Nigel Short sitzt in seiner Küche. Er hatte irgendwie ein Video-Interview erwartet und sich ein Hemd angezogen. Ich erreiche ihn zuhause, in der Nähe von Cambridge. Dort singen seine Kinder in berühmten Chören. Mit seinem eigenen Chor, Tenebrae, geht er bald auf Tour, um Europa Händels Messias wieder einmal näher zu bringen. Das Dirigieren gelernt hat Short nicht, denn eigentlich war er Sänger. Als das aber überhaupt nicht mehr klappen wollte, ist er spontan umgestiegen. Mit Erfolg. Tenebrae haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten – und waren sogar für einen Grammy nominiert.

Foto © Chris O’Donovan

VAN: Sie kommen mit Ihrem Chor Tenebrae bald für ein Konzert in die Hamburger Elbphilharmonie. Sie führen Händels Messiah auf. Das ist einer dieser Schlager, die zu Weihnachten hoch und runter gespielt werden. Hierzulande gibt es viel Kritik an den immergleichen Spielplänen mit den immergleichen Ewigkeitswerken. Wie sehen Sie das?

Nigel Short: Wir lieben den Messiah. Gäbe es kein Publikum und kein Verlangen nach diesem Werk, würden wir es nicht aufführen. Der Messias ist ein ausdauernder Favorit auf der ganzen Welt, vor allem im Advent. Er ist in die Psyche Englands hineingekrochen, hunderte Chöre führen ihn zu Weihnachten auf. Menschen auf der Straße, die in ihrem Leben keinen Ton klassische Musik gehört haben, erkennen den Halleluja-Chor, wenn man ihn ihnen ›bam bambam bam‹ vorsingt. Als ich noch bei den King’s Singers gesungen habe, habe ich keine großen Oratorien aufgeführt, dazu waren wir zu wenige Sänger. Und ich muss sagen, dass ich den Messias vermisst habe. Für mich gehört er zum Advent wie ein Truthahn oder Christmas Pudding. Ich glaube, in Deutschland besetzt diesen Platz das Weihnachtsoratorium von Bach.

Sie waren bei den King’s Singers als Countertenor sehr erfolgreich. Warum haben Sie das Singen drangegeben und als Dirigent weitergemacht?

Ich konnte einfach nicht mehr singen.

Wirklich?

Mit sieben Jahren hatte ich bei uns im Kirchenchor mit dem Singen angefangen. Es gab fünf Gottesdienste pro Woche, also sangen wir auch so oft. Ich habe am Royal College of Music studiert. Dann habe ich im Chor von Westminster Abbey gesungen, dort sangen wir auch an sechs Tagen pro Woche. Und danach kamen dann irgendwann die King’s Singers, ein toller Chor, ja. Aber als ich Anfang 30 war, fühlte ich mich emotional leer, ausgezehrt, auch mental. Ich bin jeden Tag aufgewacht und habe als erstes an meine Stimme denken müssen: Wie gut oder schlecht ist sie heute?

Sie waren gestresst.

Wenn man den Willen zu singen verliert, ist es halt schwierig, mit dem Singen weiterzumachen. Ich bekam auch plötzlich Lampenfieber. In den Proben ging es mir immer gut, aber sobald es aufs Konzert zuging, machte mein Körper zu. Es war nicht auszuhalten. Also habe ich komplett mit dem Singen aufgehört. Habe die King’s Singers verlassen und wusste nicht mehr weiter. Nach einem Jahr half ich mit bei der Organisation eines Weihnachtskonzerts. Ich trommelte einige Freunde zusammen, dirigierte und wir nannten uns halt Tenebrae. Und nun sind 20 Jahre vergangen und ich mache das immer noch.

Tenebrae ist ein seltsamer Name. Er bezeichnet eigentlich eine Trauermette, die vor Ostern stattfindet.

Genau, da gibt es die berühmten Tenebrae-Responsorien, die für diese speziellen Gottesdienste geschrieben worden sind. Viele Komponisten haben diese Responsorien vertont. Aber die buchstäbliche Übersetzung von Tenebrae ist ›Schatten‹. Deshalb treten wir, wo es geht, nur zu Kerzenlicht auf. Diese Atmosphäre ist gut für die Musik, für uns, und für die Zuhörer.

In der Elbphilharmonie erlaubt man Ihnen sicher keine Kerzen? Der Saal war ja sehr teuer.

Die meisten modernen Säle sind gut ausgestattet, um ein Feuer mit Wasser ausgießen zu können. Besser jedenfalls als die mittelalterlichen Kathedralen, in denen wir zu Kerzenlicht singen dürfen.

