In dieser Rubrik kommentieren wir in jeder Ausgabe eine Nachricht, die uns in der vergangenen Woche beschäftigt, betrübt oder erfreut hat.

Dieses Jahr feiert Daniel Barenboim seinen 80. Geburtstag (am 15. November) und sein 30-jähriges Jubiläum als Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. Die Neuproduktion von Wagners Der Ring des Nibelungen, inszeniert von Dmitri Tcherniakov, sollte der Höhepunkt der Jubiläumssaison werden – und Barenboims dritter Ring an der Staatsoper.

Daraus wird nun nichts. Gestern teilte die Staatsoper mit, dass Barenboim das Dirigat aus gesundheitlichen Gründen absagen müsse. Er kämpfe noch mit den Folgen einer bei ihm diagnostizierten Vaskulitis und folge dem Rat seiner behandelnden Ärzte, wird Barenboim in der Pressemitteilung zitiert. Stattdessen wird nun Christian Thielemann die musikalische Leitung des Premieren-Zyklus, der am 2. Oktober beginnt, sowie eine weitere Aufführung Ende Oktober leiten. Einen zweiten Zyklus Mitte Oktober übernimmt der Kapellmeister der Staatskapelle und Barenboims ehemaliger Assistent Thomas Guggeis.

In der Staatsoper ist es schon länger ein offenes Geheimnis, dass Barenboim die Mammutaufgabe, den gesamten Ring an vier Abenden innerhalb einer Woche aufzuführen, körperlich kaum wird schaffen können. Auch deshalb hatte man wohl schon vor längerer Zeit Christian Thielemann gebeten, sich den Oktober weitgehend freizuhalten.

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Bereits im Frühjahr hatte Barenboim mehrfach Auftritte absagen müssen. Im April wurde bei ihm dann eine entzündliche Erkrankung der Arterien diagnostiziert, weshalb er sich für eine stationäre Behandlung mehrere Wochen in die Charité begeben musste. Nachdem er zwischenzeitlich eine Tournee des West-Eastern Divan Orchestra und auch das »Staatsoper für alle«-Open-air auf dem Bebelplatz dirigiert hat, erlitt er nun offensichtlich einen Rückfall. Einen Auftritt mit den Wiener Philharmonikern letzte Woche in Salzburg, bei dem er im Sitzen dirigieren musste und nach übereinstimmenden Berichten nur sehr mühsam die Noten umblättern und Einsätze geben konnte, beschreiben Medien als »echten Problemfall« und als Konzert, »das nie hätte stattfinden dürfen«. Vielleicht war es, weil er noch unter dem Eindruck dieses Scheiterns stand, dass der ansonsten notorisch beratungsresistente Barenboim nun sowohl den Ring als auch die Saisoneröffnung des Boulez-Saals am 5. September abgesagt hat. 

Die Frage seiner Nachfolge und der Gestaltung eines Übergangs, die die Beziehung zwischen Barenboim und seinem Orchester in den letzten Jahren zunehmend strapaziert hat, wird nun immer dringlicher. Barenboims Vertrag läuft 2027 aus, er ist dann 85. In einem Betrieb, der mehrere Jahre im Voraus plant, müsste spätestens 2025 ein:e Nachfolger:in benannt werden. Und angesichts der Tatsache, dass er schon jetzt immer öfter physisch an seine Grenzen zu stoßen scheint, ist es mehr als fraglich, ob er seinen Verpflichtungen bei der Staatsoper – und darüber hinaus – wirklich bis 2027 wird nachkommen können. 

Er selbst hatte in der Vergangenheit des Öfteren darüber gesprochen, sofort aufzuhören, wenn seine Kräfte nachließen oder man ihn nicht mehr als Chefdirigenten wolle. Gleichzeitig hat er sich schwer damit getan, den Weg für seine Nachfolge frei zu machen. Dazu kommt sein Hang, sich zu übernehmen und es nochmal »allen beweisen zu wollen«. Damit wird das Denkmal Barenboim immer mehr zum tragischen Fall. Auch die Berliner Kulturpolitik trägt daran Schuld, weil sie Barenboim 2019 trotz der von einer Ombudsstelle bestätigten Vorwürfe gegen ihn und einiger Vorbehalte im Orchester, vorzeitig bis 2027 verlängert hat. Jemand, der selbst nicht in der Lage scheint, seine Kräfte richtig einzuschätzen, muss von anderen beschützt werden.

