Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, liegt nur 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Seit dem 24. Februar wurde die Stadt fast ununterbrochen bombardiert. Während die russische Armee vergeblich versuchte, die Stadt einzunehmen, suchten viele Hundert Bewohner:innen Schutz in den U-Bahn-Stationen der Stadt. Mitte Mai wurde die russische Offensive gestoppt und die russische Armee zurückgedrängt. Trotzdem steht Charkiw nach wie vor unter Raketenbeschuss, der fast täglich Menschen tötet. 

Wir haben acht Musiker:innen aus Charkiw über das Überleben und ihre Kunst in der aktuellen Situation befragt. 


Julia Nikolaevskaya, Professorin am Institut für Musikanalyse an der Nationalen Universität der Künste  I.P. Kotljarewski

Julia Nikolaevskaya (stehend) bei einem Krankenhauskonzert in Charkiw während des Krieges • Foto © Olexander Osirov

Die Stadt Charkiw lebt, das ist das Wichtigste. Aber es gibt viele Tote: Erwachsene, Kinder, viele Schwerverletzte. Trauer und Leid sind groß. 

Das Opernhaus, die Philharmonie, die Kunstschulen, das Kunstmuseum, das Hryhorij-Skoworoda-Museum und die Bildungseinrichtungen, einschließlich der Universität der Künste, sind sehr stark beschädigt. Deshalb ist die Eröffnung jeder Einrichtung ein kleiner Feiertag. Das Café, die Bankfiliale, die U-Bahn, in der die Menschen drei Monate lang Schutz suchten, der Blumen- und der Buchladen oder das Theater – es sind die einfachen Dinge, die das Leben im heutigen Charkiw ausmachen.

Ich werde mich immer an die ersten Minuten des Krieges erinnern, als weder ich noch meine Familie glauben konnten, was da passiert. Als die Bomberjets über mich und die Kinder hinwegflogen und die Stadt von gewaltigen Explosionen heimgesucht wurde, herrschten Schock und Angst. Dann wich die Angst und es wurde klar, dass wir handeln mussten. Wir spielten in der U-Bahn und in Freiwilligenzentren ›Konzerte zwischen den Explosionen‹. Wenn die Musiker:innen die Hymne der Ukraine spielten, Volkslieder, die berühmte Melodie von Myroslav Skoryk – all das klang wie ein Gebet, ein Gebet für die Ukraine. Nach dem Konzert kamen viele Menschen, die die ganze Zeit in U-Bahn-Stationen lebten, auf uns zu und sagten, wie wichtig es war, die Musik zu hören. ›Das Konzert hat mir Hoffnung gegeben‹, meinte ein U-Bahn-Mitarbeiter. 

Dann gab es Konzerte in Krankenhäusern, im Perinatalzentrum. Einige Ärzt:innen hatten die Krankenhäuser monatelang nicht verlassen. Wir spielten ukrainische Volkslieder, und alle sangen mit. Bei einem anderen Konzert in einer Notunterkunft sagten Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, dass das Konzert ihnen ein Gefühl des Lebens zurückgegeben habe. Dann gab es das Rockfestival ›Musik des Widerstands‹, zu dem auch Musiker:innen aus anderen ukrainischen Städten kamen. Wir haben sogar das 105-jährige Bestehen der Universität der Künste in deren zerstörter Konzerthalle gefeiert. Das ist keine ›Kunst um der Kunst willen‹, wir wollen damit den Opfern des Krieges helfen. Für mich wäre es viel schwieriger, wenn es diese Konzerte nicht gäbe. Sie füllen mich mit der Zuversicht, dass wir alle zusammen stehen und dass wir gewinnen werden.

In den ersten Tagen des Krieges konnte ich mir nichts anhören, mir kamen sofort die Tränen. Aber dann kehrte die Musik zurück, wie die Worte. Fast vom ersten Tag an habe ich mich dem Team angeschlossen, das die Noten ukrainischer Komponist:innen sammelt und online zur Verfügung stellt. In der Ukraine gibt es viele Komponist:innen, die die Welt entdecken sollte – Bortniansky, ​​Berezovsky, Vedel, Kalachevsky, Lysenko, Ljatoschynskyj, Revutsky, Akimenko, Bortkiewicz, Zaderatsky, Barvinsky, Lyudkevych, Leontovych, Bibik, Skoryk, Sylvestrov und viele mehr.

