Vor ein paar Jahren hat der große Liedkünstler Christian Gerhaher seine lebenslange Beschäftigung mit dem Liedkomponisten Schumann in ein bemerkenswertes Gesamtprojekt eingehen lassen. Die CD-Box Alle Lieder war, unter Mitwirkung von Kolleginnen und Kollegen und im erhellenden Zusammenspiel von Forschung, Reflexion und künstlerischer Praxis: eine Tat. Würde er Gleiches auch für Brahms tun? – Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Gerhaher, als Interpret, aber auch als Kurator einer Liedwoche im schönen und liedseligen Schloss Elmau, bei dem er seine Liebe zu Schumann eloquent bekräftigte. Diese Begeisterung war keine Überraschung; wohl aber eine gewisse Reserve in Bezug auf Brahms. Es ging, wenn ich mich recht erinnere, um dessen nicht immer unanfechtbare Textauswahl (Brahms’ Vorlagen brauchten Luft für Musik, literarische Perfektion schien eher hinderlich); es ging aber auch um die brahmsspezifische Perspektive einer Art Post-Romantik, einer Spätkunst der Rückschau auf schon Verlorenes. Mir imponierte jedenfalls, wie skrupulös und kritisch-genau dieser Sänger bedenkt, was er singt – statt, wie sonst üblich, stereotyp bloß zu loben, dass alles wunderbar sei, bei Brahms sowieso.

Insofern höre ich, an sehr passend verregneten Urlaubstagen, ein neues Brahms-Album von Gerhaher und seinem pianistischen Compagnion Gerold Huber mit besonderer Neugier. Es heißt Lieder. Ein Alle-Lieder-Album wäre unwahrscheinlich, 203 für Solostimme werden bei Brahms gezählt, dazu 20 Duette und 60 Quartette, gesammelt unter 32 Opusnummern als »Boukets«, wie der Komponist sie gern nannte. Der dachte weniger in zyklischen Zusammenhängen als in produktiven Varianten, seine Technik ist die des Anklangs, der Allusion, und natürlich klingen die großen Früheren an, Schubert und Schumann, aber Brahms liebt auch die Auto-Allusion. Schön zu sehen bei der Auswahl von 29 Nummern, beginnend mit sechs Liedern im Volkslied-Ton, dann den 1864 in Baden-Baden (wohl mit Clara S. im Herzen) entstandenen Neun Lieder und Gesänge op. 32, dann vier Liedern auf Texte des norddeutschen Freundes Klaus Groh aus den Regenliedern in der Frühfassung, und anderem.

»Dunkel klingen meine Lieder«, heißt es einmal, es gilt für die ganze Platte, da bricht keinen Moment Heiterkeit durch, und der reife Gerhaher zeigt in hundert Herbstfarben, was Dunkelheit ist, noch wenn er seinen Bariton ins Tenorale öffnet. Immer immer wieder Liebesschmerz, Verlusttrauer oder Verlustverzweiflung, weil der oder die Geliebte fort ist, weggegangen oder zu einem anderen oder tot, weil eine Liebe verraten wurde oder warum auch immer verweht ist. Und dauernd regnet es. Gerold Huber weiß, wie hundert Arten von Regentropfen auf dem Klavier klingen können, wie sie sich anfühlen auf den erhitzten Wangen eines Kindes, wie in Walle, Regen, walle wieder. Auch, wie man Sterne funkeln lässt; und Gerhaher weiß, wie man Worte singt wie »Kindesgrauen«. Sollte es eine leise Brahms-Reserve bei ihm geben, dann bekommt sie diesem fein zusammengestelltem »Bouket« genau richtig, denn Gerhaher/Huber halten Sicherheitsabstand zu einem einsinnig identifikatorischen Lamento-Sound. Genau das aber öffnet die Ohren für die komplexe Kunst dieses Komponisten, noch wenn er das »Volkslied« zum Ur-Ideal erhebt. Alles indirekter und umwegiger als etwa bei Mahler, worauf der Booklet-Text von Laurenz Lütteken hinweist. Und wenn im »Volkslied« Von ewiger Liebe das »Mägdlein« spricht: »Eisen und Stahl, sie können zergehn, Unsere Liebe muss ewig bestehn!«, dann mischt Gerhaher dem Ausrufe- ein Fragezeichen diskret bei. Wir ahnen es ja, in den 28 anderen Fällen dieser Lieder, besser, wie im Überläufer: »Das hätt’ ich mir nicht gebildet ein, dass mein Schatz so falsch könnt’ sein.« ¶

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…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