Wer einen negativen Corona-Schnelltest vorweist, darf in Tübingen seit zwei Wochen mit einem Tagesticket in Läden einkaufen, in Biergärten sitzen und ins Theater gehen. Im Modellprojekt will Tübingen laut Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) herausfinden, »ob wir mit unserer Teststrategie die Pandemie besser unter Kontrolle bekommen, als andere Regionen mit Schließungen.« Das Projekt polarisiert, insbesondere angesichts bundesweit hoher Inzidenzzahlen. Auch die Werte in Tübingen steigen. Einige Virolog:innen und Politiker:innen fordern ein sofortiges Ende, Palmer selbst sieht seine Stadt hingegen als »gallisches Dorf« und sich und sein Projekt als Denunziationsopfer. Auch im Landestheater Tübingen finden seit dem 16. März wieder täglich Aufführungen für etwa 100 Besucher:innen statt. Hartmut Welscher sprach mit Intendant Thorsten Weckherlin (58) per Zoom über kleine Schritte zur Normalität, die Kritik am Tübinger Modell und die Zukunft seines Theaters.

Thorsten Weckherlin © Klumpp
Thorsten Weckherlin © Klumpp

VAN: Herr Weckherlin, haben Sie heute morgen schon die Inzidenzraten für Tübingen gecheckt?

Thorsten Weckherlin: Ja, wir checken die Inzidenzraten natürlich täglich. Ich bin da in engem Kontakt mit der Ärztin Lisa Federle, die dieses Projekt zusammen mit Boris Palmer aufgebaut hat. Ich kriege mit, dass die Inzidenz steigt. Das ist natürlich doof.

Werden Sie weiterspielen, unabhängig davon, wie sich die Zahlen entwickeln?

Als wir das Projekt gestartet haben, waren die Inzidenzen bundesweit ziemlich im Keller, hier in Tübingen lagen sie bei unter 30. Wir haben uns zusammengesetzt, Lisa Federle, der Bürgermeister Boris Palmer, der Chef des Tropeninstituts Peter Kremsner und ich für die Kultur, und haben beschlossen, dass das Modell unabhängig von der Inzidenz laufen kann und medizinisch begleitet wird. Wenn man es weiter denkt, wird es natürlich absurd: Um uns herum die ganzen Pesttoten und hier kann man noch ins Theater gehen, getestet, mit Abstand und guter Belüftung. Aber die Grundidee war in der Tat, keinen Blick auf die Inzidenz zu werfen. Wir wollen auch ein Vorbild für andere Bühnen sein, indem wir wieder ein kleines Stückchen weiter in Richtung Normalleben kommen. Es gibt logischerweise andere Theater, die an dem Tübinger Modell interessiert sind. Ein Kollege in Rostock fängt jetzt auch an, die Bude für 100 Leute zu öffnen, weil dort die Inzidenz sehr niedrig ist. Oft gibt es aber auch Angst – bei der Stadtverwaltung, bei den Bürgermeister:innen – jetzt dieses Thema auf den Tisch zu bringen. Ich hatte Glück, dass wir das Projekt schnell realisieren konnten. Boris Palmer hat aufgrund seines Pragmatismus und gesunden Menschenverstands einen guten Draht zur Landesregierung, die ja letztlich darüber entscheiden muss. Und es hat geklappt. Ich bin nicht waghalsig, aber mein Theaterheinikopf sagt: ›Spielen spielen spielen.‹ Und wenn ich die Möglichkeit dazu bekomme, mache ich das auch.

Die Inzidenzzahlen steigen gerade überall rasant an, im Landkreis Tübingen ist sie in drei Tagen von 71,3 auf 98,8 gestiegen [110,2, Stand 31.03.2021], auch in der Stadt hat sie sich von Donnerstag (35) auf Sonntag (66,7) fast verdoppelt [78,7, Stand 30.03.2021]. Die Virologin Isabella Eckerle meint: ›Die dritte Welle kommt mit Vollgas angerauscht. Wer jetzt lockern, diskutieren oder erst abwägen möchte, hat nach 1 Jahr Pandemie nichts verstanden.‹ Kommen Sie sich da nicht vor wie die Kapelle auf der Titanic, wenn Sie trotzdem einfach weiterspielen?

