diese Veranstaltung findet immer im September statt, während die Meisterklassen im Frühjahr abgehalten werden. Rados hatte Kammermusikgruppen unterrichtet, und wir fuhren zufällig mit demselben Zug zurück. Rados fragte, welche Stücke wir Lehrenden für die Meisterkurse im darauffolgenden Frühling geplant hatten. Überrascht, dass er sich überhaupt dafür interessierte (Konzerte lässt er für gewöhnlich den Kopf auf die Hände gestützt über sich ergehen), berichtete ich ihm, dass es noch nicht genau feststehe, dass aber ein Klavierquintett dabei sein werde. Er schaute mich nachdenklich an. »Wenn es Brahms ist, wären Sie ja vielleicht bereit, ein Desaster zu riskieren«, warf er ein. Erst allmählich dämmerte mir – und ich ließ es mir sicherheitshalber von Rita bestätigen –, dass er sich damit selbst ins Spiel bringen wollte! Ich konnte es kaum glauben. Immerhin war er zu dem Zeitpunkt seit mehr als zehn Jahren nicht mehr aufgetreten. Und doch geschah es schließlich. Die Brahms-Gruppe war zwar etwas inhomogen, und Rados war nicht erbaut über das Konzert (Tatsächlich war er tagelang schlechter Laune, bis ihn jemand dermaßen ärgerte, dass er plötzlich wieder lächeln musste – ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass Rados zu ungewöhnlichen Reaktionen neigt!). Doch zumindest war das Eis gebrochen, und im darauffolgenden Jahr bestand er darauf, dass er und ich eine Beethoven-Sonate zusammen aufführten, die gut lief. Er hatte sich sogar bereiterklärt, im selben Konzert noch Schumanns Nachtstücke für Klavier solo zu spielen – eine unvergessliche Aufführung. Ab da spielte er ziemlich regelmäßig, sowohl Kammermusik als auch als Solist, mit häufig sehr spannenden Ergebnissen. Außerdem spielte er überaus erfolgreich ein Mozart-Klavierkonzert mit der Manchester Camerata unter der Leitung eines weiteren großen Musikers, der bereits in jungen Jahren stark von Rados beeinflusst worden war, Gábor Takács-Nagy (Es gab nur einen einzigen Moment, in dem dieses besondere Konzertengagement auf der Kippe stand, nämlich, als jemand aus der Marketingabteilung, der wohl versäumt hatte, sich zu informieren, wen er hier vor sich hatte, ihm eine Mail sandte: »Lieber Ferenc, es wird Zeit, Ihr anstehendes Konzert publik zu machen. Bitte schicken Sie mir die Angabe zu Ihrer Facebook-Seite und Ihre Twitter-Adresse.« Rados leitete die Mail völlig verwirrt an mich weiter, das hier hatte er wirklich »nicht verstanden.«) Viele seiner Konzerte wurden legendär, die Aufnahmen davon waren weit verbreitet – insbesondere viele jüngere Ungarn kannten sie.

Rados schätzten sie vor allem als großen Lehrer, als Interpret war er ihnen jedoch völlig unbekannt. Die expressive Freiheit seines Spiels, die Schönheit (wie sehr hasst er dieses Wort!) seines Anschlags, die extreme Charakterschärfe, die er in jede Phrase hinein- oder vielmehr aus ihr herausmeißelt – er ist unvergleichlich.

Inzwischen sind seine Konzertauftritte wieder seltener geworden. Man sollte Kirill eine Medaille verleihen, weil er durch so viele Prüfungen gehen musste, bis diese wunderbare Aufnahme endlich vorlag. Das Konzert, das ihr vorausging, sollte sogar einer seiner letzten Auftritte sein; kurze Zeit später verkündete Rados, dass er nicht mehr öffentlich spielen würde. Allerdings hat er kürzlich dennoch wieder ein Konzert gegeben, mit dem Geiger Barnabás Kelemen in Budapest. Der 95-jährige Kurtág besuchte das Konzert und erzählte mir, es sei großartig gewesen, vor allem Rados’ Interpretation von Beethovens letzter Violinsonate op. 96.

Der Pianist und Lehrer Ferenc Rados, porträtiert vom Cellisten Steven Isserlis – mit dem Rados seit er den Text gelesen hat nicht mehr sprechen will. Vermutlich, weil er ihm gefällt. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Rados teilt also weiterhin seine einzigartigen, unschätzbaren Einsichten mit der Musikwelt. Wie ich vermutlich mehr als deutlich gemacht habe, ist er nicht gerade der umgänglichste Mensch. Aber er ist weder so schwierig noch so negativ, wie er behauptet; den dunklen Episoden, die es sehr wohl gibt, zum Trotz würde ich sagen, er führt ein glückliches Leben. Und der Hauptgrund dafür ist seine wunderbare Frau Rita, einst seine Schülerin, inzwischen eine ebenso inspirierende Lehrerin wie er. Die beiden arbeiten oft zusammen, manchmal in der Formation »Good cop/Bad cop«, sie voller Freude und Begeisterung, er vermeintlich ganz düster und sarkastisch. Sie sind einander treu ergeben – was für ein wunderbares Paar. Und – Pech gehabt, Mr. Rados! – diejenigen unter uns, die sie beide kennen und mit ihnen gearbeitet haben, sind ihnen ebenfalls treu ergeben. ¶


Dieses Porträt ist Teil des Booklets der neuen Einspielung von Mozarts Klaviersonaten zu vier Händen KV 497 und 521 von Ferenc Rados und Kirill Gerstein, erschienen bei myrios classics . 


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Steven Isserlis

Steven Isserlis tritt als Solist mit Orchestern wie London Symphony Orchestra, den Berliner Philharmonikern, dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra und Dirigenten wie John Eliot Gardiner, Alan Gilbert und Christoph Eschenbach auf. Außerdem spielt er Kammermusik mit Joshua Bell, Isabelle Faust, Tabea Zimmermann, Alexander Melnikov und vielen anderen, unterrichtet und schreibt Kinderbücher und unterhaltsame Tweets.