»That’s your sound.« Janet Williams, Sopranistin und Gastprofessorin an der Musikhochschule Hanns Eisler strahlt mich an. Ich habe ein angewinkeltes Bein auf einem Stuhl abgestellt und stütze mich mit beiden Händen auf mein Knie. »A-le-lu-u-uuja« singe ich und beuge mich mit der Phrase langsam nach vorne. Dabei spüre ich, wie sich meine Rippen hinten am Rücken öffnen und mit der strömenden Atemluft langsam wieder schließen. Ich fühle, wie meine untere Bauch- und Beckenmuskulatur sanft aktiviert wird und schaffe es mit jeder Wiederholung, meinen Atem ein bisschen besser zu steuern. Ich höre, wie sich meine Stimme beruhigt. Wo vorher ein leichtes Zittern war, ist jetzt ein ausgeglichenes Vibrato, der Klang wird wärmer, runder. Er klingt mehr nach mir, finde ich. Als ich den Unterrichtsraum verlasse und durch den strahlenden Frühlingsnachmittag zur S-Bahnstation spaziere, könnte ich heulen vor Erleichterung. Das, was mein Hauptfachlehrer »am Ton dranbleiben« nannte und was mir einfach nicht gelingen wollte, war plötzlich von einer abstrakten musikalischen Vorstellung zu einem konkreten körperlichen Vorgang geworden.


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… lebt in Berlin und arbeitet als freischaffende Sängerin und Musikjournalistin (u.a. für Opernwelt, Crescendo, TAZ).