Die letzten Monate habe ich meine Kurse an der Universität der Künste online gehalten. Ich habe mir im Internet viele Konzerte angehört, die in der ganzen Welt zur Unterstützung der Ukraine stattfanden, ich habe alles gehört und aufgesogen, was im Netz erschien – neue Kompositionen, zum Beispiel Lacrimosa von Oleksandr Shchetynsky, dessen Uraufführung in der Orgelhalle in Lwiw stattfand, White Mirror des Kiewer Komponisten Maxym Kolomiyets oder Kompositionen von Zoltan Almashi, Dmytro Malyi und jungen Komponist:innen. Durch den Krieg haben sich die Prioritäten verschoben. Ich möchte aktuell die Musik hören, die hier und jetzt entsteht.

Vor dem Krieg habe ich Schostakowitsch verehrt und mit Begeisterung über Tschaikowsky, Rachmaninow und andere gesprochen. Aber jetzt höre ich sie überhaupt nicht mehr. Ich kann nicht. Die Kompositionen, die ich lange für Meisterwerke der gesamten Menschheit hielt, wurden zu Meisterwerken einer abgegrenzten und … feindlichen Kultur. Und ich denke wirklich, dass während des Krieges in den Konzerten ukrainischer Musiker:innen keine russische Musik erklingen sollte. Als Ukrainerin kann ich keine Botschafterin der russischen Kultur sein, deren Vertreter mein Land töten, unsere Kultur zerstören.

Die Kunstschaffenden, die mich umgeben, geben mir Hoffnung. Auch die enorme Unterstützung durch Künstler:innen in der ganzen Welt. Menschen, die unter der Invasion nicht zerbrochen sind und mit dem Besten, was sie haben, Widerstand leisten. Kreativität in jeder Form ist immer Leben, das den Tod, den Kriege mit sich bringen, überwindet. 

Nach einem der schrecklichen Bombardements von Charkiw schrieb der Street Artist Gamlet Zinkivskyi die Worte ›Die Zeit hört uns‹ an die Wand eines zerstörten alten Hauses. Wenn ich daran vorbeigehe, inspirieren mich diese Worte immer wieder. Ich bin sicher, dass sich alles ändern wird. Und die Ukraine befindet sich jetzt im Sog dieser Veränderungen.

›Die Zeit hört uns‹ – Graffiti von Gamlet Zinkivskyi in Charkiw • Foto © Open Resource

Dmytro Malyi, Komponist und Senior Lecturer an der Nationalen Universität der Künste  I.P. Kotljarewski

Dmytro Malyi (Mitte) mit Ivan Ostapovich (links) und Taras Demko vor der geplanten Aufführung von Malyis Vocalise für Violine und Klavier bei einem Konzert in Lwiw am 28. April 2022 • Foto © Lviv Organ Hall

Die humanitäre Lage ist von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich. Dort, wo ich lebe, sind einige Geschäfte, Supermärkte und Apotheken geöffnet. Auch mehrere Postämter funktionieren, so dass wir bestellen können, was wir brauchen. 

Drei Monate lang bin ich im Westen der Ukraine, am Ufer des Dnjestr, in einem Haus mit sehr freundlichen Menschen untergekommen. So konnte ich weiterhin online die Kurse an meiner Universität geben. Nach diesen drei Monaten beschloss ich, nach Charkiw zurückzukehren, nachdem sich die Lage dort gebessert hatte. Ich kaufte ein Zugticket und kam ohne Probleme nach Hause. Das Leben in Charkiw hat sich im Vergleich zu dem Tag, an dem ich es verlassen habe, verbessert, aber trotzdem höre ich jeden Tag Schüsse. Meine Frau und mein Sohn sind immer noch in Deutschland, sie haben eine Wohnung in Bonn gemietet. 

