Lange Zeit war ich alljährlich pünktlich am Ort, ab 25. Juli, doch die fear of missing out hat stark nachgelassen. Den 150. Bayreuther Jubiläumsjahrgang habe ich nur aus medialer Halbdistanz wahrgenommen.
Wer hören mag, wie nun schon ganz hemmungsloses schmoozing geht, höre Axel Brüggemanns Podcast-Talk mit der von ihm geschätzten Katharina Wagner: Was haben wir gelacht, als der Axel mal seine Hügel-Hose vergessen hat und die Chefin und Urenkelin höchstselbst weiterhalf, beinah sogar mit dem Beinkleid des Enkelpapas. Das Ganze natürlich nicht ohne Transparenzhinweis und Sponsorengrüße.
In der ›Zeit‹ formuliert Christine Lemke-Matwey einen bemerkenswert lustlosen Festspielgeneralbeitrag über die Binse, dass einem dieser Wagner, je länger man sich mit ihm befasst, immer rätselhafter wird. Ja, das stimmt wohl sowieso und würde ungefähr auch für Beethoven, Bach oder Boulez stimmen. Nur ein paar dürre Worte zum immerhin doch erstmals gezeigten Rienzi, das wäre ja ein Thema. Zufällig rutsche ich kurz darauf in die TV-Übertragung, sehe einen stentortenoral schwer geforderten Andreas Schager gefühlt zwanzig Minuten an seinen Rampenplatz getackert eine Rede ans Chorvolk halten.
Ist das eigentlich gute Musik? Im Radio hatte Nathalie Stutzmann, die das Monstrum dirigieren musste, gesagt, dass man in Wagners früher Grand Opéra schon alles mögliche Spätere erahnen könne. Ich jedenfalls erahne in dieser langen Stunde nicht eben viel. Muss man Rienzi kennen, um den ganzen Wagner zu verstehen, wie beim BR zu lesen ist? Irgendwie joa. Und in den Pauseninterviews mit den Sängerinnen und Sängern dann dieser Eindruck einer allgemeinen Verlegenheit: Toll, dabei zu sein, ja, es sei schon lang, und ziemlich laut. Das darf man sagen, weil Wagner selbst seinen frühen Helden mal einen Schreihals nannte und das Opus nicht im Festspielkanon dabeihaben wollte. Michael Nagy, der den zwielichtigen Widersacher Orsini gibt, spricht von seinem Kampf um Zwischentöne und dass es musikalisch ein paar Redundanzen weniger gebraucht hätte. Fazit des BR wie offenbar der Festspielleitung selbst: Kann man mal machen, auf Dauer braucht’s das nicht.
Das ist eine Menge Aufwand für eine schlichte Erkenntnis. Sollte es darum gehen, ein Zeichen zu setzen, dass nach 150 Jahren der Bayreuther Kanon kein closed shop mehr sein muss, hätte ja auch kühner programmiert werden können, warum nicht dem von Wagner antisemitisch diskriminierten Meyerbeer oder dem Gesamtkunstwerker Stockhausen eine Chance im Festspielhaus geben? Ausgerechnet dem hohltönend pompösen Rienzi die große Bühne zu räumen, erscheint als lahmer Kompromiss. Eine Verlegenheit. Nehmen wir noch das Theater um die Ein-, Aus- und Wiedereinladung Michel Friedmans als Festredner dazu. Aus dem Abstand, fern vom Zwang der Berichterstattung, kamen vor allem die Zeichen an, dass hier eben dies: Zeichen gesetzt werden sollten. Aufarbeitung des Problemwagners bei gleichzeitiger technischer Innovationsoffenheit. Der vollmundig annoncierte erste KI-Ring der Theatergeschichte erwies sich (lese ich, nicht nur in VAN) als szenische Belanglosigkeit. Tolle Sänger geparkt hinter Bildschirmschoneroptik, gespart nicht nur am Budget, auch an Personenregie, egal, zum clickbait reicht’s. Nochmal ein kurzes Fünkchen Neugier generieren.
Die leicht erschöpfte allgemeine Verlegenheit, die mir da entgegenweht, von denen, die die Kunst machen, wie von denen, die sie reflektieren, kommt mir vor wie eine Reaktion auf die Kurzatmigkeit eines Betriebs, der aufs schiere Weitermachen und die Aufmerksamkeitsreste unserer überforderten Hirne fixiert ist. Wagners Bayreuth ist da, wieder mal, Avantgarde. Bloß, dass sie inzwischen um die beunruhigend großen Fragen einen Bogen machen. Statt sie, genau hier, eben jetzt, radikal zu stellen. ¶

