Natürlich darf das das. Dekonstruktion, Übermalung sind nicht nur legitime, sondern auch produktive Verfahren, wenn Kunst mit anderer Kunst umgeht. Zumal wenn die, wie fast immer in der Oper, schon älter ist und wir heute, sagen wir, an die Zauberflöte, andere Fragen stellen als das Publikum im Theater auf der Wieden anno 1791. Wie da über Frauen gesungen, wie mit dem »Schwarzen« Monosthatos umgesprungen wird: geht heute nicht mehr. Dazu muss sich verhalten werden. Die Frau ohne Schatten von Strauss/Hofmannsthal ist auch so ein Fall. Eben sitze ich im Zug von Amsterdam, wo ich Katie Mitchells Neuinszenierung an der Nationale Opera gesehen habe. Sie erzählt dieses ziemlich verstiegene Kunstmärchen, ein Problem für jede Regie, als »Thriller«, darin der Geisterkönig Keikobad seiner Tochter, die einmal eine Gazelle war, von einem jagenden Kaiser aber zur Kaiserin genommen wurde, das Gesetz auferlegt, innerhalb eines Jahres schwanger zu werden (in der Bildsprache des Märchens: einen Schatten zu werfen), andernfalls werde ihr Mann, der Kaiser, versteinert.

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Dass eine Ehe nur dann gültig ist, wenn die Frau ein Kind bekommt: Auch das lässt sich heute nicht mehr 1:1 so erzählen, und Mitchell übermalt vor allem das Bild des zweiten Paars in der Oper. Da gibt es noch den Färber Barak (hier: ein melancholischer Crystal Meth-Kocher) und seine Frau, die bei Hofmannsthal auch nur so heißt, sein Weib. Die Frau Färberin ist im Stück eine verwöhnte Ziege, die dem armen Barak, der sie auf gutmütige und geduldige Art liebt, schwer zusetzt. Da will sie gar kein Kind, von so einem. Bei Mitchell ist es nun interessant anders, da sehen wir ein Paar, das umgekehrt darum ringt, ein Kind zu kriegen, und mit dem Frust umgehen muss, dass das nicht klappt. Damit bekommt die Frau (in Amsterdam toll gespielt von Aušrinė Stundytė) eine ganz andere Würde als das fast immer zu sehen ist. Und es geht hier nicht einmal auf Kosten des Barak. Also fein. Die Übermalung bringt was, nämlich Differenzierung. Diese Frau wirft, die Pointe liegt zu nah, einen Schatten. Und sie kommt in produktive Spannung zur ursprünglichen Konzeption der Figur.

Foto © Dutch National Opera | Ruth Walz

An diesem Abend in Amsterdam, wo Marc Albrecht das Nederlands Philharmonisch Orkest fabelhaft dirigiert hat, kam ich trotzdem, als der »Thriller« seinen Lauf nahm, ins Nachdenken, inwieweit das großflächige Überschreiben eines Textes, der, gemessen an den heutigen Sensibilitäten, »problematisch« erscheint – Katie Mitchell spricht sogar von »giftigen Wurzeln« – nur deshalb so geht, weil ein erheblicher Teil des Publikums diesen Text gar nicht kennt. Davon auch, sofern auf die gesangstechnische Verständlichkeit wenig Wert gelegt wird, kaum etwas versteht. Meine Frage: Ob das berechtigt ideologiekritische Verfahren da ins Leere läuft, wo vor lauter Übermalung nicht mehr zu erkennen ist, was drunterliegt, so problematisch es sei. Damit es spannend wird, braucht es doch beide Pole. Es braucht einen »Änderungen nachverfolgen«-Modus, keine Korrektur im Sinne von Überpinselung mit Deckfarbe.

Bei Katie Mitchells Amsterdamer Frau ohne Schatten ging das insgesamt so mittel aus; schade, bei soviel Qualität auf dem Platz. Aber vielleicht lässt sich daraus ein Argument für die oft so fruchtlosen Diskussionen um den untoten Fetisch »Werktreue« im Regietheater gewinnen. Wagneropern zu spielen heißt ja auch nicht, den Antisemiten R.W. zu entschuldigen, sondern sind ein Anlass, darüber zu reden. Opernhäuser sind Orte, an denen mit öffentlichen Geldern eine komplexe Kunst gepflegt wird, überwiegend alt, Flaschenposten aus einer anderen Zeit. Wenn man sie öffnet, riecht es manchmal nicht gut, manchmal sogar giftig. Warum nicht einen Thriller erzählen, wo ein Märchen war? Aber die Begegnung mit dem, was wir heute anders, »problematisch«, verkehrt finden, könnten wir uns zumuten. Den doppelten Boden, das Unaufgeräumte. Das Gift; bei bitte eingeschaltetem Gehirn. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