Zerstörte Konzerthalle der Nationalen Universität der Künste  I.P. Kotljarewski in Charkiw, Aufnahme vom 2. Mai 2022 • Foto © Sergiy Kozlov

Es gibt viele Konzerte im Land, vor allem im Westen. Kunst ist unser Beruf, aber gleichzeitig hilft sie uns, uns für einige Zeit von den Nachrichten über den Krieg abzulenken. Vor zwei Monaten sollte mein Werk Vocalise für Violine und Klavier bei einem Kammermusikkonzert in der  Orgelhalle in Lwiw aufgeführt werden. Ich beschloss, dorthin zu fahren, und brauchte etwa zwei Tage, um die Stadt zu erreichen. Sie spielten alle Stücke außer meinem. Weil vor Beginn des Konzerts eine Alarmsirene ertönte, hatten die Musiker beschlossen, das Konzertprogramm zu kürzen. 

Unsere ukrainische Armee und befreundete Länder geben mir Hoffnung für die Zukunft unserer ukrainischen Kultur. Denn niemand hat das Recht, sie zu zerstören. Man kann sie mit Worten beschreiben,  aber trotzdem werden gefühllose Herzen und verdorbene Seelen sie nie verstehen, denn ihr Geist lebt in unserem Volk, unserer Sprache und unseren Traditionen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.


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Kateryna Palachova, Komponistin

Kateryna Palachova und ihr Mann Eduard musizieren im Schutzraum des Charkiwer Puppentheaters im März 2022 • Foto: privat

Ich bin derzeit in Deutschland, in Regensburg. Aber ich höre von meinem Mann, der seit den ersten Tagen des Krieges als Freiwilliger arbeitet, regelmäßig von der schwierigen humanitären Lage in Charkiw. Viele Bewohner haben ihre Häuser verloren. Viele Menschen haben nicht mal das Nötigste und überleben nur dank der gegenseitigen Hilfe und der unermüdlichen Arbeit der Freiwilligen.

Zusammen mit meiner Tochter wurde ich am zehnten Tag des Krieges aus Charkіw evakuiert. Seitdem mussten wir mehrmals umziehen. Zuerst waren wir bei Bekannten in Lwiw untergebracht, dann bei Freund:innen in München, dann wurden wir von einer deutschen Familie in Regensburg aufgenommen, und schließlich wurde für einige Zeit eine Wohnung hier in Regensburg für uns gefunden. 

Viele Freund:innen, Bekannte und auch Fremde haben uns die ganze Zeit über geholfen und unterstützt, und wir sind ihnen allen sehr dankbar. Außerdem arbeite ich weiterhin aus der Ferne, und das hilft mir sowohl finanziell als auch emotional.

Ich würde sagen, dass die Kunst fast die Hauptrolle beim Überleben spielt. Auf jeden Fall für mich und, so glaube ich zumindest, für viele Ukrainer:innen, deren Leben und Arbeit mit der Kunst verbunden sind. Für einige ist die Kunst Teil unseres  Kampfes, für andere ist sie emotionale Unterstützung und Therapie. Auf jeden Fall hat die Erfahrung der letzten Monate gezeigt, dass die Kunst während des Krieges nicht nur existieren kann – sie entwickelt sich kraftvoll und findet Ausdruck in absolut ergreifenden Formen der Reflexion über die Ereignisse der neuen Realität.

Eine als Luftschutzbunker genutzte U-Bahn-Station in Charkiw am 26. März 2022 • Foto manhhai (CC BY 2.0)

