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Als der erste Lockdown im März 2020 das öffentliche Leben von jetzt auf gleich lahmlegte, war ich gleichermaßen paralysiert wie fasziniert. Neugierig, was das für uns Musiker:innen und Künstler:innen bedeuten würde, die auf eine lebendige öffentliche Sphäre existentiell angewiesen sind. Das Bloggen auf meiner Website, bis dahin eher eine Spielwiese für meine Interessen und Erlebnisse, wurde zur Ersatzhandlung. Ein Erforschen und Ausloten, was in dieser unerwarteten und schockierenden Versuchsanordnung Lockdown trotzdem möglich sein würde. Ein Ventil dafür, von einem nanopartikelgroßen Virus, das bevorzugt in Aerosolwolken durch die Welt reist, als Sängerin gründlich und anhaltend zum Schweigen verdammt worden zu sein.

Die Blogeinträge lesen sich im Rückblick wie Wasserstandsmeldungen. Hoffnung, Kampfgeist, Selbstbehauptung, Zweckoptimismus und Trotz, Depression, Stagnation, verzweifelter Sarkasmus und immer wieder: Musik, Poesie. Texte, Gedanken, Klänge, die mich durch diese Zeit tragen. Auf einer tieferen Ebene befragte ich mich selbst, was das ist, was mich trägt. Und ob das Weitermachen im freien Musikerberuf lohnt. Was notwendig wäre, damit das Weitermachen lebbar ist. Die erneute Schließung der Theater und Konzerthäuser im November. Ein langes Plateau mit bedrückend hohen Todeszahlen und nicht vorhandener Perspektive auf Fluss oder Veränderungen. Daumenschrauben, die anziehen und immer fester sitzen. In meinem Inneren tauchten aus dem zähen Nebel meine blinden Flecken auf, die Grundannahmen, auf denen mein zugegebenermaßen immer schon wackliger Lebensentwurf sich bis dahin wie ein Perpetuum mobile immer wieder zurecht geruckelt hatte.

Meine Anfänge als Sängerin waren die Reise von einem Nadelöhr zum nächsten: Aufnahmeprüfung. Aufnahmeprüfung. Zwischenprüfung. Abschluss (so weit kam es bei mir nicht). Vorsingen für Akademien und Meisterkurse. Vorsingen für die Aufnahme in professionelle Ensembles. Vorsingen für eine Opernproduktion. Vorsingen vor Kirchenmusikern. Unterrichtskonzepte entwerfen. Vorunterrichten. Kurse geben. Unterrichten. Am Ball bleiben. Aufnahmen organisieren. Selbst Konzerte organisieren. Weiterbildung. Sich mit einer Website präsentieren. Auf Social media präsent sein? (Großes Fragezeichen)

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Zu Beginn sozusagen an der Spitze eines asymmetrischen Dreiecks unterwegs, arbeitete ich beharrlich bis obsessiv daran, gehört zu werden, eingeladen und wieder eingeladen zu werden. Ich gehörte zu den wenigen, die es geschafft hatten – auf eine Hochschule, in ein Ensemble etc. Die anderen, die übrig gebliebenen, blendete ich aus.

Mit der Zeit nahmen die Erfahrungen zu, die mich auf die andere Seite der Schräge beförderten: ich schaffte es nicht. In Vorsingen, in denen es um etwas ging, flog ich zuverlässig in der ersten Runde raus. Nach einem ersten oder zweiten Projekt wurde ich nicht mehr eingeladen. Einige längere krankheitsbedingte  Auszeiten brachten mein bis dahin recht gut funktionierendes Netzwerk an Kontakten und Auftraggebern an den Rand des Zusammenbruchs. Behutsam wollten die gesponnenen Fäden später wieder aufgenommen und repariert werden, was nur teilweise gelang.

