Vor 72 Jahren marschierte die Volksrepublik China in Tibet ein, annektierte das Land ein Jahr später und schlug 1959 einen Volksaufstand brutal nieder. Das seitdem installierte System der Überwachung, Unterdrückung und Zerstörung der tibetischen Kultur wird von der exiltibetischen Regierung und Menschenrechtsorganisationen als ›kultureller Genozid‹ bezeichnet. Viele erkennen Parallelen zum Vorgehen der chinesischen Behörden in der autonomen Region Xinjiang, das über die Veröffentlichung der Xinjiang Police Files jüngst detailliert belegt wurde. Bevor er 2016 Parteisekretär von Xinjiang wurde, bekleidete Chen Quanguo, einer der Architekten des dortigen Lagersystems, dieselbe Position in Tibet und soll bereits viele der später in Xinjiang angewandten Unterdrückungsmethoden erprobt haben. Umgekehrt ist der ehemalige Sicherheitschef der Region Xinjiang, Wang Junzheng, seit letztem Jahr Parteichef Tibets. 

Es gab eine Zeit, in der das Schicksal Tibets international viel Aufmerksamkeit bekam. Der Dalai Lama, der 1959 unter dramatischen Umständen über den Himalaya in das indische Exil entkam, erhielt 1989 für seinen Weg des gewaltlosen Widerstands den Friedensnobelpreis, in den 1990ern brachten Filme wie Jean-Jacques Annauds ›Sieben Jahre in Tibet‹, mit Brad Pitt in der Hauptrolle, und Martin Scorseses ›Kundun‹ Tibet nach Hollywood, Popstars wie Björk, die Red Hot Chili Peppers oder Radiohead engagierten sich in Benefizkonzerten für ein freies Tibet. 

Seit den Nullerjahren, spätestens seit den Olympischen Spielen 2008 in Beijing, verschwindet die Tibet-Frage allerdings zunehmend von der politischen Agenda und dem medialen Radar – und es ist wohl kein Zufall, dass diese Entwicklung zusammenfällt mit Chinas stetigem Aufstieg zur Welt- und Wirtschaftsmacht und der damit einhergehenden ›Wandel durch Handel‹-Maxime, die seitdem die Außenpolitik vieler Länder bestimmt. 

Während der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Dalai Lama 1990 noch im Schloss Bellevue empfing und Joschka Fischer das geistliche und damals noch politische Oberhaupt der Tibeter als Außenminister gleich dreimal traf, war ein Besuch des Dalai Lama bei Angela Merkel im Kanzleramt im September 2007 sein letztes Treffen mit einem deutschen Regierungsvertreter. Seitdem unterbindet China mit zunehmendem Druck und Erfolg jegliche Aktivität, die für eine größere Autonomie Tibets stehen könnte – mit dem Hinweis, dass man sich jede ›Einmischung in innere Angelegenheiten‹ verbitte. Dies nimmt teilweise auf allen Seiten paranoid-skurrile Züge an, etwa als der DFB 2018 in vorauseilendem Gehorsam einem Freundschaftsspiel des badischen Sechstligisten FV Lörrach-Brombach gegen eine tibetische Auswahl die Genehmigung entzog, aus Angst davor, China zu verärgern. 

Wie steht es in dieser schwierigen geopolitischen Gemengelage um den tibetischen Freiheitskampf und wie geht es den mittlerweile zwei Generationen Exiltibeter:innen, die versuchen, außerhalb Tibets eine Kultur am Leben zu halten, die an ihrem Ursprungsort vor der vollständigen Auslöschung steht? Ein Gespräch mit Tenzyn Zöchbauer, Geschäftsführerin der Tibet-Initiative Deutschland, und dem Musiker Loten Namling. Zöchbauer, deren Mutter Tibeterin ist, wurde 1991 in Wien geboren. Ihre Großmutter war Anfang der 1960er aus Tibet geflohen. Namling, geboren 1963, wuchs als Kind tibetischer Flüchtlinge in Indien auf. Seit 1989 lebt er in der Schweiz. 

Loten Namling (Foto links © Wilfried Schüller) und Tenzyn Zöchbauer

Loten, du solltest jetzt eigentlich auf dem Festival de Fès des Musiques Sacrées du Monde in Marokko auftreten. Dir wurde aber die Einreise verweigert, wieso?

