2002 lernte ich bei einem Workshop am Steinhuder Meer Sebastian Brendel kennen: Anfang 20, leicht chaotisches rotes Haar. Sebastian befand sich kurz vor seinem Studium – und sang einen mehr als respektablen Bariton. Wir machten ganze Nächte durch, indem wir Schumanns Dichterliebe vom Blatt durchnudelten. Denn in den Räumlichkeiten des kirchlichen Trägers stand auch ein Flügel herum. Mücken umkreisten unsere Ohren. Es war Sommer. Wir waren jung und tranken Rotwein. 2013 traf ich Sebastian bei dem Examenskonzert eines gemeinsamen Freundes in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zufällig wieder. Seit 2013 ist Sebastian als Kirchenmusiker für die Region Berlin-Schöneberg-Mitte verantwortlich. Er leitet den Neuen Chor Alt-Schöneberg, den Chor zum Heilsbronnen und das Schöneberger Kammerchorprojekt. Außerdem ist er Dirigent des Kirchenkreisorchesters Schöneberg.

Bei dem Konzert 2013 erkannte ich ihn nicht, aber er sprach mich an, denn er wusste, dass meine große Schwester zugegen war. »Bist du Arno Lücker?« – fragte mich also ein Mensch mit Blindenstock. Auf die Wiederbegegnung nach elf Jahren folgten einige weitere Treffen – und zunächst viele Fragen meinerseits. Jetzt habe ich mich mit Sebastian in einem indischen Restaurant in Berlin-Steglitz verabredet. Er erzählt von dem Kantor seiner einstigen Gemeinde im südniedersächsischen Rinteln, wo er aufgewachsen ist: »In der Kirche habe ich früher immer hinten unter der Empore gesessen. Ich fand das immer wahnsinnig toll. Dieses Singen zur Liturgie.« 

VAN: Dich hat also die Gesamtheit des kirchenmusikalischen Erlebnisses interessiert? Der krasse Klang der Orgel war mehr als das verstimmte Klavier Zuhause…

Sebastian Brendel: Wir hatten ein ganz billiges Klavier. Das hatten meine Eltern eigentlich für meinen Bruder gekauft. Die Orgel fand ich faszinierender. Vor allem diese Gesamtkonstruktion. Dieses Ritualhafte.

Aber hatte das auch mit dem Glauben an Gott zu tun?

Danach kam das. Natürlich gab es schon eine gewisse Volkstümlichkeit. Meine Oma hat am Bett mit mir gebetet. Aber ich kann nicht sagen, dass ich aus so einem megafrommen Haushalt komme.

Du hast erzählt, dass du mit Akkordeon angefangen hast. Dann bist du zum Klavier übergegangen. Musstest du dann – nach den schönen Erlebnissen mit dem Rintelner Kantor – den Übergang vom Klavier zur Orgel vor deiner Mutter rechtfertigen?

Nein, denn mein Klavierlehrer war eben der besagte Kantor. Und der hat dann gesagt: ›So, ab nächste Woche dann Orgel!‹ Wahrscheinlich hatte er meiner Mutter das schon vorher verklickert. Und das war toll! Du bekommst einen Schlüssel für die Kirche und kannst da nachts rein! Diese Orgel als ›Maschine‹ zu bedienen, ohne das schon wirklich zu können … Das war der Wahnsinn. Als ich 13 Jahre alt war, also ungefähr 1994, wurde diese Orgel in Rinteln komplett renoviert. Ich war also dabei, wie quasi eine neue Orgel entstand und habe die Orgelbauer wahrscheinlich jeden Tag zu Tode genervt. Ich stand denen ständig auf den Füßen …

Die St.-Nicolai-Kirche in Rinteln • Foto: BeckstetCC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Und wie kamst du zum Singen? 

Der Kantor in Rinteln hat gesagt: ›Jeder, der bei mir Orgelunterricht hat, muss auch bei mir im Chor singen.‹ Das war eine tolle Zeit. Von den Jungs, mit denen ich da gesungen habe, haben drei Leute ihre A-Orgelprüfung gemacht. Und noch viel mehr Leute ihre C-Prüfung …

Gibt es diesen Kantor noch?

Den gibt es noch, aber der ist inzwischen im Ruhestand.

Hast du Kontakt zu ihm?

Ja, er ist ein guter Freund.

Krass, wie jemand in einer doch recht kleinen Stadt mit knapp 25.000 Einwohner:innen quasi eine ganze musikalische Generation prägen kann …

Ja, absolut. Insgesamt haben zehn Schüler von ihm ihre A-Prüfung absolviert. Das ist eine erstaunliche Quote.

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Hattet ihr denn auch eine gute Orgel?

Nach der Sanierung, ja! Das Instrument in der St.-Nikolai-Kirche in Rinteln ist von Rudolf Janke. Das war einer von denen, die nicht mehr so die neobarocke Philosophie hatten. Technisch super, toll intoniert! Barocke Orgel. Stilkopie natürlich, aber mit Original-Pfeifen von 1621.