Nein. Insgesamt kommen bei uns knapp 100 Zuschauer:innen und unser Einlasspersonal zusammen. Es wird jeden Abend getestet. Das Publikum hat Masken auf, sitzt in einem großen Abstand zueinander und geht dann wieder diszipliniert aus dem Theater heraus. Die Ansteckungsgefahr ist extrem gering. Und in den letzten zwei Wochen gab es keine Person, die eine Eintrittskarte hatte und uns wegen eines Positivtests nicht besuchen konnte. Deswegen kann ich immer noch guten Gewissens sagen: Wir machen es richtig.

Wobei kaum jemand bestreitet, dass im Theater selbst bei Einhaltung der Abstandsregeln die Ansteckungsgefahr gering ist. Es soll ja bei den Maßnahmen eher darum gehen, die Kontakte und Mobilität einzuschränken.

Ich kriege durch die Fragen, die Sie – zu Recht – stellen, langsam ein schlechtes Gewissen, das ich eigentlich gar nicht brauche. Für generelle Öffnungen ist es natürlich völlig die falsche Zeit, das stimmt. Wenn es aber wieder einen Lockdown geben sollte – und wir steuern daraufhin – muss es dieses Mal ein Lockdown mit Aussicht sein. Ich habe ein großes Problem damit, dass nicht in kleinen Modellen gedacht wird. Ich glaube: Dort, wo es möglich ist – und hier in Tübingen ist es möglich –, sollten solche Modellprojekte durchgezogen werden. Aus medizinischer Sicht wird jede:r Virolog:in wahrscheinlich den Kopf schütteln, aber es geht ja auch um die Psychologie – dass es enorm wichtig ist, in kleinen Schritten Richtung Normalität zu gehen. In diesem Corona-Chaos finde ich das absolut richtig.

Eine Kritik an solchen Modellprojekten lautet: Jetzt mitten in der dritten Welle der Pandemie zu öffnen, ist genau das falsche Signal. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schreibt bezogen auf das Tübinger Modell: ››Testen statt Lockdown‹ ist Wunschdenken, genau wie ›Abnehmen durch Essen‹‹. Daher sollten alle Modellprojekte zur Lockerung jetzt erstmal gestoppt werden.

Ich bin trotzdem ein Freund davon, mit einer großen Portion Pragmatismus und gesundem Menschenverstand etwas möglich zu machen, was diesem Denken der ewigen Schließungen und dann wieder Öffnungen entgegenwirkt. Ich lebe jetzt hier in Tübingen, ob das in Berlin-Kreuzberg funktionieren würde, sei dahingestellt. Unsere 90.000 Einwohner:innen sind extrem diszipliniert, gehen eigenverantwortlich mit den Testungen um, und unterstützen das Modellprojekt auch nicht nur deswegen, weil es toll ist, draußen endlich mal wieder ein Bier zu trinken, sondern weil sie einen Sinn darin sehen. Und das tue ich auch. Dass wir uns jetzt rechtfertigen müssen und auch die Bundeskanzlerin sagt, diese ganzen Modellprojekte sollten gestoppt werden, kann ich auf der einen Seite verstehen, wenn man das globale Ganze sieht und auch die Meinungen der Virolog:innen hört. Aber die psychologische Seite ist genauso wichtig. Die Leute, die uns besuchen, sind dankbar und sagen: Gut, dass es weitergeht, dass sie endlich mal wieder ein kleines bisschen Normalität erfahren können, statt dass jetzt drei Wochen alles zumacht.

Es gibt gerade eine Kakophonie sehr polarisierter Meinungen zum Tübinger Modell. Was ist für Sie eigentlich die relevante Resonanzgruppe – Politiker:innen, Virolog:innen, die Zuschauer:innen Ihres Theaters, Ihre Schauspieler:innen – auf welche Stimmen hören Sie, oder blenden Sie alle aus?

Ich gehe absolut selektiv vor. Da ist erstmal meine Stimme, dann die Stimme der 121 Mitarbeiter:innen dieses Theaters. Als wir vor zwei Wochen die erste Premiere herausgebracht haben, war dieses Glücksgefühl, endlich wieder vor Publikum spielen zu können, wie ein Rausch.

In Berlin wurden die im Rahmen des Pilotprojekts ›Perspektive Kultur‹ geplanten Aufführungen vorerst gestoppt. Glauben Sie, dass bei Ihnen alles wie geplant bis zum 18. April weiterläuft?