In den ersten Tagen des Krieges, als ich mit meinem Mann in Charkіw in einem der Schutzräume wohnte, haben wir viel zusammen gespielt. Wir hatten ein großes Bedürfnis danach. Es war eine Gelegenheit, in einer völlig neuen und grausamen Realität etwas Vertrautes weiter zu machen. Nach der Evakuierung aus Charkіw hat es lange gedauert, bis ich wieder angefangen habe, Musik zu hören, zu spielen und zu komponieren. Die Trennung von der Heimat und der Familie ist eine viel größere Prüfung, als bombardiert zu werden, aber dafür in der Nähe von geliebten Menschen in meinem eigenen Land zu sein. Ich fühlte eine innere Leere. Klanglose Leere.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich nach der Evakuierung aus Charkiw zum ersten Mal Musik hören konnte. Das war in Lwіw. Am nächsten Tag mussten meine Tochter und ich die Ukraine verlassen, weil es nicht sicher war, dort zu bleiben. Ich wollte wirklich nicht gehen, und die Gefühle waren sehr stark. Die Luftschutz-Sirenen erwischten mich im Zentrum von Lwiw und ich musste sehr lange in der Unterführung Schutz suchen. Ich schaltete meine Kopfhörern ein und hörte  ein Lied des ukrainischen Musikers Oleg Kadanov zu den Versen des ukrainischen Dichters Serhiy Zhadan. Ich begann heftig zu weinen… So starke Gefühle hat die Musik schon lange nicht mehr in mir hervorgerufen.

Nach einiger Zeit, bereits in Deutschland, konnte ich wieder Musik komponieren. Das erste Werk, das ich nach Kriegsbeginn schrieb, war eine Paraphrase über das Thema der ukrainischen Hymne. Dieses Stück für Klavier solo heißt Gebet. Es wurde auf Wunsch meiner Freundin, der ukrainischen Pianistin Olena Antonyk, geschrieben. Sie plant, es in der Ukraine in Wohltätigkeitskonzerten zur Unterstützung der ukrainischen Armee aufzuführen. Jetzt habe ich mit der Arbeit an der Musik für eine neue Aufführung des Charkiwer Puppentheaters begonnen, die von der Regisseurin Oksana Dmitrieva inszeniert wird.

Die Einstellung zum Klang hat sich durch den Krieg sehr verändert. Ich will überhaupt keine lauten und dramatischen Klänge. Ich spiele oft Bagatellen von Valentin Sylvestrov, und diese ruhige und stille Musik gibt mir Kraft. Natürlich muss ich im Zusammenhang mit meiner beruflichen Tätigkeit viel unterschiedliche Musik hören. Ich gebe Online-Unterricht an einer Musikschule und merke, dass ich die übliche Musik ganz anders wahrnehme. Kürzlich hörten meine Kinder und ich Beethovens fünfte Sinfonie, und sie sagten, das sei Musik über den Krieg. Und ich kann sie wirklich verstehen. Aber solche Assoziationen wären uns vor ein paar Monaten noch nicht gekommen.

Meine Stadt Charkiw ist Stadt der echten Held:innen. Das kulturelle Leben steht dort nicht eine Minute still, obwohl die Stadt unter ständigem Beschuss und Bombardement lebt. Musiker:innen treten in Krankenhäusern mit Wohltätigkeitskonzerten auf. Puppenspieler:innen spielen in der U-Bahn für Kinder. Alle machen ihre Arbeit. Mein Mann spielt gerade in Charkiw ein Album ein. 

Einige Fragmente daraus wurden bereits bei einem Benefizkonzert ukrainischer Künstler:innen in Regensburg aufgeführt, an dem auch meine Tochter teilnahm. Eine solche Verbindung ist eine sehr große Unterstützung und gibt allen Menschen, die sich jetzt gegen die russische Aggression stellen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Die größte Hoffnung für mich ist die Tatsache, dass wir noch am Leben sind und Musik machen können.

Kateryna und ihrer Tochter bei einem Benefizkonzert ukrainischer Künstler in Regensburg im Mai 2022 • Foto: privat

Novikov Artem, Pianist, Jazzmusiker

Novikov Artem während eines Auftritts bei der ›Nacht der Museen‹ in Kharkiv am 21. Mai 2022 • Foto © Yevhen Pavlovich

Meine Stadt hat sehr unter dem Beschuss gelitten. Viele Gebäude wurden zerstört. Viele Menschen sind ohne Wohnung. Aber sie wird allmählich wieder aufgebaut, den Menschen wird geholfen, und obwohl es in der Stadt immer noch gefährlich ist, kehren die Menschen langsam zum normalen Leben zurück. Es sind viel mehr Menschen auf den Straßen, Cafés und Geschäfte haben wieder geöffnet. 

