Fellini hatte es herausgefunden: Opernhäuser sind, wie große Schiffe, eine Blaupause für die gesellschaftspolitischen Verhältnisse. Bei Dekadenz gehen sie unweigerlich unter. Andererseits können sich Insassen von Opernhäusern durchaus ungestraft einer ganzen Reihe von Todsünden hingeben, als da sind Hochmut, Trägheit, Neid oder Völlerei. Man sieht es gerade den etablierten Häusern nicht mal von außen an, ob es sich nun um ein Traumschiff handelt oder um die Titanic. In der Oper in Hamburg ist es zurzeit beides, sowohl als auch.

Hier geht nämlich gerade eine Ära zu Ende. Am ersten August übernimmt Intendant Tobias Kratzer die Geschäfte. Er möchte gern mitsamt seinem jungen Team das Rad neu erfinden, für ihn mag das schöne offene Haus mit der gläsernen Schwimmbad-Fassade im Stil der Fünfziger also noch ein echtes Riesentraumschiff sein. Allerdings: Ballettchef Demis Volpi, der mit dem Riesenerbe von John Neumeier umzugehen hat, steckt jetzt schon in der Krise, bevor es losgeht. Davon ein andermal mehr. Zunächst geht es um den zünftigen Abschied von Intendant Georges Delnon, der die Geschicke der Hamburgischen Staatsoper erstaunlich skandal- und fast wagnerfrei zehn Jahre lang durch ruhige Gewässer gelenkt hat. Am Sonntag präsentierte er, als letzte Premiere im Großen Haus, eine abendfüllende Uraufführung mit einer Hundertschaft von Mitwirkenden, inszeniert von Dead Centre, dirigiert von GMD Kent Nagano. Ein prestigeträchtiges Auftragswerk, bestellt bei der musikstilistisch einzigartig unabhängigen, erfindungs- und erfolgreichen Berliner Komponistin Unsuk Chin.


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.