Sie ist eine vielfältige, angenehm unkategorisierbare Künstlerin, die im deutschsprachigen Raum viel bekannter sein müsste: Am kommenden Sonntag, den 20. November 2022, feiert Meredith Monk ihren 80. Geburtstag. Geboren wurde Monk am 20. November 1942 in Queens (New York City). In New York scheint sie – eine ihr gewidmete Webseite macht jedenfalls den Eindruck – bis heute zu leben. 

Mit der Jazz-Legende Thelonious Monk (1917–1982) ist Meredith Monk nicht verwandt (Meredith Monk berichtet von einer Verwirrung diesbezüglich: Zum Zeitpunkt des Todes von Thelonious Monk 1982 befand sich Meredith Monk auf einer Japan-Tournee und ein japanischer Journalist hatte eine Hommage über die Musikerin verfasst, worauf Nachfragen hinsichtlich einer möglichen Verwandtschaft ins Haus trudelten.) Die »richtigen« Verwandten von Meredith Monk waren allerdings tatsächlich (ebenfalls) musikalisch: Mutter Audrey trat als Popsängerin auf und Großmutter (Konzertpianistin) und Großvater (Bariton) schauten auf eine Laufbahn in den Klassikkonzertsälen an der US-Ostküste zurück.

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Als Kind erlernte Meredith Monk das Spiel an Klavier und Orgel. Aufgrund einer Sehstörung im Kindesalter förderte man sie insbesondere im Bereich »Rhythmus und Bewegung«. Aus diesen »Nachhilfestunden« heraus entwickelte sich Meredith Monk später zu einer Allround-Performerin, der gewissermaßen Rhythmus, Puls und Bewegungsstrukturen nun genetisch eingeschrieben waren.

Monk studierte Musik, Theater und Tanz am New Yorker Sarah Lawrence College, führte aber nebenher ein »wildes« Leben als Sängerin in Rockbands sowie als Interpretin von Folkloremusik (mit Gitarrenbegleitung aus eigener Hand). Vom New Yorker Land ging es für Monk bald zurück nach New York City, wo sie auf bekannte Künstlerinnen und Künstler der damals angesagten Fluxus-Bewegung traf – ausgehend von den einflussreichen Ideen John Cages. Außerdem interessierte sich Monk für feministische Performancekunst und konnte in New York City ihre zahlreichen Talente in Choreografien, eigenen Kompositionen und Gesangsperformances hervorragend ausleben.

Mitte der 1960er-Jahre rückte die Stimme in den Fokus der Künstlerin Meredith Monk; sie experimentierte mit Trance-Erfahrungen und tauchte tief in die Erweiterungsfelder von Gesangstechniken und zunehmend genreauflösenden Experimental-Vokal-Happenings ein. (Nicht zufällig stammt die berühmte Sequenza III von Luciano Berio aus dem Jahr 1965.) Die Washington Post (zitiert auf der Seite von Boosey & Hawkes) schreibt über Meredith Monk: »Wenn, vielleicht in hundert Jahren, die Zeit gekommen sein wird, eine Bilanz der Errungenschaften in den darstellenden Künsten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu ziehen, so scheint ein Name, der stark hervorragen wird, sicher derjenige von Meredith Monk sein. An Originalität, Bandbreite, Tiefe können es wenige mit ihr aufnehmen.«


Meredith Monk (* 1942)
Stringsongs, 4. Satz: Phantom Strings für Streichquartett (2004)

Meredith Monk hat für ganz diverse Besetzungen Stücke geschrieben. Längst nicht alle davon inkludieren »zwangsläufig« die menschliche Stimme. Im Schaffenskatalog der vielfach und prominent ausgezeichneten Künstlerin finden wir auch Werke »rein« für Solo-Klavier (Steppe Music, 1997) sowie beispielsweise für Streichquartett.

Das Streichquartett Stringsongs aus dem Jahr 2004 zeichnet gewissermaßen das (auch) choreografische, bewegungsmäßige, rhythmisch-immersive Denken von Monk früh vor. Eine melodiös von der Zeit abgehobene Figur haucht durch den Raum, kontrapunktiert von leicht nebeligen »Zutaten«, die wie »vokal« tönen; als kleine – undramatische! – Seufzer. Ein obertöniges Pfeifen, nur halb gewollt, halb wie »passiert«, leger und dennoch sanft-dramatisch ins Ohr dringend.

Meredith Monk mal ohne Stimme: Minimal Music für Streichquartett ohne nerviges Gefallen-Wollen. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Nach etwa eineinhalb Minuten wird die Situation etwas virulenter, verbindlicher. Kleine Tonballungen werden crescendiert, kommen wiederholt näher. Man spinnt sich kollektiv in ein Geflecht von Bewegungsstrukturen ein; ein Stück, das auch hervorragend tanz- und choreografierbar wäre. Ein Stück Minimal Music – ohne nerviges Gefallen-Wollen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.