Foto © Sim Canetty-Clarke

Sie haben es sich zur Aufgabe, ja zum Motto gemacht, mit Präzision und Leidenschaft zu singen. Das klingt nach einer Hochzeit aus Romantik und historischer Aufführungspraxis.

Diese Idee kommt von meiner Erfahrung als Sänger. Bei den King’s Singers habe ich ein Level an Präzision gehört, das mir völlig neu war. Aber wir waren auch nur sechs Sänger. Die Frage war: Kann ich bei Tenebrae, einem Chor der dreimal größer ist, dasselbe Präzisionsniveau erreichen? Und natürlich wollen wir auch mit Leidenschaft singen, das ist klar. Allerdings habe ich auch schon daran gedacht, dass unser claim ›Precision and passion‹ auch toll zu einem Schweizer Uhrenhersteller passen würde…

Lassen Sie sich sponsorn?

Schön wär’s!

Der Präzisionsgedanke hat also nichts mit historischer Korrektheit zu tun?

Mit Tenebrae singen wir Musik aus 1.000 Jahren, vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Präzisionsgedanke gilt für jede Musik, die Leidenschaft auch.

Für Chöre gibt es in England keine staatliche Förderung. Wie schwierig ist das Überleben?

Ah, kommen Sie mir nicht damit. Das deutsche System ist so viel fairer und freundlicher. Professionelle Sänger haben in England kaum Chancen zu überleben, und wenn, dann nur als Selbstständige. Man kann versuchen, sein Ensemble als Wohlfahrtsorganisation registrieren zu lassen, aber das ist echt hart und die Töpfe sind stark umkämpft. Ein Chorsänger hat im Vereinigten Königreich kaum finanzielle Sicherheit. Es ist wirklich ein Kampf jeder gegen jeden.

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Tenebrae wurde also ziemlich plötzlich gegründet und Sie hatten keine Erfahrung als Dirigent. Warum genau hat diese Verwandlung eigentlich geklappt?

Ich habe meine Liebe in das Dirigieren geschüttet anstatt ins Singen. Für mich war das so viel gesünder. Ich stehe mit dem Rücken zum Publikum, ich arbeite mit den Sängern, ich bin fokussiert. Manchmal werde ich immer noch nervös. Ich bin voller Bewunderung für meine Sänger, die einfach liefern. Erst haben sie ein Solo, dann verschwinden sie wieder im Chorklang. Davor ziehe ich meinen Hut.

Hatten Sie denn irgendeine Dirigierausbildung?

Nein, aber ich habe Recherchen betrieben. Wenn ich heute mit Orchestern arbeite, spreche ich vorher mit den Musikern. Die sagen mir: ›Mach es so und so, sprich dies so und so an.‹ Ich mache das, weil ich niemals vor einem Orchester stehen will und so tun muss, als wäre ich ein erfahrener Orchesterdirigent. Ich weiß, was ich will, und ich habe Mitarbeiter, die mir helfen, auch von einem Orchester zu bekommen, was ich mir vorstelle. Würde ich schauspielern, würde mich das Orchester sehr schnell auffliegen lassen. Aber wenn die meinen Chor hören und meine Musikalität akzeptieren, klappt es.

Es gibt bekannte Dirigenten, die behaupten, einen Chor und ein Orchester zu dirigieren, das sei im Prinzip die gleiche Sache.

Es gibt massivste Unterschiede. Das sind völlig verschiedene Fähigkeiten, die man da haben muss. Orchesterdirigenten stehen manchmal vor Chören und kriegen nicht so viel aus den Sängern raus, wie eigentlich ginge. Ich kriege es schon hin, weil ich Sänger war und mit den besten Chören zusammenarbeite. Orchesterdirigenten sagen oft zu Chören: ›Ich will mehr Text von euch!‹ Die Sänger rollen dann mit den Augen, denn das fragt wirklich jeder Orchesterdirigent. Diese Dirigenten wissen nicht, wie man einen schönen Chorklang erreicht, wissen nichts von der physischen Seite des Singens, wissen nicht, was es bedeutet, in einem Ensemble zu singen, das ein paar Meter hinter dem Orchester steht. Ich verehre Orchesterdirigenten sonst, die sprengen mein Hirn, ihre Aufgabe ist so komplex. Andererseits mache ich dasselbe – aber mit einem Chor.

Gibt es einen speziellen englischen Chorklang?

Ein Funken Wahrheit ist da dran. Das kommt daher, dass die meisten von uns in Kirchenchören groß geworden sind. Dort wird eine Klarheit und Reinheit gepflegt. Tenebrae besitzt diese Reinheit auch, es ist aber nur eine Farbe unter vielen.