Dieser 18. April ist ja wieder so ein magisches Datum, an dem die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsident:innen entscheiden, wie es weitergeht. Ich finde es erstmal gut, dass die Stadt Tübingen bei der Landesregierung angefragt hat und das Staatsministerium gesagt hat: ›Macht weiter.‹ Ob das wirklich so klappt, ist natürlich offen. Irgendwann sagt vielleicht auch der Landesvater Kretschmann, ›Nö Boris, das geht uns zu weit.‹ Das kann natürlich passieren. Ich würde es bedauern, aber logischerweise akzeptieren. Wir haben auch ein tolles Kinder- und Jugendtheater, das im Moment kaltgestellt ist, weil die Schulen nicht kommen dürfen. Auch dagegen wehre ich mich, weil ich es Quatsch finde, dass die außerunterrichtlichen Veranstaltungen bis zu den Sommerferien abgeschafft wurden. Man kann hier im Klassenverband kommen und sich mit nur einer Klasse im Saal ein Stück anschauen, man kann getestet werden … aber nein, das Kultusministerium sagt: ›Wir machen erstmal dicht.‹

Gilt für Sie als öffentlich bezuschusstes Landestheater ›mitgehangen, mitgefangen‹, was die Abhängigkeit von der Politik angeht? Ohne Erlaubnis der Politik hätten Sie nicht einfach öffnen können, aber sie hätten jetzt auch nicht sagen können: ›Wir machen beim Modell nicht mit‹, oder?

Das zweite hätte ich machen können. Es haben ja bundesweit viele Theater, auch in Baden-Württemberg, gesagt: ›Es bringt doch alles nichts, wir machen zu.‹ Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass wir hier weiterarbeiten müssen, damit wir in einem Rhythmus bleiben. Wir haben in den letzten viereinhalb Monaten während des Lockdowns ganz normal weitergearbeitet, wir haben geprobt, wir haben die Stücke herausgebracht, nur für uns, das waren Geisterpremieren und ich war der Claqueur, der Bravo schrie. Wir haben sogar zweimal die Woche Repertoire gespielt, völlig absurd, da ruft der Inspizient die Leute rein, da gibt es Einlasspersonal, die Tür geht auf, es kommt bloß keiner. Für mein Seelenheil und für das der Schauspielerinnen und Schauspieler war das wichtig. Manchmal konnten die das gar nicht mehr ab da auf der Bühne, aber es hat sich rentiert, weil wir innerhalb von 24 Stunden auf Go stellen und diese Bude wieder zum Laufen bringen konnten.

In Tübingen ist das Theater Teil eines Gesamtmodells, das auch Gastronomie und Einzelhandel umfasst. Es gibt aber auch Forderungen, die Kultureinrichtungen zu öffnen, unabhängig von anderen Branchen. Besteht da die Gefahr, unsolidarisch rüberzukommen?

Ich bin Mitglied im Präsidium des Deutschen Bühnenvereins, wo auch Hasko Weber sitzt, der Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, der zu mir ganz knallhart gesagt hat: ›Ich mache das nicht mit. Ich bin Mitglied der Stadtgesellschaft, und wenn ein anderer Laden noch nicht in der Lage ist, zu öffnen, sei es ein Schuster oder ein Fitnesscenter, dann kann ich nicht vorpreschen und einfach meine Bude öffnen.‹ Ich finde das falsch, ich bin da genau anderer Meinung. Irgendjemand fängt immer an.

Verschärft sich der Klassengegensatz in der Kultur, wenn jetzt die großen, öffentlich finanzierten Kulturinstitutionen in Modellprojekten öffnen dürfen, und dafür natürlich auch viel mediale Aufmerksamkeit bekommen, und die privaten und freischaffenden Akteure weiter pausieren müssen, weil ihnen ein eigener Raum fehlt, von den Ressourcen zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln ganz zu schweigen?

Wir haben hier eine tolle soziokulturelle Begegnungsstätte, das Sudhaus, die haben echt Probleme. Wir haben vor dem Haupteingang unseres Theaters eine Teststation, die um 18 Uhr für die Theatergänger:innen öffnet. Das ist super und klar, es schließt andere aus, die diese Möglichkeiten nicht haben. Dazu kommt, dass wir ein staatlich bezuschusstes Unternehmen sind, wir sind tarifgebunden, wenn jemand bei uns in Kurzarbeit geht, hat er 100 Prozent Aufstockung. Das haben viele freie und private Theater in unserer Umgebung nicht. Ich habe in diesem Fall den Luxus, dass ich als öffentlich bezuschusstes Theater einfach schonmal lospreschen kann.

Sie haben im Oktober 2020 den Shutdown der Kultureinrichtungen als ›Schlag ins Gesicht unser Zuschauerinnen und Zuschauer‹ kritisiert. Fehlt auf Seiten der Politik das Verständnis oder gibt es zu wenig Lobby für die Kultur?