Etwas »passte« nicht – meine Stimme? Meine Persönlichkeit? Jemand anderes passte besser oder es war sowieso angesagt, dass alle Positionen regelmäßig rotiert und langsam aber sicher mit jüngeren, willigeren, vielleicht hungrigeren Kolleg:innen besetzt wurden. Freie Ensembles verloren ihren Hauptsponsor, Dirigent:innen wechselten, Kirchenmusiker:innen gingen in Ruhestand. Der Zahn der Zeit. Der Nachwuchs wollte berechtigterweise seinen Platz einnehmen. Meine Schwerpunkte verschoben sich. Fortuna war launisch, mal gewährte sie ihre Gunst, mal nicht. Lust und Frust hielten sich in etwa die Waage. Auf der Haben-Seite: wunderbare Musik, inspirierende Kollegen und nicht zuletzt viele spannende Reisen.

Foto Peat Bakke (CC BY 2.0)

Weiter glaubte ich immer noch daran, dass ich einfach nur besser, zuverlässiger, optimierter, noch enthusiastischer und angepasster werden müsste. Dass es zumindest ein paar Schrauben im Getriebe gab, an denen ich drehen konnte. Auch wenn es im Großen und Ganzen zwischen Glück, Zufall, Angewiesensein und Ausgesetztsein changierte, das Lebensgefühl als freie Musiker:in. 

Mit den Jahren stellte sich Gelassenheit ein, paradoxerweise nahm in der Hassliebe aber auch der Anteil des (Selbst-)Hasses zu. Während ich erfolgreicher, abgebrühter, »realistischer« wurde, fühlte ich mich meiner Liebe zur Musik und meinem ursprünglichen Impuls, mit Freude und aus Freude singen zu wollen, zunehmend entfremdet.

Ich wollte mich nicht wirklich mit dem Fakt auseinandersetzen, dass sich immer zu viele hervorragend ausgebildete Musiker:innen auf zu wenige Stellen bewerben und dass Leistung zwar eine große Rolle spielt, selten aber wirklich den Ausschlag gibt. Dem Markt maximal flexibel zur Verfügung zu stehen – am besten immer und auf Abruf, jederzeit in Topform und höchst motiviert, ist Paragraph 1 des neoliberalen Grundgesetzes. Der Markt kann aber total auf mich verzichten, wenn ich zeitweise nicht in der Lage bin, diese Leistung zu erbringen. Die vertragsrechtlichen Strukturen und sozialen Sicherungssysteme sind so asymmetrisch zuungunsten freier Musiker:innen, dass das Risiko nahezu vollständig auf unserer Seite liegt. Versuche, eine Art Musiker:innenmindestlohn in Form von Mindesthonorarempfehlungen einzuführen, wurden initiiert, dürfen aber als gescheitert betrachtet werden.

Auftritt: Corona! Den unbekannten Variablen wurde eine besonders unberechenbare Variante hinzugefügt. Höhere Gewalt kannten wir bis dahin nur aus Reiserücktrittsklauseln. 14 Monate Pandemie, davon 9 Monate, in denen Auftritte nur in Streamformaten oder im kirchlichen Kontext möglich sind. Über weite Strecken rat- bis fassungslos arrangieren wir uns damit, dass seitens der Politik Unterstützungsmaßnahmen zwar wohl gemeint, aber schlecht gemacht und anhaltend beratungsresistent an der Klientel vorbei konzipiert werden. Die Veranstaltungsbranche wird unverhältnismäßig lange und gegen die schnell entstehenden wissenschaftlichen Standards zum Ansteckungsort per se erklärt und ist von den durch Infektionsschutz bedingten Schließungen am längsten betroffen.

Die wortreiche und immer hohler klingende Beschwörung der Bedeutung von Kunst und Kultur gerät zur Symbolpolitik, die keine Mieten bezahlt. Während festangestellte Kolleg:innen und staatlich subventionierte Häuser sich mit dem Instrument der Kurzarbeit immerhin irgendwie durch die Krise hangeln können und die Saison paradoxerweise sogar mit Haushaltsplus beenden werden. Resiliente Musiker:innen, die sich für die Zeit der Krise einen berufsfremden Nebenerwerb gesucht haben, anstatt Sozialleistungen zu beziehen, dürfen mit einer Überprüfung ihres Status durch die Künstlersozialkasse rechnen. Ein weiteres Kapitel in dem wiederholten Versuch, das einzige soziale Sicherungssystem für Künstler weiter zu marginalisieren und letztlich abzuschaffen.

