Bei Pasolini, 1968, lebte die Familie des Mailänder Großindustriellen in einer kühlen, hellen, stillen, weiten Villa mit Garten, geschützt von einem übermannshohen Zaun. Das eiserne Tor, das sich nur zweimal öffnet und schließt, lässt Unheil hinein. 2023, an der Deutschen Oper Berlin, haust eben diese Familie hinter den sechs Schiebefenstern eines rabenschwarzen Adventskalenders in einem Puppenhaus (ohne Nasszelle), das in allen Zimmern ausgestattet ist mit einer jägergrünen, kleingemusterten Tapete. Das sieht eng, schäbig, billig aus. So exemplarisch billig, dass man, wenn mal wieder so ein Fenster aufploppt, sofort an einen holländischen Puff oder an die Fernsehkulisse für eine Comedyshow denkt. »Käsekästchen«, sagte dazu treffend der Kritikerkollege im Morgenradio. Manchmal sind alle Kästchen zu. Manchmal stehen mehrere offen. Dann kann man zugucken, wie, zum Beispiel, der Vater ins Schlafzimmer des Sohnes geht, was beiden nicht gut bekommt. Ist die Kapitalistenklasse in den letzten 55 Jahren so heruntergekommen, dass man sie bedauern muss? Oder hat sie sich so grundstürzend gewandelt, dass sie nur noch als Witzfigur vorgeführt werden kann?


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.