Sie hatte sich sehr auf das Konzert gefreut. Das Weltklasse-Orchester aus Wien in der Stadt, der gefeierte Jungdirigent, dessen Lohengrin-Debüt in Amsterdam sie zuletzt so beeindruckt hatte. Ein Programm mit zumindest einem Lieblingsstück. Und dann die Enttäuschung. Das Lieblingswerk in allzu statischer Gleichförmigkeit gehalten, nicht mehr als eine auf Effekt angelegte Petitesse zum Einstieg, eine Dvořáksinfonie hintendrauf, die den Philharmonikern ohne Dirigenten wohl nicht weniger gut geraten wäre.
Kommt vor, und dass Tourneeprogramme auch großer Orchester und großartiger Solist:innen vor allem einmal Säle füllen müssen und beim neunten Mal nicht unbedingt künstlerisch wertvoller klingen, ist ein Thema für sich und jedenfalls nichts Neues. Hier soll es heute um jenes eigenartige Gefühl von Einsamkeit gehen, von dem sie mir, nach der Empörung über gedankenlose Phrasierungen und eine eher robuste Klangdramaturgie, erzählte. Wenn man sich, mitten im Parkett und doch eigentlich in einer Gemeinschaft von Musikliebenden, die für zwei Stunden im gleichen Raum dem gleichen Programm zugehört haben, ganz allein und ziemlich verloren vorkommt, wenn (gefühlt!) alle begeistert sind, wenn sich Freude und Feier zugleich in einer Art Zustimmungsschrei entladen, es die Menschen gar nicht mehr auf den Sitzen hält und der Applaus gar nicht enden will. Es gibt viele und ganz sicher schlimmere Formen von Einsamkeit, aber diese, in der harten Fügung von Jubel und Enttäuschung, ist doch eine ganz eigenartige Konzerterfahrung.
What if we were wrong?, in den Worten des Weisen einer untergegangenenuntergangenen Epoche, Obama. Habe ich schlecht gehört oder falsch gefühlt, bin ich der Geisterfahrer, oder sind alle anderen bloß geblendet vom Tourneereklamesprech, dass man es eben mit einem der besten und so weiter der Welt zu tun habe? Wer dem Versprechen auf ein Premiumprodukt folgt (und wer würde sonst eine Karte mit Premium-Preisaufschlag kaufen?), wird die behauptete/erwartete Qualität wahrscheinlich auch hören. Anders der kritische Kritiker, der ungut voreingenommen im Parkett sitzt, seine Karte nicht gekauft hat und vor allem belastendes Material gegen einen Startenor und so weiter sammelt.
Kommt alles vor, soll in dieser Kolumne aber nicht das Thema sein. Sondern die spezifische Einsamkeit in Reihe 17, wenn um einen herum alles standing ovation und ganz aus dem Häuschen ist, und man selbst mehr traurig als besserwisserisch hockenbleiben muss.
Ging mir zuletzt so mit gleich zwei finnischen Jungdirigenten, einer noch jünger als der andere, in unserer kleinen Klassik-Bubble beide als fast-schon-Genies gefeiert, und ich konnte, unschuldig erwartungsfroh, dem offensichtlichen Posing (nebenbei: mit einem ziemlich gockelhaften Gestentheater) der so Gefeierten in beiden Fällen hörend kaum ein musikalisch faszinierendes Ergebnis ablauschen. Die Halle kochte, ich so gar nicht, eher kleinlaut noch an der Garderobe beim aftershow-Kurztalk. Meist kommt es ja, wenn Mehrheiten und Mindermeinungen aufeinandertreffen, auch nicht zur Diskussion, zum, bestenfalls: Schlagabtausch ästhetischer Argumente. Man schleicht sich, still ausgeschlossen von der Jubelgemeinde, heim. Das sind dann keine guten Abende. ¶