Foto rey perezoso (CC BY-SA 2.0)

Auch hier ein asymmetrische Riss durch unsere Mitte: die Zweiklassengesellschaft von arrivierten, etablierten und qua Rentenbescheid geadelten festangestellten Orchestermusiker:innen, Chorsänger:innen und Hochschullehrenden versus dem Fußvolk der Freischaffenden, den »unsicheren Kantonisten«. Für Innovationen an den Rändern des Repertoires immer gut. Als Solist:innen, in teils hochkarätigen freien Ensembles, als seriell befristete Honorarlehrkräfte an Hochschulen, für den Musikunterricht an kommunalen Musikschulen, in der Kirchenmusik gern gesehen und gebraucht. Im bürgerlichen Musikleben zwischen Blasmusik, Oratorienverein und städtischem Orchestern angesiedelt – aber letztlich verzichtbar?

Wenn man die Maßnahmen der Politik zu Ende oder von ihrem Ende her denkt, muss man zu dem Schluss kommen,  dass eine große Zahl hochqualifizierter Musiker:innen sich anderen Berufen zuwenden muss. Das klingt bitter und ist es auch. Aber was folgt daraus? Für weite Teile der Bevölkerung ist der Freiberufler, das unbekannte Wesen, überhaupt erst mit der Pandemie auf dem Radar erschienen. Diese Aufmerksamkeit zu nutzen, reeller und politischer zu werden, selbstbewusster aber engagierter, halte ich für eine Chance. In der Ausbildung werden wir so selbstverständlich und unhinterfragt auf Rivalität konditioniert, dass es uns schwer fällt, uns solidarisch zu begreifen und bei aller Individualität den gemeinsamen Nenner zu suchen. Um geschlossener aufzutreten und sichtbarer zu werden.

Die Krise hat uns die Chance geboten, uns ehrlich zu machen. Gerade die klassische Musik umweht immer noch ein Nimbus, der in einem beschämenden Gegensatz steht zu den realen prekären Rahmenbedingungen unserer Arbeit. Wofür entscheiden wir uns: für die Maske oder unser eigenes Gesicht?

Aufgespannt zwischen Passion und Tortur, Hassliebe und Hingabe, Zeitüberfluss und finanziellem Prekariat: Sängerin und Bloggerin Dominika Hirschler über fließende Grenzen in der freiberuflichen Existenz als Musikerin. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ich habe mich davon verabschiedet, »es« schaffen zu wollen als Musikerin. Ich weiß, dass die Qualität meines Singens oder Schreibens nicht daran gemessen werden muss, ob ich gerade hauptsächlich mein Geld damit verdiene. Ob ich mich maximal optimiert und angepasst habe. Ob mein Leben und Arbeiten »instagrammable« genug ist und ich als Künstlerin im Social media-Zirkus mithalten kann. Wie ich es leisten soll, mich selbst zu vermarkten, habe ich in der Tiefe sowieso nie begriffen. Aber ich habe die Entscheidung getroffen, lieber Selbst Sein zu wollen. Abseits der Zuschreibungen und Kategorien, der Vermarktungsschubladen, der vorgezeichneten Trampelpfade des Musikbetriebs. Dass Grenzen zu überschreiten vielleicht mein wesentlichstes Talent ist, dämmert mir erst jetzt.

P.S. Beim Überarbeiten dieses Artikels erreicht mich die frohe Botschaft, dass der Bund ein mit 2,5 Milliarden Euro ausgestattetes Programm auflegt, um der Veranstaltungsbranche aus ihrer Agonie aufzuhelfen. Ich wittere Morgenluft! ¶

Dominika Hirschler

... ist seit 2000 als freischaffende Sängerin im klassischen Konzertbetrieb unterwegs und steht gleichermaßen gern auf den Bühnen großer europäischer Konzerthäuser wie auf den Orgelemporen weniger prominenter süddeutscher Gotteshäuser. Was sie rund um ihren Beruf inspiriert, antreibt und umtreibt, ist auf ihrem Blog Innenansichten nachzulesen.