Loten Namling: Zwei Wochen vor Festivalstart kam die Ausladung. Die chinesische Botschaft hatte Wind davon bekommen, dass ich, ein tibetischer Aktivist, dort auftreten würde. Also haben sie Druck auf das Festival ausgeübt, mir kein Visum zu geben. So arbeiten die Chinesen. Der Künstlerische Leiter hat mir erzählt, er hätte sich diese Art von Druck von außen nie vorstellen können. Er hat mich auch gebeten, darüber nicht öffentlich zu sprechen oder aber der Presse eine andere Geschichte zu erzählen. Ich habe ihm gesagt: ›Wir sind Freunde, ich bin dir für vieles dankbar, aber du kannst nicht von mir verlangen, darüber zu schweigen oder gar zu lügen.‹ 

Du lebst seit 1989 in der Schweiz. Hast du die Schweizer Staatsbürgerschaft?

Namling: Nein, ich will nicht. Ich bin tibetischer Flüchtling geblieben. Ironischerweise hat die chinesische Regierung die Schweiz vor ein paar Jahren erpresst und gesagt: Alle Tibeter, die den blauen Schweizer Reiseausweis besitzen, gelten als Chinesen. Wenn das im Dokument nicht angepasst wird, interpretieren wir das als eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Tatsächlich wurde dann schon nach kurzer Zeit der Status geändert. Früher stand da ›staatenlos‹, jetzt bin ich Chinese. Jedesmal, wenn ich nach Indien oder sonstwo reise, werde ich bei der Passkontrolle gefragt: ›Oh, Sie sind Chinese?‹ Dann muss ich das erklären. 

Ist es für Tibeter:innen überhaupt möglich, für China ein Visum zu bekommen und nach China zu reisen?

Tenzyn Zöchbauer: Es gibt sehr viele Tibeter:innen, die jedes Jahr versuchen ein Visum zu bekommen und keines kriegen. Du hast als Tibeter:in zwei Möglichkeiten: Du schweigst zu dem was passiert, fällst nicht auf, um dann vielleicht irgendwann die Möglichkeit zu haben, nach Tibet zu reisen und die Familie nochmal zu sehen. Oder du sprichst über die Menschenrechtslage, und dir wird diese Möglichkeit genommen. Das ist seit 2009 nochmal strenger geworden, weshalb es auch bei uns immer weniger Exiltibeter:innen gibt, die an öffentlichen Protesten teilnehmen. Mit Corona ist es etwas besser geworden, weil das Vermummungsverbot bei Demos teilweise aufgehoben wurde und die Leute Maske tragen durften. Jedes Mal, wenn wir vor der chinesischen Botschaft stehen, werden wir durch die Spiegelfenster der Botschaft heimlich fotografiert. 

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China befindet sich unter Xi Jinping in einer neuen Phase von Repressionen nach innen. Wie wirkt sich das in Tibet aus?

Zöchbauer: Eigentlich erleben wir gerade eine sehr neue Art von Repression, weil diese totale Überwachung und Kontrolle aufgrund der technischen Möglichkeiten in Tibet inzwischen ein Ausmaß angenommen hat, das es davor noch nie gab. Wer auf chinesischen Messenger-Diensten mit Tibeter:innen im Ausland schreibt, verschwindet oft für mehrere Monate im Gefängnis. Diese Messenger-Dienste sind nicht End-zu-End verschlüsselt wie etwa WhatsApp oder Signal – gleichzeitig sind sie die einzige Möglichkeit zu kommunizieren. Alles andere ist gesperrt. Es ist schockierend zu sehen, dass es China selbst in der heutigen Zeit immer noch gelingt, fast jegliche Kommunikation komplett lahmzulegen. 

Tibet ist dadurch vielleicht abgeschotteter als Nordkorea. Wie kommt ihr da an aktuelle Informationen?

Zöchbauer: Es ist für uns ganz schwierig. Nahezu jede Information, die wir bekommen, wird unter Lebensgefahr herausgeschmuggelt. Regelmäßig werden Tibeter:innen verhaftet, weil sie eine Information, ein Bild, einen Namen, eine Aktion mit dem Ausland geteilt haben. Das ist uns auch immer bewusst. Wir überlegen deshalb sehr genau, wann der richtige Zeitpunkt ist, etwas zu kommunizieren – wie macht man es macht, ohne jemanden innerhalb Tibets in Gefahr zu bringen. 

