Der Begriff ›Neue Musik‹, den Paul Bekker vor 1920 einführte, ist hier nonchalant benutzt, ohne Anspruch auf wissenschaftliche oder historische Genauigkeit. Es ist damit jener Musikstil gemeint, der sich in der Nachfolge der spätromantischen Sinfonik etabliert hat, als die immer weiter ausgedehnte Harmonik ihre Fesseln sprengte, als die Metrik sich immer weiter auflöste und Taktstriche schließlich oft nur noch zur Orientierung der Ausführenden dienten.
Bis zu einem gewissen Zeitpunkt, vielleicht bis Strauss oder Rachmaninow, war es für die Instrumentalisten zum Verständnis ihrer Musik nicht notwendig, die künstlerischen Gedankengänge der avancierten Komponisten nachzuvollziehen. Schon bei Bach gab es Unverständnis, bei Beethoven erst recht, doch trotz aller Kühnheit blieb die Tonsprache noch in Umrissen vertraut. Erst nachdem Schönberg und später Boulez mit ihren harmonisch ent- und seriell ge-fesselten Produktionen aufwarteten, beschränkte sich der Kreis der Musikerinnen und Musiker, die ihnen aufmerksam und vielleicht gern folgten, nach und nach auf solche, die bereit waren, sich mit theoretischen Überlegungen auseinanderzusetzen, die über den traditionellen Tonsatz hinausgingen. Wer das nicht wollte, wurde von Boulez, Zimmermann, Stockhausen oder Lachenmann und selbst dem wohlklingenden Hans Werner Henze abgehängt.

