Die Facebook-Seite »Against Modern Opera Productions«/»Gegen Regietheater in der Oper«

Text · Übersetzung , gekürzte und redigierte VersionTitelbild © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus · Datum 30.8.2017

»Hoffentlich wird er in nächster Zeit nicht mehr ›Regie führen‹ … Schlecht für die Demokratie, aber gut für die Oper …«, schreiben die Betreiber der Facebookseite Against Modern Opera Productions zur Verhaftung des russischen Theater- und Opernregisseurs Kirill Serebrennikov (über Serebrennikovs Festnahme sprach VAN mit dessen Freund und Kollegen Sergej Newski). Der Post hat zwar »nur« gut 48 Likes – die Facebookseite, die dahintersteht, aber über 45.000. Zielgruppe von Against Modern Opera Productions (kurz: AMOP) sind nach eigener Aussage »Opernfreunde, die vom Regietheater genervt sind«. Hier können sie sich über Inszenierungen auslassen, die klassischen Opern eine aktuelle Dimension verleihen. Den Anstoß geben jeweils Fotos der Produktionen.

Die Inszenierung von Händels Ariodante bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit Mezzosopranistin Cecilia Bartoli in der Rolle des bärtigen Titelhelden  hatte erst kürzlich die zweifelhafte Ehre auf Against Modern Opera Productions: Ein Foto von Bartoli im schwarzen Kleid, mit wallendem Haar und erstaunlich echt aussehendem Vollbart, dazu der Text: »Nimm eine bekannte Sängerin mit einer ebenso bekannten fanatischen Fangemeinde, die bei jedem noch so kleinen Geräusch ihres Idols in Jubeln ausbricht, pack all das in einen dämlichen Regietheatermix aus ›traditionellen‹ und abstoßenden Elementen und füge noch ein paar ›aktuelle‹ Anspielungen hinzu, in diesem Fall Conchita Wurst. Et voilà!« Die Kommentarspalte ist voll von kotzenden Emojis. Dank Social Media werden Fotos von Operninszenierungen, die aus dem Kontext herausgerissen zum Teil tatsächlich etwas kurios aussehen, wie das Bild eines Mannes vor einer riesigen Kloschüssel, unfreiwillig zu Memes.

Bartoli/Ariodante als Sinnbild für die Durchlässigkeit von Geschlechtergrenzen könnte braven Konservativen leicht Anlass zu transphoben oder sexistischen Kommentaren geben. Explizit wirft man der Inszenierung auf der Facebookseite allerdings nur den Kunstgriff vor, den Klassiker über die vermeintliche Anspielung auf Conchita Wurst in die heutige Zeit zu verlagern. Wenn man durch die aktuellen Posts scrollt, gewinnt man den Eindruck, die Betreiber der Seite sind genauso empört, wenn moderne Technologien auf der Opernbühne auftauchen, zum Beispiel Autos, Kreuzfahrtschiffe oder eben riesige Toiletten als Bühnenbild. Über diese Produktion von Rameus Platée schrieb AMOP: »Well, in a nutshell (or should we better say: in a toiletbowl) this is everything you need to know about Regietheater.«

Auf meine vielen Facebook-Nachrichten mit Interviewfragen reagieren die Betreiber von AMOP lange Zeit nicht. Ich spreche deswegen zuerst mit Mark Berry, einem Dozenten an der Royal Holloway, der Musikfakultät der University of London (nebenbei schreibt er fürs englischsprachige VAN). Außerdem ist Berry bekannter AMOP-Gegner.