Der lange Marsch mit schwarzem Sarg: Als Reaktion auf die Selbstverbrennungen in Tibet marschierte Loten Namling mit einem Sarg von Bern nach Genf, um auf die Lage in Tibet aufmerksam zu machen • Foto © Tibetan Warrior

Gibt es überhaupt noch Tibeter:innen, denen die Flucht gelingt?

Zöchbauer: Im letzten Jahr haben es genau fünf geschafft. Seit den verschärften Kontrollmaßnahmen an den Grenzpässen, ist die Zahl rapide gesunken, wenn man sie vergleicht mit vor zehn Jahren, als es Hunderte waren. 

Wie wirkt sich diese neue Art der Repression im Bereich der Kultur aus?

Zöchbauer: Früher wurde versucht, nach dem Vorbild der Kulturrevolution Kultur eher von außen zu vernichten. Man hat Klöster zerstört, Menschen öffentlich gedemütigt. Xi Jinping verfolgt dagegen die Strategie, Leute von innen zu brechen, die tibetische Identität Schritt für Schritt von innen auszulöschen. Nach einer neuen Recherche des tibetisch-kanadischen Soziologen Gyal Lo werden zwischen 800.000 und 900.000 tibetische Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren in Zwangsinternaten untergebracht, wo sie rund um die Uhr überwacht werden und sich nur mit chinesischer Kultur auseinandersetzen dürfen. Die Kinder verlieren dort komplett den Bezug zur tibetischen Identität. Musik ist dabei ein wichtiger Bestandteil, Kinder werden zum Beispiel über patriotische Lieder indoktriniert. Gleichzeitig sind diese Schulen nicht dafür ausgelegt, dass die tibetischen Schüler:innen einen hochwertigen Abschluss machen. Teilweise unterrichten dort gar keine voll ausgebildeten Lehrer:innen. Es geht nur darum, dass aus den Schüler:innen billige Arbeitskräfte werden. 

Du gehörst zu der letzten Generation, die tibetische Volkslieder aus erster Hand gelernt hat, von Lehrer:innen, die noch in Tibet aufgewachsen sind. War dir die Verantwortung, die daraus erwächst, immer bewusst?

Namling: Ja, schon meine Mutter hat immer gesagt: ›Loten, du musst die alten Lieder singen, die werden sonst irgendwann verschwinden.‹ Ich bin im Exil aufgewachsen mit den Reden des Dalai Lama, in denen er davon sprach, dass meine Generation die Zukunft Tibets ist, diese Botschaft sitzt sehr tief. In der tibetischen Kultur ist alles Musik, hinter jedem Berg liegt eine neue Melodie, ein neuer Tanz, ein neues Lied. Als wir unser Land verloren haben und so viele Menschen geflüchtet sind, gaben uns die Musik und unsere Tänze Halt. Als ich klein war, haben die Älteren im Exil in Dharamsala zu jeder Gelegenheit die alten Lieder und Tänze aufgeführt.

Was bekommt ihr aus Tibet selbst mit, was hat von der tibetischen Musiktradition dort überlebt?

Namling: Während der Kulturrevolution war es viele Jahre lang verboten, traditionelle tibetische Lieder zu singen. Dann haben sie verstanden, dass es viel effektiver ist, die Leute singen zu lassen, aber die bekannten Melodien mit kommunistischen Propagandatexten zu unterlegen. Es gibt diesen Dokumentarfilm von Ngawang Chophel, der in den 1980ern nach Tibet reiste, um zu tibetischer Volksmusik zu recherchieren. Einige Tibeter hatten ihm erzählt, dass außerhalb Lhasas eine Aufführung mit ›echtem‹ tibetischen Tanz und Gesang stattfinden würde. Er ging dorthin und filmte. Das ist wahnsinnig interessant: Die Tänzerinnen tragen Kleider, die tibetischen ähneln, aber viel zu bunt und zu kurz waren, auch der Gesang war stark chinesisch beeinflusst. Statt zu klatschen starrten die zuschauenden Tibeter die Aufführung nur an, sie wussten gar nicht, was da passierte. Man muss leider sagen, dass China mit dieser schrittweisen Sinisierung erfolgreich war.