Zurück zum Singen …

Das begann in dem Oratorienchor der Gemeinde mit weit über 100 Leuten.

Und dem Singen zu allen Festen im Kirchenjahr …

Genau. Jedes Jahr auch zwei große Werke. Beethovens Missa solemnis zum Beispiel oder Bruckners f-Moll-Messe, die Weihnachtshistorie von Schütz und auch vieles aus dem 20. Jahrhundert. Das war großartig für mich. Ich finde, dass der Beruf des Kantors einer der schönsten musikalischen Berufe überhaupt ist. Du kannst alles machen: komponieren, arrangieren, organisieren, selber spielen…

Aber wie kam es dann zur Aufnahmeprüfung in Gesang?

Ich habe erst einmal meinen Zivildienst in der ambulanten Altenpflege gemacht. Morgens immer um 7 Uhr mit dem Auto bei den Patientinnen und Patienten sein. Die Aufnahmeprüfung war kein Problem. Nachdem ich Zusagen in Hamburg und Hannover hatte, habe ich aufgehört, Aufnahmeprüfungen zu machen und mich dann für die Musikhochschule Hannover entschieden.

Warum Hannover?

Weil ich Operngesang bei der großartigen Carol Richardson studieren wollte. Die hatte auch schon signalisiert, dass sie Interesse an mir hat. Dann habe ich erst einmal nur zwei Semester Kirchenmusik studiert und bin dann zum Operngesang gewechselt. Eigentlich wollte ich parallel studieren. Aber ich Depp habe das offiziell beantragt. Das war ein großer Fehler. Denn das ging nicht. ›Kostet zu viel Geld!‹ Hätte ich es einfach gemacht, dann hätte das niemand gemerkt. So war es dann viel teurer für alle Beteiligten! Also habe ich Kirchenmusik abgebrochen. Für das Studium bei Richardson bin ich dafür jeden Tag noch dankbar.

Und dann hast du bei Opernproduktionen als Bariton mitgesungen?

Richtig. Innerhalb der Hochschule, aber auch schon außerhalb.

Was für ein Typ Bariton warst du? Heldisch – oder doch ein Kavaliersbariton?

Kavaliersbariton. In Hannover hatte ich als Sänger mindestens jedes zweite Wochenende irgendwo eine Mugge.

Die Orgel der Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin Schöneberg, wo Sebastian Brendel als Kantor tätig ist • Foto: Wolfgang ReichCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bist du eigentlich komplett blind?

Ich habe eine fortschreitende Netzhautdegeneration: Retinitis pigmentosa. Die Zellen sterben ab. Übrigens sind es nur zehn Prozent der Sehbehinderten, die wirklich nichts, also nur dunkel sehen. Die meisten sehen irgendwas, hell, dunkel – das ist nicht so ›on oder off‹, wie man vielleicht denkt. Das ist viel differenzierter. 

Die Leute, die gar nichts sehen, haben entweder gar keine Augen oder eine schwere Augenverletzung. Meine Erkrankung ist die häufigste Augenerkrankung, die zur Blindheit führt. Das fängt mit Rot-Grün-Schwäche an. Ich weiß noch genau, wie das bei der Musterung war. Das kennst du vielleicht noch: dieser Rot-Grün-Sehtest mit diesen Bällen, wo man diese Zahlen erkennen muss …

Bei unserer Wiederbegegnung nach elf Jahren, damals 2013, hast du mir dann am Gleis am Bahnhof Zoologischer Garten erzählt, dass du die Lichter der einfahrenden S-Bahn wahrnimmst.

Richtig.

Kam die Krankheit überraschend?

Das ist eine Erbkrankheit, wobei das für mich schon überraschend kam. Das wurde seitens meiner Eltern nicht so richtig kommuniziert. Meine Eltern können sehen. Das ist eine rezessive Krankheit. Dieser Defekt ist auf dem X-Chromosom. Erst in meiner Enkel-Generation würde ich das mit einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent weitervererben. In meiner Familie haben die Krankheit sonst nur noch zwei Leute, aber in verschiedenen Ausprägungen.

Jetzt bist du ja immer noch Musiker. Aber hattest du damals eine Krise, als du wusstest, dass deine Sehkraft immer mehr schwindet?

Nein. Ganz unabhängig von der Rolle der Musik in meinem Leben … Ich habe deswegen nie geweint oder so. Weil ich vielleicht früh dachte: Wir sind ja alle limitiert, wir haben alle unsere Grenzen. Das menschliche Leben ist so fragmentiert an den Rändern … Über manches kommt man nicht hinweg. Bei dir gibt es wahrscheinlich auch Punkte, an denen du nicht weiterkommst.

Ja, klar.

Die Musik war einfach eine glückliche Wahl. Ich war ein ziemlich guter Blattspieler früher. Das hat mich oft sehr zum Pfuschen verleitet. Damit war dann Schluss. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich mit dem Kirchenmusik-Studium weitergemacht habe – das muss so 2009 gewesen sein – musste ich wirklich alles auswendig lernen.

Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Schöneberg • Foto BerlinspaziergangCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie kam es zu der  Entscheidung, sich doch wieder zur Kirchenmusik zurückzubesinnen?

Ich hatte immer schon große Lust, zu singen. Ich wusste dabei nie genau, ob ich an ein Opernhaus will. Das ist ja auch ein psychisch belastender Job.

Und schlecht bezahlt, wenn du nicht gerade ein Weltstar bist …

Schlecht bezahlt, genau! Gleichzeitig ist man so abhängig von seinem Körper. Wenn du ein bisschen erkältet bist, dann siehst du gleich die Welt untergehen. Mich hat bei den Produktionen, die ich gesungen habe, auch immer psychisch belastet, dass ich Heuschnupfen habe. Bei einer Produktion von Das schlaue Füchslein von Janáček habe ich den Landstreicher Háraschta gesungen. Am Ende wird das Füchslein ja erschossen. Ich sollte in der Inszenierung als Háraschta die Pistole dafür verlieren. Aber zum Erschießen musste ich sie ja wiederfinden. Also habe ich auf der Bühne danach gesucht. Und das geriet dann sehr authentisch! [lacht] Nein, du kannst auch als Blinder eine Opern-Karriere machen! Aber da musst du das dann wahrscheinlich als Unique Selling Point highlighten. Und darauf hatte ich einfach kein Bock.

Wie hat dann die Erkrankung deinen Zugang zur Musik verändert?

Ich glaube, ich habe viel dadurch gelernt. Ich fand es aber eigentlich immer klischeemäßig, wenn behinderte Musikerinnen und Musiker sagen: ›Ja, das gehört halt zu mir!‹ Ich bin mir sicher, dass ich Dinge über Musik begriffen habe, die ich sonst nie begriffen hätte, wenn ich nicht Musik ab diesem Zeitpunkt immer hätte auswendig lernen müssen. Es gab keinen anderen Weg. Ich muss heute die Chorproben in meiner Gemeinde auswendig leiten. Ich hätte auch wohl nie so gut hören gelernt, wie ich es jetzt vielleicht kann.

Als du dann 2013 nach Berlin gekommen bist, ist dein Netzwerk in Hannover doch erst einmal zusammengebrochen, oder?

Ja, total. Hier in Berlin kannte mich erst einmal niemand. Ich hatte aber dann hier diese Stelle – und deswegen musste ich auch nirgendwo Klinken putzen. Jetzt aktuell hätte ich aber gerade wieder mehr Bock auf Solo-Gesang! Ich singe ohnehin wieder mehr. Auch Schauspiel habe ich geliebt. Aber ein bisschen sicherheitsbedürftig war ich natürlich schon. Die Sklaverei am Opernhaus war allerdings keine Alternative.

Gab es diesen einen Punkt, an dem du dir im Studium eingestehen musstest, dass es Zeit ist, zu reagieren?

Ja, ich war mit dem Auto auf dem Weg zur Musikhochschule – und habe den Wagen gegen einen Poller gesetzt. Aber ich habe in Bezug auf die Musik nie diesen Druck als ›plötzlich‹ empfunden. Du wirst mit Musik ja ohnehin nie fertig! Man ›hat‹ ja nie alles! [lacht] Meine Hauptstrategie war einfach, alles auswendig zu lernen. Es gibt eine Noten-Brailleschrift. Aber meistens vergrößere ich auf meinem iPad die Noten einfach extrem. Die Hauptsache kommt übers Hören …

Du kannst also noch Noten lesen?

Ich muss die Partitur halt so vergrößern, dass auf dem großen Bildschirm zwei riesige Notenköpfe erscheinen.

Und du schiebst dann auf dem Touchscreen die Partitur hoch, um zum Beispiel zu sehen, welche Tonart vorliegt?

Genau. Das alles funktioniert mit der ›Bildschirm-Lupe‹.

Die ist doch bei Apple-Produkten eh vorinstalliert.

Ja. Früher gab es noch ein Windows-Programm für Seheingeschränkte. Aber das war sündhaft teuer.

»Das Suchen nach der Pistole ist mir sehr authentisch gelungen!« Klick um zu Tweeten

Wird so etwas dann nicht von der Krankenkasse bezahlt?

Ja, schon. Aber die Software allein kostet schon etwa 1.500 Euro – von dem Geld kannst du dir dann auch gleich Apple-Produkte kaufen. Die sind einfach besser.

Weil ich weiß, dass du dir E-Mails vom Computer vorlesen lässt, schreibe ich übrigens nie – obwohl ich dazu neige – Smileys in die E-Mails an dich hinein. Damit der Computer dir nicht vorliest: ›Doppelpunkt, Bindestrich, runde Klammer zu.‹

Die Smileys liest er als Smileys vor! Auch Emojis werden korrekt vorgelesen!

›Betende Hände‹.

›Verrücktes Katzengesicht‹. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.