Berry fand die Seite vor ein paar Jahren bei Facebook und nahm erstmal an, dass es sich dabei, trotzt des ablehnenden Titels, um ein Forum für den Austausch über Oper und bestimmte Inszenierungen handelt. Später erfuhr er von einem Kollegen, dass die Seite von Beginn an engstirniger und sehr viel weniger offen unterschiedlichen Perspektiven gegenüber war, als er zunächst angenommen hatte. Per Mail schreibt er mir: »Sie wollen keine Diskussionen. Sie wollen lieber die Stimmung anheizen und mobilisieren als irgendeine Art von Dialog zu führen.«

Artikel jetzt twittern: VAN über die dubiose – und erfolgreiche – Facebookseite ›Against Modern Opera Productions‹ https://www.van-magazin.de/mag/against-modern-opera

Ein Freund von ihm hat von einem AMOP-Admin via Facebook Messenger beleidigende Nachrichten und sogar eine Morddrohung bekommen, nachdem er, wie Berry, Nachforschungen über die eigentliche Intention der Seitenbetreiber angestellt hatte. Marco, AMOPs Chef-Admin, der ganz kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels doch noch antwortet, streitet das ab: »Sorry, aber unsere Seite hat nie Morddrohungen an irgendwen geschickt. Das ist eine komplette Lüge. Das Gegenteil ist der Fall. Wir erhalten Millionen von Drohungen und Beleidigungen für unsere Meinung.«

Das Immergleiche ist nicht einmal das Beste. Die Oper muss sich bemühen, den Rückstand, in den ihr Repertoire gelangt ist, aufzuholen.
Das Immergleiche ist nicht einmal das Beste. Die Oper muss sich bemühen, den Rückstand, in den ihr Repertoire gelangt ist, aufzuholen.

Auch Berry musste in seiner Kommunikation mit AMOP schon einiges einstecken: »Die Gruppe fing an, ziemlich obsessiv gegen mich zu handeln. Wenn ich eine Opernkritik gepostet habe, haben sie meinen Post nochmal auf ihrer Seite veröffentlicht und irgendwas Beleidigendes dazugeschrieben. An dem Punkt hatte ich wirklich genug. Das habe ich dann auch gesagt und wurde prompt geblockt.«

Neben dem Versenden von Verbalattacken, die nichts mit Oper zu tun haben, über private Facebook-Nachrichten bietet AMOP eine Plattform für ein Publikum, das extrem konservative Ansichten auch abseits der Kunst hegt. Berry erzählt, er habe durch Recherchen herausgefunden, dass die Facebookseite Gegen Regietheater in der Oper, AMOPs deutscher Ableger, was die Follower*innen angeht, eine große Schnittmenge mit  PEGIDA-Anhänger*innen hat: »Viele der Posts und Kommentare sind definitiv konservativ gefärbt, oft gepaart mit radikal-rechten Positionen: Sexismus, Rassismus, Homophobie, Transphobie und andere intolerante Haltungen werden mal beiläufig, mal weniger beiläufig kommuniziert.« Auch die Wortwahl der Betreiber*innen innerhalb der Posts spricht für sich. Kleine Kostprobe: »Es gibt auch noch Künstler mit Eiern in der Hose!!! […] Wer will schon La Fanciulla del West in einer Schwulenbar sehen?«, oder: »RT-ler (RT für Regietheater): ›Die Aufführung war soooo erfolgreich. Alle waren begeistert.‹ Opernfan: ›Friss weiter Sch*****. Millionen Fliegen können nicht irren!‹« (auf Gegen Regietheater in der Oper fand auch das VAN-Interview mit Sigiswald Kuijken, indem dieser sich über das von ihm als solches empfundene »elende Aktualisieren« barocker Musik aufregt, großen Anklang.)