Zöchbauer: Die meisten Lieder, die aus Tibet kommen, haben mittlerweile einen sehr starken chinesischen Einschlag. Einige tibetische Künstler:innen werden auch von chinesischer Seite gefördert, um die Klischees von Tibet zu transportieren, für die es innerhalb Chinas eine gewisse Faszination gibt – das Nomadentum, die kantige und kernige Bevölkerung. Darüber hinaus ist in Tibet aktuell jede Form kultureller Zusammenkunft, die nicht offiziell angemeldet ist, verboten. Das heißt: Wenn sich Gruppen treffen, um einen Abend tibetisch zu singen oder einen tibetischen Tanzkurs zu machen, ist das eine illegale Handlung. Früher gab es das noch öfters, dass sich die Tibeter:innen zumindest im privaten Kreis getroffen haben, oder zum Beispiel bei Reiterfesten, das gibt es nicht mehr. Wir wissen von über zehn Musikern, die aktuell in Haft sind, weil sie alte traditionelle Lieder oder über die Unterdrückung gesungen haben. Auf letzteres steht dann sechs Jahre Haft wegen ›Anstiftung zum Separatismus‹. 

Einer dieser von chinesischer Seite geförderten Künstler war der tibetische Sänger Tsewang Norbu, der sich im Mai mit 25 Jahren vor dem Potala-Palast in Lhasa selbst verbrannte. Was wisst ihr über den Fall?

Zöchbauer: Er wurde von chinesischer Seite wahnsinnig gepusht, war in allen chinesischen Shows zu sehen, Teilnehmer der Talentshow ›Sing! China‹. Er hat auf Tibetisch gesungen, wurde aber genau in dieses eben angesprochene chinesische Tibetbild hineingepresst. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie groß der Druck auf ihn gewesen sein muss, dass er sich mit 25 entschieden hat, sein Leben zu beenden; in dieser Form, indem er sich an einem sehr öffentlichen Ort anzündet. Weil eben seine Kultur, seine Identität nicht mehr vorhanden war, und er wahrscheinlich keinen Ausweg mehr gesehen hat. 

Namling: Er war jung, hübsch, erfolgreich, kam aus gutem Hause, er hatte alles. Er war ein intelligenter Mensch, nicht diese Art von Künstler, die ihr großes Ego nicht aushalten können. Ich glaube, er war an einem Punkt angekommen, an dem er das Gefühl hatte, dass die letzten 20 Jahre, alles was er gemacht hat, künstlich waren, eine Show. Er nahm sich das Leben, um zu zeigen, wie falsch das ist. Ich kann dieses Gefühl, in einer Sackgasse zu sein, gut nachvollziehen. Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten auch öfter total hoffnungslos gefühlt. Mittlerweile gab es in Tibet 160 Selbstverbrennungen, aber niemand interessiert sich dafür. Wenn ich Zeitungen anrufe, heißt es: ›Tut uns leid, gibt es denn Beweise dafür, warum sich jemand selbst verbrannt hat?‹

Hast du Kontakt zu Künstler:innen, die in Tibet leben?

Namling: Ich hatte Kontakte über ›WeChat‹, aber ich habe aufgehört, mit ihnen zu kommunizieren, weil es zu gefährlich ist. 

Es gibt in Dharamsala das Tibetan Institute for Performing Arts (TIPA), das zur Aufgabe hat, die tibetische Kultur im Exil zu bewahren. Wie schwierig ist diese Aufgabe?

Namling: Sehr schwierig. Mittlerweile sind viele Tibeter aus der Generation, die die klassischen Lieder aus Tibet kennen oder noch aus erster Hand gelernt haben, gestorben. Das TIPA ist großartig, aber seine Aufgabe ist darauf limitiert, der Welt zu zeigen, dass wir die Kultur bewahren und ein paarmal im Jahr tibetische Opern aufzuführen, wenn Besucher kommen. Kultur ist aber kein Museum, wir müssen sie leben. Die Tibeter, die jetzt zu uns kommen, wurden gezwungen, nur chinesische Musik zu hören, ihre Stars sind Chinesen, das ist das einzige, was sie kennen. Der moderne chinesische Musik- und Gesangsstil hat sich so tief in unsere heutige Zeit eingegraben, dass wir selbst im Exil mittlerweile Lieder singen, die chinesisch klingen.