Als Theatermensch muss ich natürlich eigentlich sagen: ›Klar haben wir viel zu wenig Lobby.‹ Ich habe aber mitbekommen, dass das Theater es peu à peu geschafft hat, in die Köpfe der Politiker:innen zu kommen, dass jetzt in den Sonntagsreden verstärkt gesagt wird: ›Wir müssen auch an die Theaterschaffenden denken.‹ Da gab es schon eine Veränderung. Aber natürlich bleiben wir eine Nische. Ich war wahnsinnig genervt über die Kirchen. Hier in Tübingen hatten teilweise 200 Leute die Möglichkeit, sich eine Motette reinzuziehen. Ich habe mit dem Prälat gesprochen, ob es nicht möglich wäre, mal solidarisch zu sein und ein Wochenende keinen Präsenzgottesdienst zu machen, er hat gesagt: ›Ne, ich berufe mich hier auf die Religionsfreiheit.‹ Wir sollten tatsächlich viel lauter werden, mehr poltern und sagen, ›Hey, wir sind jetzt auch wichtig, nicht nur die Kitas und Schulen und Unis.‹ Aber das erreichen wir in kleinen Schritten.

Wie geht es nach der Pandemie weiter? Als Landestheater spielen Sie ja nicht nur in Tübingen, sondern auch in Orten wie Nürtingen, Metzingen oder Schwäbisch-Gmünd. Wie sieht es da aus?

Da werden wir große Probleme haben. Was ist mit den kleinen, teilweise heruntergekommenen Stadthallen aus den 1970er Jahren, die wir zu bespielen haben? Können die dieses Jahr überhaupt noch was anbieten, lassen die Hygiene- und Abstandsregeln es zu, haben die ausreichend Räume, wie ist die Bestuhlung? Da wird uns einiges wegbrechen.

Es gibt einige Theater, die wegen des Lockdowns schwarze Zahlen schreiben. Sie auch?

Wir schreiben aufgrund der Kurzarbeit tatsächlich kräftig schwarze Zahlen. Jetzt ist die Frage: Können wir das Geld als Rückstellung behalten? In Baden-Württemberg hat die Landesregierung gerade umgestellt von Festbetrags- auf Fehlbedarfsfinanzierung. Die schröpfen den Überschuss logischerweise erstmal ab. Ich mache mir für die Zukunft wirklich große Sorgen, nicht nur wegen des Wegbrechens von Gastspielorten in der Fläche, sondern: Werde ich es vermitteln können, wenn ich auf dem Marktplatz gefragt werde, ›Mensch Weckherlin, Du hast 8,6 Millionen Euro Budget im Jahr, 5 Prozent kannst du jawohl sparen, dann bleiben Dir immer noch 95 Prozent?‹ Dann muss ich immer wieder anfangen zu erläutern, dass im Endeffekt von diesen 8,6 Millionen nur 10 Prozent in Regiegagen oder Ausstattung gehen. Wenn ich 5 Prozent sparen muss, muss ich die Hälfte der Premieren einstampfen.

Der Tübinger Intendant Thorsten Weckherlin über kleine Schritte zur Normalität, die Kritik am Tübinger Modell und die Zukunft seines Theaters. In @vanmusik

Gibt es schon Signale aus der Politik, die diese Befürchtung nähren?

Ich bin da einfach Realist. Wo soll das ganze Geld herkommen? Berlin schüttet uns voll mit Kohle. Das Geld muss ja irgendwie wieder reinkommen. Ich habe davor großen Respekt. Noch leben wir in Tübingen auf sehr hohem Niveau, aber das Geld wird auch hier fehlen. In einigen Kommunen haben wir auch schon vor der Pandemie vor 70 tapferen Theatergänger:innen gespielt, die oft über 70 oder 80 Jahre alt sind. Was macht ein Kämmerer mit einem Kulturamtsleiter, der sagt: ›Ich möchte fünf Produktionen im Jahr vom Landestheater Tübingen aufkaufen, da kostet eine Produktion 6.500 Euro.‹ Dann sagt der Kämmerer vielleicht: ›Machen wir nicht mehr. Die 70 Leute, die vor der Pandemie kamen, wirst du eh nicht mehr kriegen, weil die keinen Bock haben, in die schrottige Stadthalle zu gehen.‹ Als Theaterleiter habe ich Angst vor der Finanzkatastrophe, die auf uns zukommen wird. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.