Man würde es Barenboim und der Staatsoper wünschen, dass sie es in dieser Jubiläumsspielzeit doch noch schaffen, die monumentale gemeinsame Ära zu feiern und gleichzeitig zu einem positiven Abschluss zu bringen. Er selbst kann sich dann erholen und jederzeit als Gast zur Staatskapelle zurückkehren. »Chefdirigent auf Lebenszeit« ist er dort ja ohnehin. Die nächsten Jahre könnte das Haus als Übergang ohne Musikdirektor gestalten. Vielleicht wäre es auch ratsam, wenn in die übergroßen Fußstapfen Barenboims nicht unmittelbar der oder die nächste treten muss, sondern es dazwischen ein wenig Puffer gäbe. 2027 – oder gegebenenfalls auch später – könnte das Haus dann einen Neuanfang wagen.

Ob dafür allerdings Christian Thielemann der richtige ist? Er ist zwar bald »frei«, sein Vertrag als Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle endet in zwei Jahren und wurde nicht verlängert, auch sein Vertrag als »Musikdirektor« der Bayreuther Festspiele ist ausgelaufen. Einige in der Staatskapelle wünschen sich ihn als Barenboims Nachfolger, weil er gut zur (spätromantischen) Klangtradition des Orchesters passt und nationale und internationale Strahlkraft besitzt. Das Zugpferd Barenboim garantierte dem Orchester regelmäßige Gastspiele in den internationalen Musikzentren und überall ausverkaufte Häuser. Selbiges kann ohnehin vermutlich keine andere und kein anderer bieten. Dass das Orchester mit Thielemann will und kann, ließ sich schon beobachten, als er dort im Juni mit Wagner und Bruckner für Herbert Blomstedt einsprang.

Barenboim gibt das Dirigat seines ›Rings‹ an der Berliner Staatsoper an Thielemann ab. Wie kann es für Haus, Dirigent und die gemeinsame Beziehung jetzt weitergehen? Ein Kommentar in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Aber eigentlich ist kaum denkbar, dass sich die Berliner Kulturpolitik nach Barenboim ausgerechnet Thielemann einhandeln will, mit dem es eigentlich noch fast überall Streit gab, ob in Nürnberg, Berlin, München oder Salzburg, der sorgfältig sein deutsches Mini-Repertoire kultiviert, und der sogar für Dresden zu »altmodisch« wurde. Zwar hätte es der gebürtige Berliner nicht weit – er wohnt in einer wilhelminischen Villa am Potsdam-Babelsberger Griebnitzsee. Aber hat er wirklich Lust darauf, sich ein ganzes Haus ans Bein zu binden, mit all der Politik, die damit zusammenhängt, wo er doch eigentlich mit seiner Kernkompetenz – deutsche Romantik und Spätromantik – als regelmäßiger Gast bei Orchestern wie den Berliner Philharmonikern viel besser fährt?
Andererseits wäre es ein tragikomischer Winkelzug der Geschichte, wenn Thielemann ausgerechnet das Haus übernehmen würde, wegen dem er 2004 als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper zurückgetreten war. Damals hatte er gegen die Unterversorgung seines Hauses mit Bundesmitteln protestiert, mit Verweis auf die so genannte »Kanzlerzulage«, jene jährlich 1,8 Millionen Euro, die Barenboim im Jahr 2000 bei Vertragsverhandlungen für seine Staatskapelle rausgeschlagen hatte. (Dazu kommen seit 2018 1,2 Millionen Euro im Jahr aus dem Hauptstadtfinanzierungsvertrag. Mittlerweile dürften die Gehaltsunterschiede zwischen beiden Orchestern also noch weiter gewachsen sein.) Falls Thielemann also wider Erwarten doch der neue Musikchef der Staatsoper werden sollte, werden wir gebannt verfolgen, ob er sich als erste Amtshandlung für eine finanzielle Gleichstellung seines ehemaligen mit seinem neuen Orchester einsetzen wird. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com