Heute – auf den Tag genau – vor 112 Jahren (am 19. Oktober 1910) wurde Elsa Calcagno in Buenos Aires geboren. Im Jahr 1910 fand die »Exposición Internacional del Centenario« in Buenos Aires statt. Buenos Aires war zu dieser Zeit die einwohnerreichste Stadt Südamerikas (heute ist sie diesbezüglich – jedenfalls, was die Anzahl der im Binnenbereich wohnenden Menschen angeht – längst von São Paulo, Lima, Bogotá, Rio de Janeiro und Santiago de Chile eingeholt worden). Buenos Aires blühte, erfreute sich eines regen kulturellen Lebens – und einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Die »Exposición Internacional del Centenario« widmete sich den Themen »Landwirtschaft und Viehzucht«, »Industrie«, »Eisenbahn und Überlandtransport«, »Hygiene« und »Schöne Künste«. Der Pavillon für die Künste wurde von einem berühmten Architekten aus Frankreich erbaut. Er stammte noch aus dem »Fuhrpark« der großen (für die Musikgeschichte ungemein bedeutenden) Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 und wurde eigens aus Paris nach Buenos Aires verschifft. Ganze Bücher (wie Richard J. Walters Politics and Urban Growth in Buenos Aires, 1910–1942, Cambridge 1993) widmen sich dieser künstlerisch wie infrastrukturell erfreulichen Epoche – und markieren das Jahr 1910 als ihren Beginn.

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In dieser Zeit des Aufschwungs und des florierenden Kulturlebens von Buenos Aires wuchs also Elsa Calgagno auf. Am Konservatorium ihrer Geburtsstadt studierte Calcagno bei dem – ebenfalls aus Buenos Aires stammenden – Constantino Gaito (1878–1945), dessen Stil interessant irgendwo zwischen Dvořák und Bartók angesiedelt ist, Komposition. Über Calcagnos Leben und ihre weitere Laufbahn scheint nicht sehr viel bekannt zu sein. Niedrigschwellig gut erreichbare Informationen über sie sind extrem rar gesät; so wird hier und da auch immer mal das Jahr 1905 als Calcagnos Geburtsjahr genannt (beispielsweise in einem Aufsatz von Silvina Luz Mansilla aus dem Jahr 2005). Aus der Lektüre anderer Quellen wiederum geht hervor, dass Calcagno sich wohl zunächst auf das Klavier fokussiert hatte, um sich in den 1950er Jahren auf Studien über folkloristische und indigene Musik zu konzentrieren. Auch sei sie als Musikkritikerin unterwegs gewesen. 1961 habe sie zudem – in Erinnerung an ihre Mutter Carlota – eine musikalische Förderinstitution gegründet und später selbst als Musikprofessorin am Konservatorium von Buenos Aires gelehrt.

Auch die genaue Angabe von Elsa Calcagnos Todestag ist nicht überliefert. Sie starb irgendwann im Jahre 1978 in Buenos Aires.


Elsa Calcagno (1910–1978)
Sonate für Violoncello und Klavier (1973)

Elsa Calcagno komponierte eine Oper, eine Symphonie, eine symphonische Dichtung, eine Chorsymphonie, weitere Orchesterwerke, ein Klavier- und ein Violoncellokonzert sowie Kammermusikstücke, Chorwerke und Lieder. 1973 kam es zur Niederschrift der Sonate für Violoncello und Klavier, von der sogar die Noten frei zugänglich erhältlich sind. (Überraschend, wenn man bedenkt, wie wenig wir sonst über diese Künstlerin wissen.)

Der erste Satz (Andante maestoso) beginnt sehr ernst. Das Klavier scheint einen schwarzen Turm aus Tönen zu errichten. Ebenso ernst dringt das Cello in die recht düstere Szenerie ein. Das Ganze bewegt sich im Rahmen der Tonalität, sprich: Das hier klingt nicht »nach 1973«, aber das muss es auch nicht. Recht frei werden Gedanken fortentwickelt, vor allem aber zielt diese Musik auf die (absolutmusikalische) Ausdrucksvermittlung von »verhaltener Leidenschaft« ab; und ein klein wenig klingt der erste Satz wie eine balladenartige Improvisation zweier Partner:innen, die sich gut kennen. Und auch wir Hörerinnen und Hörer erkennen bald musikalische Muster, fast wie aus Bachs Cellosuiten; jedenfalls wird das Cello hier bei Calcagno immer mal wieder ähnlich präludienhaft verwendet.

Über die argentinische Komponistin Elsa Calcagno ist so gut wie nichts bekannt. Zum Glück ist ihre Musik zwischen Bach und The Godfather überliefert. Ein Porträt in @vanmusik Klick um zu Tweeten

Und anlässlich des Beginns des zweiten Satzes (Andante espressivo) erinnern wir uns vielleicht an das Hauptthema von Der Pate, komponiert von Nino Rota (1911–1979), dessen Lebensdaten sich mit denen von Elsa Calcagno fast decken – und dessen Filmmusik mit der Erstausstrahlung von The Godfather 1972 exakt ein Jahr vor der Entstehung von Calcagnos Cellosonate ans Licht der Öffentlichkeit kam … Interessant! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.