Ich helfe ehrenamtlich dabei, die Armee mit Lebensmitteln und Ausrüstung zu versorgen. Da die Arbeit sehr zeitaufwändig ist, verbringen wir die Nacht bei der Arbeit und sind selten zu Hause.

Die letzten Wochen waren sehr schwierig für mich. Der Krieg dauert nun schon fast hundert Tage an. Ich habe meine Verwandten, Freund:innen, Familie und meine Freundin in Polen lange nicht mehr gesehen, und in letzter Zeit haben wir viel mit der Freiwilligen-Arbeit zu tun, dazu kommen meine Arbeit und mein Studium. Aber wir haben keine andere Wahl. Wir arbeiten daran, es unseren Jungs, die an der Front sind, ein wenig leichter zu machen. Sie tun viel für unsere Freiheit und Sicherheit, deshalb denke ich nicht daran, aufzugeben oder mich auszuruhen. Ich glaube, dass wir alle sehr bald zum normalen Leben zurückkehren und die Menschen weiterhin mit unserer Musik erfreuen werden.

Ich habe versucht, Klavier zu üben, zu singen und Gitarre zu spielen, um nicht aus der Form zu kommen und mich daran zu erinnern, wer ich wirklich bin. Musik hilft sehr bei der Bewältigung von Stress, Müdigkeit und negativen Gefühlen. Wenn ich übe, fällt es mir viel leichter, all das zu ertragen. Ich scheine für eine Weile zu vergessen, dass ein Krieg im Gange ist, und befinde mich in einer anderen Welt, in der alles ruhig ist und alle glücklich sind.

Es ist wichtig zu verstehen, dass das Leben trotz aller Umstände, trotz Krieg und Beschuss, weitergeht, trotz der schwierigen Bedingungen, in denen wir uns jetzt alle befinden. Denn die Zeit unseres Lebens steht nicht still. Niemand wird uns am Ende des Krieges all diese Zeit zurückgeben, also müssen wir weiterleben, uns freuen, uns weiterentwickeln, unsere Lieben unterstützen und stark sein.


Rostislav Golubov, Gitarrist und Komponist

Rostislav Golubov, zwei Tage vor dem Krieg • Foto: privat

Die humanitäre Lage in der Stadt Charkiw ist für die meisten Menschen, die ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren haben, sehr schwierig. Leider ist das die Mehrheit der Bevölkerung. Andererseits tun die lokalen Behörden alles Notwendige, um den Bürger:innen ein normales Leben (so weit wie möglich) zu gewährleisten, auch unter Beschuss. Aber es gibt nur sehr wenig Arbeit, was in einem schwierigen und brutalen Krieg verständlich ist. Was die Lebensmittel betrifft, so ist es nicht leicht, eine eindeutige Aussage zu treffen. Einerseits kann man in den Geschäften frei Lebensmittel kaufen, andererseits können Menschen, die kein festes Einkommen mehr haben, nur auf Lebensmittelspenden zählen. Die staatlichen Programme zur Bereitstellung kostenloser Lebensmittel werden jedoch derzeit gekürzt.

Ich bin seit dem ersten Tag des Krieges in Charkiw. Wie alle anderen Einwohner:innen von Charkiw habe ich wahrscheinlich mindestens einmal Todesangst durch Artilleriebeschuss gehabt, psychisch und teilweise auch physisch. Meine Familie und ich standen unter ständigem Beschuss, danach sammelten wir Granatsplitter im Hof. 

