Die vierte Wand ist aufgehoben. Das ist nun wirklich nichts Neues. Aber lustig. Wir klettern gut gelaunt auf steilen Treppen die Tribüne hinauf, die in der Komischen Oper Berlin für uns auf der Bühne errichtet wurde, und blicken von oben herab auf unsere Untertanen, will sagen, jene andere Hälfte des Publikums, die den Rand des Parketts und den ersten Rang bevölkert und mitspielen darf in Luigi Nonos Intolleranza 1960.
Das Stück ist jetzt einundsechzig Jahre alt. Es handelt vom Elend der aus ökonomischen Gründen Heimatvertriebenen, die im Bergwerk schuften, ausgebeutet werden, nichts verdienen und weiterziehen: damals beschönigend »Gastarbeiter« genannt. Es erzählt vom Verlust der Menschenwürde, es fordert auf zum Widerstand. Und dann ist da noch tröstlicherweise die Liebe. Der Flüchtling verlässt Frau und Familie, er findet in der Fremde eine neue Gefährtin. Am Ende kehren sie gemeinsam nach Hause zurück, um zu sterben in einer Flutkatastrophe. Zur Zeit Nonos galt so etwas noch nicht als menschengemacht. Doch auch, wenn sich die moderne Völkerwanderung seither brutal verschärft und ausgeweitet hat und der Begriff der Menschenwürde einerseits in aller Munde, andererseits dehnbarer geworden ist, bleibt dieser Plot mit seinen Textcollagen nach Sartre, Brecht, Majakowski und mit den entsprechend lehrstückhaft zugespitzten Tableaus immer noch gegenwärtig. Dafür sorgen auch die farbigen Orchestergewitter und die purifizierten Zwölftongesänge der Solisten, die Chöre und Sprechchöre, in ihrer knappen, verkappten Wut. Dass uns die Musik Nonos ins Sonnengeflecht greift, unmittelbar betrifft: Das hört vermutlich jeder, auch wenn er nicht genau weiß, wieso. Mit anderen Worten: Intolleranza 1960 ist ein Klassiker der Moderne geworden.