Zöchbauer: TIPA war ein wichtiger Meilenstein. Aber es gibt schon auch eine sehr moderne tibetische Musik, die von Exiltibeter:innen aus dem Tibetischen heraus entsteht und stark in Richtung Hip Hop geht, etwa Karma Emchi, bekannt als Shapaley, aus der Schweiz. Gleichzeitig gibt es innerhalb der tibetischen Gemeinschaft inzwischen eine große Bewegung, die versucht, zum Beispiel online Tibetisch-Unterricht anzubieten. In großen Städten wie Toronto treffen sich die Tibeter:innen jeden Mittwoch (auf Tibetisch: Lhakar) in der Community Hall und üben tibetischen Tanz, lernen tibetische Instrumente oder tibetische Teppiche zu weben, um diese ganzen alten Traditionen weiterzutragen, die in Tibet selbst noch von einer Generation erlernt wurden, die leider ausstirbt. Es gibt auch viele Online-Tutorials auf Instagram oder Videos auf Youtube, wo einem alte tibetische Lieder beigebracht werden, die man dann seinen Kindern vorsingen kann. 

Namling: Ich sage auch nicht, dass es keine Bewegung gibt. Aber meine Generation tut sich schon schwer damit, dass der chinesische Einfluss so groß ist. Wenn ich den Jungen sage: ›Ihr hört chinesische Musik‹, antworten sie: ›Was zum Teufel redest du da?‹ Dabei sind chinesischer und tibetischer Gesang total unterschiedlich. Wenn du die alten tibetischen Lieder hörst, dann hörst du sofort den Unterschied: Wir singen aus der Brust, nutzen Obertongesang. Wenn nicht die Menschen meiner Generation darauf hinweisen, wer dann? Aus diesem Grund habe ich auch die Band Porok Karpo gegründet, um zu zeigen, dass auch alte tibetische Lieder modern interpretiert werden können und die tibetische Seele weiterlebt.

Die Chinapolitik der Bundesrepublik stand in den letzten zehn, fünfzehn Jahre ganz unter der ›Wandel-durch-Handel‹-Maxime. Die Tibetfrage geriet dabei immer mehr ins Hintertreffen. 2007 gab es das letzte offizielle Treffen zwischen einem hohen Regierungsmitglied, der damaligen Kanzlerin Angela Merkel, und dem Dalai Lama. Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder (SPD) und der damalige Vizekanzler Frank Walter Steinmeier (SPD) kritisierten das Treffen damals. Schröder sagte, er ›bedaure‹, dass ›die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt‹ worden seien. Wie war es in diesem Umfeld, sich aktivistisch für Tibet einzusetzen?

Namling: Politiker wie Schröder haben uns belogen. Sie sagten der tibetischen Regierung: ›Wenn ihr nicht den Weg einschlagt, den wir euch empfehlen, werden wir euch nicht unterstützen können.‹ Natürlich dachten wir vor 25 Jahren, dass das die Lösung sei: Wir hören auf die Welt, und die Welt wird uns helfen. Und was ist passiert? Wir haben alles getan, was die Welt uns gesagt hat. Ins Gesicht wurde uns gesagt, wie wunderbar mitfühlend und friedlich wir seien. Und hinter dem Rücken wurden wir betrogen. Wenn es um unseren Freiheitskampf und wirkliche Unterstützung geht, wenden sie sich ab. Bei jedem Besuch des chinesischen Präsidenten war ich vor der Botschaft und habe geschrien. Dann kamen westliche Buddhisten zu mir und meinten: ›Wie kannst du  auf Chinesen wütend sein? Du bist Buddhist und auch sie haben doch zweihundert Jahre unter dem westlichen Kolonialismus gelitten.‹ Meine Brüder und Schwestern werden in Tibet getötet, und ich muss mehr Mitleid mit den Chinesen haben, als mich um sie zu sorgen?

Es gibt auch in der tibetischen Exilgemeinschaft eine lange Diskussion, ob der Weg der Gewaltlosigkeit wirklich der richtige ist, um das Thema auf der internationalen politischen Agenda zu halten. 

