Als ich siebzehn Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal live eine Bruckner-Sinfonie, gespielt vom Boston Symphony Orchestra. Ich weiß nicht mehr, welche es war, was sonst auf dem Programm stand oder wer dirigiert hat. Nur an eins kann ich mich klar erinnern: ein Gefühl der völligen Verlorenheit. Es war mir, als ob ich auf einem Riesenrad fuhr, das so groß war, dass ich nur dunkel erahnen konnte, wo der höchste Punkt erreicht sein würde  und wann ich wieder aussteigen dürfte. Dieses sonderbar schwindelnde Gefühl, von dem einem beinahe übel wird, überkam mich wieder, als ich am 1. Oktober in der Berliner Philharmonie Bruckners 5. mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert Blomstedt hörte. Es liegen sechzehn Jahre dazwischen. Schwindel und Hilflosigkeit, die diese Musik in mir auslösen, sind dieselben geblieben. 

Es gibt viele gute Gründe, Bruckners Sinfonien nicht zu mögen. Sie sind lang und laut. Bruckner schreibt für großes Orchester, beschränkt sich aber auf ein traditionelles Instrumentarium, sodass sich das Ohr nicht an exzentrischen Klangfarben erfreuen kann. Ständig vermeidet er Übergänge, indem er holzschnittartig einen Takt leer lässt und im nächsten den neuen Teil beginnt, seine ewig aneinandergereihten Sequenzen wirken oft hingerotzt. Bei den ganzen Ländlern und Alpenpanoramen fällt es schwer, nicht gleich Österreichtümelei zu wittern. All das hätte mich aber mit meinen siebzehn Jahren nicht gestört. Nichts gefiel mir damals besser als der übertrieben laute Schluss einer Sinfonie à la  Beethoven 5. Ein langes Stück zu hören fühlte sich an, als hätte ich wirklich etwas geleistet. Das Orchester war mir ein völlig neues, spannendes Medium. Über Österreich wusste ich damals gar nichts, geschweige denn über das weite Feld des österreichischen Konservatismus bis hin zum ganz rechten Rand. Außerdem sagt man, dass der Komponist vor allem etwas für alte und junge Hörer:innen sei. Ich war also eigentlich ein klassischer Fall für Bruckner. 


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.