Man muss das Lied von der grauen Taube nicht kennen, um gleich zu merken, dass die Sache nicht gut ausgeht. Die ersten Töne dieser späten Oper von Peter Tschaikowsky sind tieftraurig, nach russischer Art: eine von dunkel lodernden Holzbläsern getragene, in sich kreisende Melodie. Mitten ins Herz trifft das, weich und warm und beunruhigend, bevor die Ouvertüre rasch und knackig Fahrt aufnimmt, punktgenau präsentiert von dem jungen russischen Dirigenten Valentin Uryupin und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Das Motiv kehrt später noch mal wieder, harfenumspielt. Mitten im Chor-Trubel einer über alle Stränge schlagenden Festivität taucht es auf, als Erkennungsmelodie der Titelfigur. Kirchenglocken von draußen tönen herein. Dann singt die schöne, junge Nastasja, die so beliebt ist beim Volk, dass böse Zungen behaupten, sie sei eine »Tscharodeika« (also eine Zauberin) ein Lied für ihre guten Freunde (von denen sie »Kuma« genannt wird, das bedeutet: Gevatterin). Kuma singt von der schönen Heimat und der Freiheit, sie zu verlassen. Es wird still, alle hören zu: »Wie der Aar sich frei auf zur Sonne schwingt, sehnt die Seele sich fort.«


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.