Namling: Gewaltlos bedeutet nicht, dass wir nicht wütend auf die Chinesen sein können. Das ist eine falsche Interpretation von ›Gewaltlosigkeit‹, mit der dem tibetischen Freiheitskampf das Rückgrat gebrochen wurde. Wann immer ein Tibeter wütend wurde und ›Free Tibet‹ oder ›Fuck you China‹ gerufen hat, wurde ihm von außen vorgehalten, ›gewalttätig‹ zu sein. Während in China Tibeter ermordet werden und jemand, der sich für das Überleben der tibetischen Sprache einsetzt, ins Gefängnis kommt, sagten unsere sogenannten Freunde, darunter viele westliche Liberale, dass wir ruhig bleiben und abwarten sollten, bis sich China mit dem Wirtschaftsboom öffnen werde. Weißt du, warum sie das gesagt haben? Weil es ihnen um die Geschäfte ging und sie keinen Ärger wollten. In die Ukraine schicken wir jetzt Waffen und rühmen den Widerstand der Ukrainer. Den Tibetern sagte man, wir sollten lieber freundlich und mitfühlend sein. Siehst du die Heuchelei?

Zöchbauer: Die chinesische Regierung spielt auf Zeit. Womit sie aber, glaube ich, nicht gerechnet hat, ist, dass die Bewegung nicht aufhört. Mittlerweile gibt es in ihr mehrere Generationen. Menschen wie meine Mutter und Loten, die sich seit 40, 50 Jahren einsetzen, oder jüngere wie mich, die das seit 15 Jahren tun. Wir wachsen in unterschiedlichen Ländern auf, haben unterschiedliche Backgrounds. Dadurch ist es inzwischen eine sehr bunte Bewegung. 

Namling: Ja, aber es braucht mehr Kraft. 

Zöchbauer: Klar, aber oft fehlt auch die Verbindung. Meine Mutter ist sehr emotional an die Sache rangegangen. Für mich ist es natürlich auch eine emotionale Angelegenheit, aber teilweise auch so weit weg, dass man versucht sich rational zu überlegen: Was sind die Schritte, die jetzt wichtig sind, welche Mechanismen können wir auf politischer Ebene nutzen, um unser Land so gut wie möglich vor der kompletten Auslöschung zu retten?

Welche Mechanismen sind das?

Zöchbauer: Zum Beispiel die UN, die momentan zwar total versagt, aber dennoch ein wichtiges Instrument sein könnte. Deshalb halten wir auch hier den Druck aufrecht. 

Namling: Die UN ist nur ein großes Gebäude, voll mit Menschen, die nichts für den Frieden tun und der chinesischen Regierung in den Arsch kriechen.

Der jüngste Besuch der UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet in China, bei dem sie jegliche öffentliche Kritik an der Menschenrechtssituation vermied und bei ihren Ausführungen im Wesentlichen dem Narrativ der chinesischen Regierung folgte, wurde fast unisono kritisiert, auch von der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock

Zöchbauer: Ja, der Besuch war eine absolute Katastrophe. Wir arbeiten sehr eng mit den Uiguren zusammen, auch mit Hongkong und Taiwan, da entsteht ein neuer Spirit. Es ist nicht nur ›wir gegen China‹, sondern viele von China bedrohte Gruppen, die versuchen, ihre Identität zu schützen oder demokratische Werte am Leben zu erhalten. Aus Tibet bekommen wir trotz sechzig, siebzig Jahren der Unterdrückung fast wöchentlich Nachrichten von Protestaktionen; von Menschen, die verhaftet wurden, weil sie Flyer verteilt haben; von Musikern, die im Gefängnis landen, weil sie wieder und wieder auftreten; von Lehrerinnen, die Tibetisch unterrichten und dann verhaftet werden; von den traurigen Selbstverbrennungen… Es hört nicht auf. Aber es wird weniger. Und die Zeit läuft uns davon.

Namling: Das ist es eben, die Zeit läuft uns davon. Wir brauchen einen neuen Impuls. Sonst sagen die Leute: ›Ach, wir überlassen es einfach der nächsten Generation.‹ Zum Beispiel mit der tibetischen Sprache: Wie viele Tibeter der jungen Generation sprechen noch wirklich gut Tibetisch? Und in der nächsten Generation wird es immer weniger. Die Bewegung ist zu sehr an den Rand gedrängt worden. Wir können nicht auf den Moment warten, bis China plötzlich so barmherzig wird, das Land zurückzugeben. Wir müssen kämpfen. 

