Spätestens seit dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle an der Münchner Musikhochschule um Hans-Jürgen von Bose und Siegfried Mauser (der nach einem gestrigen Gerichtsurteil seine vor über 2 Jahren verhängte Haftstrafe nun auch wirklich antreten muss) entbrannte an den deutschen Musikhochschulen eine breite Diskussion um problematische Bedingungen des künstlerischen Einzelunterrichts und des nahen Verhältnisses zwischen Studierenden und Lehrenden. Nicht selten kamen dabei auch infrastrukturelle Faktoren zur Sprache, das wohl geläufigste Beispiel sind Unterrichtsräume mit Fenstern in Türen, die Studierenden zufolge dann sehr gerne mit Plakaten überhangen werden. Um eine andere gängige Praxis ging es dagegen kaum: Für Student:innen scheint es völlig normal zu sein, auch bei den Professor:innen und Lehrbeauftragten zuhause unterrichtet zu werden. Sei es außerhalb der häufig unpraktischen Öffnungszeiten in den Semesterferien, oder weil dort besonderes Equipment oder Instrumente vorhanden sind. An vielen Hochschulen ist so etwas aus Gründen der Prävention von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch explizit verboten, aber bei weitem nicht an allen.
Instrumentalunterricht in Privaträumen ist im Musikleben eine ganz alltägliche Praxis, ob bei den Lehrkräften oder den Schüler:innen zuhause, im Rahmen dezentraler Musikschulen, Vereine oder von privaten Instrumentallehrer:innen. Doch für die Lehre im Rahmen eines Studiums sollten andere Maßstäbe gelten. Als öffentliche Einrichtungen tragen Musikhochschulen eine besondere gesellschaftliche Verantwortung, vor allem gegenüber den Studierenden. Gleichzeitig ist das enge Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden zentral für das Musikstudium. In wohl keinem anderen Ausbildungszweig suchen sich Bewerber:innen die Hochschulen wegen einzelner Professor:innen aus, von denen sie unterrichtet werden wollen. Der künstlerische Einzelunterricht ist die maßgebliche Säule für den Fortschritt, Studierende fahren mit den Lehrkräften auf Exkursionen, Meisterkurse, reisen zu Konzerten und trinken danach zusammen. Diese nahe Beziehung verschleiert die weiterhin real existierende hierarchische Struktur. Die Abhängigkeit der Studierenden von ihren Lehrkräften schwindet durch eine kollegiale Beziehung nicht einfach, das Gefälle zwischen Lehrer:in und Schüler:in ist im Gegensatz zur Musikschule oder dem privaten Instrumentalunterricht nicht nur eines der Kompetenzen, sondern eines der Macht. Die Studierenden sind abhängig von Förderung und Bewertung durch die Professor:innen, auch darüber hinaus haben die Lehrenden karriererelevante Netzwerke, vermitteln Engagements und Muggen oder heuern ihre Schüler:innen für Aushilfsjobs in ihren Orchestern an.

