Symbolismus, Synästhesie, Synthese der Künste. Viele wohlklingende griechische Schlagworte sind verwendet worden, um die extravagante Klangphantasie des Moskauer Komponisten und Pianisten Aleksandr Nikolajewitsch Skrjabin (1872–1915) zu beschreiben. Seine idiosynkratische Persönlichkeit, seine metaphysische Selbststilisierung als um sich selbst kreisender Schöpfergott und die quasi-religiöse Aufgeladenheit seiner Musik im ästhetischen Umfeld des russischen Silbernen Zeitalters haben gleichermaßen Faszination wie Befremden ausgelöst. Anders als viele seiner Zeitgenossen entzieht sich der frankophile, zeitweise in die Schweiz emigrierte Skrjabin, der die Oktoberrevolution nicht mehr erlebte, mit seinem Schaffen einer nationalen Zuordnung: russisches Kolorit oder gar Folklore-Anklänge sucht man vergebens, und an die Stelle einer Verankerung im musikalischen Idiom seiner Heimat tritt ein gewissermaßen anonymes musikalisches ›Weltbürgertum‹, wodurch eine politische Instrumentalisierung seiner Musik kaum möglich ist.
Im Zentrum der westeuropäischen Skrjabin-Rezeption stehen zumeist seine Klavierwerke, und unter diesen vorrangig die Kompositionen des Übergangs und der Etablierung der tonalen Sprache seines Spätwerks. Ab etwa 1907 konvergiert Skrjabins Harmonik zu einem neuen Ordnungssystem, einem Klangzentrum, das auf einem in Quarten geschichteten Sechsklang (dem ›mystischen‹ oder ›Prometheus-Akkord‹) basiert, während die traditionelle Dur-Moll-Tonalität an Bedeutung verliert. Skrjabins symphonische Musik wird deutlich seltener aufgeführt und auch im Fachdiskurs häufig vernachlässigt, obwohl sie sich ebenso gut zur Darstellung der wesentlichen stilistischen Entwicklungen in seinem Schaffen eignet. Dieser Essay widmet sich daher gezielt den sieben Orchesterwerken – und kehrt dabei, in bewusster Abwendung von der sonst üblichen Betrachtungsweise, die Chronologie um: Das jüngste Werk wird zuerst beleuchtet; anschließend bewegen wir uns rückwärts durch Skrjabins symphonisches Schaffen, um mit seiner ersten orchestralen Komposition zu schließen.
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