Rostislav Golubovs Haus unter Beschuss • Foto: privat

Es ist offensichtlich, dass der Krieg unterschiedliche Phasen durchläuft und die Menschen auch unterschiedlich reagieren. Manche wollen sich beruhigen, andere wiederum sind wütend über unsere neue Realität. Was mich betrifft, so leide ich seit einigen Monaten unter ständigem Stress, einer permanenten Anspannung. Wenn man mitten in der Nacht mehrmals in den Keller rennen muss, nimmt einem das, wie auch der Mangel an Ruhe im Allgemeinen, die Möglichkeit, einen gesunden Lebensstil zu führen und lähmt einen. Aber was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Alle kämpfen in dieser Zeit ihre eigenen Kämpfe, und ich habe das Gefühl, dass das Musizieren seelischen Frieden bringt und mich von dem Schrecken um mich herum ablenkt. In der Charkiwer U-Bahn und anderswo finden Wohltätigkeitskonzerte statt, selbst unter Beschuss. Das ist großartig, denn es ist eine Gelegenheit, zumindest einige Menschen aufzumuntern. 

Vor dem Krieg blühte das kulturelle Leben in Charkiw. Es gab viele Festivals und Wettbewerbe verschiedenster Stilrichtungen. Ich habe Solokonzerte gegeben und studiert. Noch zwei Tage vor dem Krieg bin ich für ein Solokonzert nach Zhytomyr gefahren und habe nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass bei meiner Rückkehr der Krieg beginnen würde. Jetzt ist er neue Realität. Ich hoffe, dass ich nach dem Krieg meine Konzert-Pläne verwirklichen kann, denn das ist es, was mich im Moment motiviert.

Das Wichtigste in meinem Leben ist der Glaube an eine friedliche Zukunft in meinem Land, in der ich meine künstlerische Arbeit fortsetzen und so die Kultur meines Mutterlandes bereichern kann. Das  motiviert mich und gibt mir Hoffnung, ebenso wie der lang ersehnte Sieg in diesem erbarmungslosen Krieg.


Volodymyr Bohatyrov, Komponist 

Volodymyr Bohatyrov bei einem Benefizprojekt in Charkiw • Foto: privat

Wir wohnen hier, in Charkiw. Glücklicherweise ist unsere Wohnung nicht zerstört. Wir bleiben in den geschützten Bereichen des Gebäudes und im Keller bei unseren Vorräten. Manchmal gehen wir raus, um Essen oder Wasser zu holen. Die Freiwilligen helfen den Menschen bei Problemen mit Lebensmitteln, Kleidung und Wohnraum.  

Kunst lenkt vom Stress ab. Ich habe in den letzten Monaten mehrere Stücke geschrieben, an Wohltätigkeitsprojekten teilgenommen und viele ukrainische Lieder für verschiedene Instrumente und Ensembles arrangiert. Das Niveau des kulturellen Lebens in Charkiw ist gesunken, weil viele Kulturschaffende weggegangen sind. Aber eine kleine Anzahl von Enthusiast:innen versucht, die Bevölkerung zu unterstützen. 

Ich habe die Hoffnung, dass sich die Einstellung zur ukrainischen Kultur ändern wird. Nicht nur in der Welt, sondern auch in unserem eigenen Land.

Volodymyr Bohatyrov bei der Arbeit im Schutzkeller • Foto: privat

Oleksandr Maslo, Direktor der Musikschule №5 ›Rimski-Korsakow‹

Oleksandr Maslo in der Uniform der Freiwilligenarmee • Foto: privat

Heute, Anfang Juni, ist die humanitäre Lage in Charkiw relativ stabil. Die Apotheken haben die notwendigen Medikamente vorrätig, die Geschäfte sind geöffnet und es gibt alle wichtigen Produkte. Es gibt auch spezielle Verteilungsstellen mit Spenden für alle, die sie benötigen. Die Aufzüge in den Gebäuden und die öffentlichen Verkehrsmittel sind wieder in Betrieb. In einigen vom Beschuss am stärksten betroffenen Gebieten wird gerade die Versorgung mit Wasser und Strom wiederhergestellt. In den besetzten Gebieten der Region ist die Lage sehr schwierig. Es gibt weder Licht noch Wasser, es ist unmöglich, humanitäre Hilfe zu leisten. 

