Der erste richtige Straßenfeger des diesjährigen Berliner Musikfests ist nicht das Eröffnungskonzert mit György Ligetis Le Grand Macabre, sondern ein reines Mendelssohn-Programm mit Jordi Savall. Das ist einerseits verständlich, andererseits merkwürdig. Verständlich, da Savall ein großartiger Musiker ist, und mehr noch, ein wundervoller, absolut uneitler Mensch, dessen ganze Erscheinung sich durch Noblesse und Güte auszeichnet. Entsprechend ist das große Publikum reich an spürbaren Savallverehrern. Merkwürdig ist es zugleich, da der Hauptsaal der Philharmonie erwartbar natürlich viel zu weit ist für Savalls Ensemble Le Concert des Nations mit seiner kleinen Besetzung (verglichen mit Sinfonieorchestern, für die der Raum konzipiert wurde) und auch den leiseren Originalinstrumenten, etwa den hölzernen Traversflöten, deren Obertonreichtum sich hier im Orbit verhaucht.
Geschmackssache ist der Abend aber auch interpretatorisch, für mich phasenweise sogar befremdlich. Im Gegensatz zu anderen historisch informierten Ensembles peilt Le Concert des Nations keine Speedrekorde an, die Tempi sind eher gediegen. Dass mitunter ein geradezu betulicher, ja schleppender Eindruck entsteht, liegt aber nicht an den Geschwindigkeiten selbst, sondern an einer gewissen Gleichförmigkeit. Schon in der dritten Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, der sogenannten Schottischen, schlägt Savall eher den Takt, statt dirigentische Akzente zu setzen, und so meint man dann auch jeden Taktstrich mitzuhören. Natürlich sind die Instrumentalisten des Orchesters alles lebendige, beherzte Interpreten. Dennoch leidet aufgrund des Ansatzes auch Mendelssohns Vierte, die Italienische, nicht gerade unter einem Übermaß an Spritzigkeit. Und die Mischklänge des dritten Satzes streifen angesichts des leise tönenden Instrumentariums an die Grenze zur Murkeligkeit.