Zöchbauer: Ich merke auch schon an mir, wie viel ich verliere oder verloren habe; dadurch, dass ich die Sprache nicht spreche. Je länger sich die Zeit zieht, desto mehr geht von Generation zu Generation verloren.

Hast du das Gefühl, dass es bei der Ampelregierung mehr Bereitschaft gibt, sich mit der Tibetfrage zu beschäftigen, als bei vorherigen Regierungen?

Zöchbauer: Aktuell noch nicht, nein. Eigentlich müsste die Ampelregierung die Chinapolitik komplett ändern, komplett, und damit auch wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen. Ich glaube auf lange Sicht – insbesondere nach den Lehren aus Russland – wird das kommen. Das Potential ist da in der Regierung, auch wenn man jetzt sieht, dass eine deutsche Außenministerin nach der Veröffentlichung der Xinjiang Police Files das erste Mal so kritisch gegenüber China auftritt. Aber das alleine reicht natürlich noch nicht.

Penpa Tsering, der Präsident der tibetischen Exilregierung, war vor ein paar Wochen in Deutschland, wurde aber von keinem Regierungsmitglied offiziell empfangen.

Zöchbauer: Es war auch nur ein inoffizieller Besuch. Es gibt im deutschen Parlament den Tibet-Gesprächskreis, in dem Parlamentarier aller Parteien vertreten sind, außer der AfD und der Linkspartei, in dem wir uns regelmäßig treffen, um über die aktuelle Situation zu sprechen, es gibt Parlamentarier, die Statements abgeben zu Tibet, zum Beispiel am 10. März, dem Geburtstag des Panchen Lama, das sind starke Zeichen. 

Namling: Aber nicht genug. Das passiert jedes Jahr. Genau dort sind wir steckengeblieben. Ich sage immer: ›Ich wünschte, wir würden ertrinken, damit jemand kommt und uns hilft.‹ Jetzt sind wir fast am Ertrinken, aber wir ertrinken nicht. Wenn man heute hier auf der Straße 25-Jährige fragt, was in Tibet los ist, wissen sie es nicht. Der Einfluss Chinas auf die Medien ist hier so stark, dass Tibet kaum noch erwähnt wird.  

Ist es eigentlich ein Problem für die politische Tibet-Bewegung, dass Tibet so stark mit Religion assoziiert wird, vieles esoterisch verwurstet wurde und die meisten bei Tibet vor allem an buddhistische Zentren denken?

Namling: Es ist ein großes Hindernis. Da ist zum einen die naive Hoffnung der Tibeter: Wir denken, nur weil irgendwo tibetische Gebetsfahnen hängen, dass dort schon jemand auf unserer Seite ist. Ich sage vielen Leuten, die tibetischen Buddhismus praktizieren: Der Grund, warum du das tun und in großer Ruhe und Glückseligkeit dasitzen kannst, ist, dass die Tibeter den Buddhismus über 1.500 Jahre unter sehr harten Lebensbedingungen aufrecht erhalten haben. Der Dalai Lama kam nicht in den Westen, um den Buddhismus zu verbreiten, damit die Leute hier auf einem Kissen sitzen und sich gut fühlen können, sondern um um Hilfe für das tibetische Volk zu bitten. Aber in wie vielen buddhistischen Zentren wird wirklich über Tibet gesprochen? Oft wird dann gesagt: ›Wir sind nicht politisch‹, aber bei der Tibetfrage geht es nicht um Tagespolitik, sondern um kulturellen Genozid, und wenn du ein echter praktizierender Buddhist bist, dann solltest du dagegen kämpfen. Ich werde als tibetischer Künstler oft von buddhistischen Zentren eingeladen. Weißt du, was ich dort oft zu hören bekommen, weil sie wissen, dass ich auch ein politischer Aktivist bin? ›Loten, bitte sag nichts Schlechtes über China, weil unser Lama bald nach China reisen muss.‹ Es gibt Tausende von buddhistischen Zentren. Kommt raus und helft uns!