Im März hatte ich einen Monat lang kein Wasser in meiner Wohnung, weil die Pumpen beschädigt waren. Das Wasser stand nur im Erdgeschoss, wo wir es auffingen und dann mit Flaschen in den 10. Stock des Gebäudes brachten. Aber es wurden bereits Sanierungsarbeiten durchgeführt, so dass die Situation jetzt viel besser ist. Außerdem habe ich jetzt Internet! Die Gegend, in der ich wohne, ist mehr oder weniger ruhig, im Gegensatz zu anderen Gebieten der Stadt.

Unser Militär hat die Besatzer gezwungen, die Stadt zu verlassen, das hat man sofort gespürt. Die Einwohner, die die Stadt zu Beginn des Krieges verlassen hatten, kehrten in die Stadt zurück, die Ausgangssperre wurde aufgehoben, kleine Geschäfte öffneten, und der öffentliche Nahverkehr begann zu funktionieren. Es ist schön zu sehen, dass sich die Stadt wieder zu erholen beginnt.

Ein ›Konzert zwischen den Explosionen‹ in der Charkiwer U-Bahn am 26. März 2022 • Foto © Oleksandr Osipov

Vor dem Krieg und fast noch am Vorabend des Krieges hatten meine Kolleg:innen und ich ein reges Konzertleben. Im ersten Monat des Krieges kam das kulturelle Leben dann fast vollständig zum Erliegen. Für alle Einwohner:innen von Charkiw und für die Stadt im Allgemeinen ging es in erster Linie ums Überleben. Vom ersten Tag des Krieges an wurde ich Freiwilliger und jetzt gibt es für mich leider keine Möglichkeit mehr, Musik zu machen. Zur gleichen Zeit wagten einige Musiker:innen kleine Soloauftritte dort,  wo Gebäude zerstört worden sind, und protestierten so gegen die Geschehnisse. Wenig später gab es dann auch Konzerte in der U-Bahn und in Luftschutzkellern. Kunst bietet die Möglichkeit, alle Probleme für eine Weile zu vergessen. Freiwillige malten mit Kindern in den U-Bahn-Stationen, um mit künstlerischen Aktivitäten zu helfen, die Psyche des Kindes von den Schrecken des Krieges zu befreien.

Die Kunst inspiriert uns für das weitere Leben, den Wiederaufbau der Stadt und unserer Ukraine. Früher oder später geht jeder Krieg zu Ende, schlechte Zeiten vergehen, aber die Kunst bleibt. Sie hilft uns, schwierige Zeiten zu überstehen und gibt uns Hoffnung.


Acht Musiker:innen aus Charkiw berichten in @vanmusik vom Überleben und der Kultur in ihrer Stadt, die seit über 100 Tagen unter Beschuss durch die russische Armee steht. Klick um zu Tweeten

Ruslan Kashyrtsev, Komponist, Klarinettist und Saxofonist, Lecturer an der Nationalen Universität der Künste  I.P. Kotljarewski in Charkiw 

Ruslan Kashyrtsev auf dem Balkon seiner Wohnung im stark zerstörten Bezirk Pivnichnaya Saltivtsa • Foto: privat

Die Lage in der Stadt ist nach wie vor schwierig – der Feind beschießt regelmäßig sowohl Charkiw als auch andere Zentren der Region. Menschen werden getötet, Wohnhäuser und wichtige Infrastruktur werden zerstört. Gleichzeitig lebt die Stadt dank unserer Armee, die die Russen aus Charkiw vertrieben hat, wieder auf – Geschäfte und Cafés werden wiedereröffnet, die Menschen kehren in die Stadt zurück.

Ich lebte im Norden der Stadt, im Bezirk Pivnichnaya Saltiwka, den die Russen schon am ersten Tag der Invasion zu bombardieren begannen. Deshalb musste ich meine Wohnung verlassen und in einen sichereren Stadtteil von Charkiw umziehen; mein Haus sah ich erst drei Monate später wieder. Meine Wohnung in einem großen Mehrfamilienhaus ist intakt, aber das Gebäude ist stark beschädigt und in einem schlechten Zustand – viele Wohnungen sind abgebrannt, einige sind eingestürzt, die Wände und Böden sind beschädigt. Ob es repariert werden kann, bleibt offen – es ist nicht sicher, hier zu wohnen, darum muss es höchstwahrscheinlich abgerissen werden. 