Die Überschneidungen zu PEGIDA dementiert Marco (AMOP-Admin): »Das ist eine Lüge, die versucht, Gerüchte über Leute in die Welt zu setzen, die gegen Regietheater sind. AMOP und Gegen Regietheater in der Oper stehen in keiner Verbindung zu PEGIDA oder einer anderen rechten politischen Bewegung. Beide Seiten sind unpolitisch.« Die Seiten zu politisieren würde in seinen Augen die Kunst herabsetzen. »Je länger das so weitergeht, desto weniger Leute werden Oper und ihre Musik verstehen.«

»Meine erste Berührung mit Regietheater war Homokis Idomeneo 1999 in München«, schreibt Marco weiter. »Ich war schockiert und verstand gar nichts mehr. Damals war ich 13.« In den folgenden Jahren beschäftigte Marco sich neben seiner Ausbildung im medizinischen Bereich weiterhin mit Oper. »AMOP wurde im April 2011 erstellt. Etwa ein Jahr später fing es an wirklich zu wachsen. Das war der Punkt, an dem ich anfing, mehr Opern außerhalb von München, meiner Heimatstadt, zu sehen, weil ich merkte, wie viel Oper bewirken kann – wenn sie im Sinne des Komponisten aufgeführt wird – und wie falsch und inkohärent 99 Prozent der modernen Opernproduktionen sind.« Für Marco und AMOP sollen Operninszenierungen exakt den Vorstellungen und Intentionen der Komponisten folgen: »Die Oper soll grundsätzlich so bleiben, wie sie ist. Das bedeutet nicht, dass man Oper noch genauso aufführen muss wie im 19. Jahrhundert. Die Menschen verändern sich, die Bühnentechnik entwickelt sich. Das erlaubt uns, der Intention des Komponisten noch näher zu kommen als jemals zuvor.« Mit seiner Seite habe er gezeigt, »dass Regietheater manchmal so lächerlich ist, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf, wenn man ein Foto postet. Regietheater ist sich selbst der größte Feind. Ein simples ›Guess the opera!‹ (›Rate mal, welche Oper das ist!‹, als Bildunterschrift) sagt alles, und die große Zahl der lustigen oder sarkastischen Kommentare ist die beste Art, damit umzugehen.«

Darüber hinaus feiert das AMOP-Publikum, so Mark Berry, aber zum Beispiel auch rassistisches Black- und Yellowfacing in Operninszenierung, zum Beispiel bei Turandot. Regietheater hat die Absicht, solchen Stereotypen keine Bühne mehr zu geben, durch logisch durchdachte Inszenierungen – ganz im Gegensatz zu dem Regietheaterbild, das AMOP zeichnet.

Berry findet den Ansatz, sich über einzelne Fotos der Produktionen zu mokieren »sadomasochistisch«. Die Seite und ihre Nutzer*innen gieren nach Bildern, die sie kollektiv als widerwärtig definieren. »Sie verbringen unglaublich viel Zeit damit, Bilder zu suchen, über die sie sich aufregen können – aber das sind ja immer nur Designs, es geht nie um die Essenz der Produktionen.«

AMOP hat bei Mark Berry das Gegenteil der intendierten Wirkung erzielt: Gerade der Kontakt mit der Seite hat ihn zu einem größeren Befürworter des Regietheaters gemacht; obwohl ihm der Begriff »Regietheater« nicht gefällt. Er hat allerdings auch (noch) keinen Alternativvorschlag: »Wenn man mit Faschismus in welcher Form auch immer konfrontiert wird, lässt einen das weiter nach links rücken.« Indem ihr offener Konservatismus geradezu nach einer artikulierten Gegenhaltung schreit, kann AMOP den Diskurs über Oper indirekt vielleicht doch bereichern, auch wenn auf der Seite selbst kein Dialog stattfinden soll. AMOP motiviert so unbeabsichtigt zur Beschäftigung mit und Verteidigung von Oper als einer Kunst, die sich mit Drama und Theater überlappt, und deren literarische Dimension ebenso wichtig ist wie die musikalische. Mittlerweile gibt es eine Against ›Against Modern Opera Productions‹-Facebookseite (bei der Mark Berry eine tragende Rolle spielt), die auf die AMOP-Entgleisungen aufmerksam macht und wo vielleicht ein wirklicher Dialog unter Opernliebhaber*innen stattfinden kann. ¶