Zöchbauer: Ich glaube, das wird sich nochmal zuspitzen, wenn es um die Reinkarnation des Dalai Lama geht. Wir versuchen auch jetzt schon, den buddhistischen Zentren klar zu machen, dass Buddhismus ohne Politik nicht mehr möglich ist, weil es früher oder später an einen Punkt kommt, an dem es sehr politisch wird. Und am Ende ist dann vom ursprünglichen tibetischen Buddhismus nichts mehr übrig, sondern es wird zu einer Lebensphilosophie, die in den Westen getragen und so angepasst wurde, dass es hier für den Menschen passt. Aber man hat zugelassen, dass der Ursprung komplett zerstört wurde. Wenn wir uns die Kolonialgeschichte anschauen, dann müssten wir eigentlich wissen, dass eine einmal ausgelöschte Kultur kaum mehr wiederhergestellt werden kann. Leider fehlt dafür bei ganz vielen buddhistischen Zentren das Verständnis.

Namling: Die Aussagen von Seiner Heiligkeit werden oft missbraucht. Es heißt dann immer, er sei für den Weltfrieden. Aber er kam hierher, um um Hilfe zu bitten. Als ich einmal in Bonn für ihn sang, hat er mir gesagt: ›Loten, mein Kampf für Tibet war nicht erfolgreich.‹ 

Zöchbauer: Er hat in den letzten zehn Jahren auch in so vielen Ländern aufgrund des chinesischen Drucks kein Visum mehr bekommen, auch in vielen buddhistischen Ländern.

Namling: Das ist der große Nachteil, wenn man ein tibetischer Freiheitskämpfer ist, dass wir der Welt immer zeigen müssen, dass wir ›gut‹ sind. Ich bin aufgewachsen mit dem Druck, ›du musst gut sein‹. Den tibetischen Kindern, die das heute noch zu hören kriegen, sage ich immer: ›Nein, ihr müsst nicht gut sein, ihr seid es schon.‹ Warum müssen wir der Welt zeigen, dass wir gut sind? Diese Haltung zerstört unsere Bewegung, wir haben etwas wofür wir kämpfen, und dieses Feuer der jungen Tibeter darf nicht erlöschen. 

Der Kampf um das Überleben der tibetischen Kultur aus der Perspektive zweier Generationen von Exiltibeter:innen: Tenzyn Zöchbauer, Geschäftsführerin der Tibet-Initiative Deutschland, und dem Musiker Loten Namling in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ihr seid beide noch nie in Tibet gewesen. Was ist dieser Ort für euch? 

Zöchbauer: Für mich ist Tibet das Heimatland meiner Mutter und somit auch mein Heimatland. Ich glaube, dass dadurch, dass ich noch nie dort war, die Verbindung fast noch ein Stück stärker ist. Die Kommunistische Partei hofft, dass die Leute draußen im Exil das Land irgendwann vergessen. Aber ich glaube, bei vielen Tibeter:innen ist das Gegenteil der Fall, weil man sich nach dieser Verwurzelung sehnt, der Möglichkeit, einmal das Gefühl zu haben: Hier komme ich her, das ist der Ort meiner Vorfahren, für den meine Großmutter, meine Mutter und jetzt ich uns so eingesetzt haben. Ich persönlich habe sehr große Hoffnung, dass ich irgendwann mal zurückgehen kann. Ich habe dabei auch meine Großmutter im Kopf, die damals geflüchtet ist und bis zum Schluss geglaubt hat, dass sie bald wieder zurück nach Hause gehen könnte. 

Namling: Als ich ein kleiner Junge war, haben meine Mutter und mein Vater jeden Abend mit mir gebetet. Ein Gebet schloss mit dem Satz: ›Möge ich in Tibet sterben.‹ Das bete ich auch, jeden Tag. Mein Sohn und meine Tochter wollten vor einigen Jahren nach Tibet reisen. Die chinesische Botschaft erfuhr, dass sie die Kinder von Loten Namling sind, und sie wurden gestoppt. Mein Tibetbild ist stark geprägt von den Geschichten meiner Eltern und den Filmen, die ich gesehen habe. Natürlich ist die Realität dort jetzt eine andere. Aber es ist immer noch unser Land, es ist meine Heimat, und deshalb ist es auch die Heimat für meine Kinder und deren Kinder. Dort in Frieden zu leben, mit unserer eigenen Sprache, ohne dass mir jemand sagt, wie ich leben soll, ohne dass die Menschen wie hier im Westen denken ›oh, was für ein exotischer Mann‹, wenn ich in meiner Chuba rumlaufe … das bleibt meine Sehnsucht. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com