Wie alle Bürger von Charkiw stand ich zuerst unter Schock, dem Gefühl, dass das, was gerade passiert unwirklich ist, dann kam der Hass auf den Feind und der Stolz auf unser Land und insbesondere auf unsere heldenhaften Verteidiger, aber auch Sanitäter, Feuerwehrfrauen und -männer und andere Helfer:innen, die unter Beschuss arbeiten. Ich blieb in Charkiw – obwohl die Lage sehr bedrohlich war und weiterhin angespannt ist, war man fest davon überzeugt, dass die Russen die Stadt nicht einnehmen würden. Wir wissen mittlerweile, wie wir uns bei Bombardierungen zu verhalten haben.

In den letzten Monaten ist jedem klar geworden, dass die Verunglimpfung der ukrainischen Kultur und Kunst eines der Ziele der Russen ist. Dies haben auch die massiven Angriffe auf kulturelle Stätten deutlich gemacht, wie der Abriss des Gebäudes des Nationalen Literaturmuseums von Hryhorij Skoworoda. Natürlich hilft uns die Kunst, unter diesen Bedingungen zu überleben – in den Luftschutzbunkern, vor allem der U-Bahn, wurde musiziert und gezeichnet, professionelle Musiker:innen gaben Konzerte, Künstler:innen schufen Meisterwerke für Kinder, und Schauspieler:innen und Performer:innen traten auf. Was mich betrifft, so habe ich die gesamte Zeit über online mit Schüler:innen und Studierenden gearbeitet; wir haben auch mit Kolleg:innen verschiedene kreative Projekte organisiert – das hat uns sehr gestützt.

Die Musik, die ich vorher kannte, klingt jetzt ganz anders. Der Krieg hat meine Sensibilität für Kunst geschärft, und nicht nur meine, sondern die aller Ukrainer:innen. Musik russischer Komponist:innen kann ich nicht mehr akzeptieren. Natürlich sind die großen Komponisten der Vergangenheit nicht Schuld daran, dass sie zur Förderung einer neofaschistischen Idee der ›großrussischen Welt‹ instrumentalisiert werden. Aber die Musik erinnert mich sofort an die Bombardierungen, an die schrecklichen Massaker der Russen in den von ihnen besetzten Gebieten, an die zerstörten Gebäude, einschließlich meines eigenen … Ich denke: Wenn viele Menschen in der Ukraine diese Assoziationen haben, dann hat der Faschismus für uns die russische Kultur, wie wir sie früher kannten, tatsächlich zerstört. 

Das kulturelle Leben hat sich in Charkiw während des massiven Angriffs der Russen in Bombenkeller und soziale Medien verlagert, aber es kam nicht zum Erliegen. So haben viele Künstler:innen immer noch nicht die Möglichkeit, in den Sälen unserer Stadt aufzutreten, sondern finden weniger geeignete, aber heutzutage wichtige Orte, um öffentlich aufzutreten. Trotz all dieser Ruinen beleben die Bürger:innen von Charkiw die Stadt wieder. 

Was gibt uns Hoffnung? Der Glaube an den Sieg der Gerechtigkeit, des Lichts über die Dunkelheit, des Guten über das Böse. Der Glaube an unsere Verteidiger, die seit mehr als drei Monaten heldenhaft für unsere Heimat Ukraine kämpfen. Wir möchten vor allem den mit uns verbündeten Ländern für ihre Unterstützung danken, die uns die Gewissheit gibt, dass wir gegen unseren Feind, dessen Ziel die totale Ausrottung aller Ukrainer ist, nicht allein gelassen werden.  ¶

Julia Nikolaevskaya

Julia Nikolaevskaya ist Professorin am Institut für Musikanalyse an der Nationalen Universität der Künste I.P. Kotljarewski in Charkiw.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com