Es gibt eine Aufnahme von Ihnen, da singt Ihr Chor den Choral Wenn ich einmal soll scheiden aus der Matthäuspassion. So habe ich ihn in Deutschland noch nirgendwo gehört. Ich kann den Klang nur als körperlos beschreiben, als extrem zurückgezogen, schüchtern und minimal. Ohne jedwedes Drama.

Für dieses Album haben wir Bach-Choräle einstudiert und sie immer wieder mit Teilen der Chaconne unterbrochen. Die geigt ja ein Solo-Geiger. Wenn sie dann von diesem Geiger wieder in einen Choral wechseln, können sie da nicht loslegen, das passt sonst nicht zusammen. Wir haben uns… beherrscht, würde ich sagen. Ich wollte es ganz einfach. Führten wir eine ganze Matthäuspassion auf, sängen wir diesen Choral anders.

Ein weiteres Merkmal englischer Chöre sind männliche Altstimmen. Wie konnten die in England so lange überleben?

Alles kommt bei uns aus den Kirchen- und Kathedralchören. Wir haben eine Unmenge davon. Und dort durften eben keine Frauen singen. Nun, irgendwer musste die Altstimmen ja aber übernehmen. Dafür gab es dann männliche Altisten, den Altus, sogenannte Countertenöre. Für mich als Countertenor war diese Tradition prima, sie hat mir Geld eingebracht. Mittlerweile erlauben viele Kathedralchöre aber Frauen in ihren Reihen, also wird diese Altus-Tradition in den nächsten Jahrzehnten verschwinden. Bei Tenebrae haben wir weibliche Altstimmen. Wenn ich Brahms und so singen lasse, dann möchte ich dabei keine Countertenöre hören, nicht mal gute. Wenn Tallis oder Byrd gesungen wird, dann ja klar, her mit ihnen.

Musik spielt eine große Rolle in der britischen Monarchie. Im Frühjahr gab es wieder einen Anlass, nämlich die Beerdigung von Prinz Philip…

Verrückt, aber ich habe die gar nicht gesehen.

Da gab es auch einen kleinen Chor in Windsor Castle, mit einem männlichen Alt.

Drei der Sänger in diesem kleinen Ensemble – es war ja Corona und der eigentliche Chor durfte nicht ran – singen auch bei Tenebrae! Der Countertenor, der Bass, der Tenor. Die Musik ist mit der Nation verbunden, aber mehr noch mit der Kirche. Viele der Stücke, die für royale Beerdigungen oder Hochzeiten komponiert wurden, sind sehr populär geworden. Das war aber in anderen europäischen Monarchien nicht anders.

Es gibt aber Lieder, Sie nennen sie Hymnen in England, die religiöse und staatstragende Sprache sehr wirkungsvoll vermischen. Zum Beispiel Jerusalem oder I vow to thee my country.

Die sind halt einfach patriotisch.

Ja, aber sowas gibt es in Deutschland beispielsweise überhaupt nicht.

Alle Briten können diese Hymnen auswendig, weil sie auch Teil der Schulbildung waren. Als ich zur Schule ging, haben wir jeden Morgen eine gesungen. Heute nimmt das ab, weil man mit den christlichen Inhalten nicht verschrecken will. Auch wenn ich nicht in einem Kirchenchor gesungen hätte, hätte ich die Hymnen in der Schule gelernt. Einige von Ihnen rühren – warum auch immer – an der Seele der Engländer. Jerusalem zum Beispiel. Ich finde das ja eigentlich bizarr. Viele Leute würden erklären, dass sie genau diese Hymne lieben. Das müssen auch keine Christen sein. Fragte man sie: Worum geht’s in Jerusalem?, würden sie antworten: um England.

Dabei ist Jerusalem textmäßig recht kompliziert.

Ja, eben.

Also sind Sie kein Fan des Jerusalem-Komponisten, Hubert Parry?

Oh Gott, doch, na klar! Wir haben seine Songs of Farewell aufgenommen. Die gehören zur besten englischen Chormusik der letzten 200 Jahre. Ich würde nicht eine Note ändern!

Welche Rolle spielt Georg Friedrich Händel in diesem ganzen Musik-Nation-Zusammenhang? Er war Deutscher, stieg aber in England zum Darling der Nation auf.

Er war ein Superstar. Das Messias-Oratorium wurde zunächst nicht so gut aufgenommen, weil es in weltlichen Theatern aufgeführt wurde anstatt in einer Kirche. Das hat verwirrt. Es hat aber vor der Geschichte bestanden. Händel ist ein Triumph Englands in Sachen klassischer Musik. Das ist mit ihm genauso wie mit den Hymnen von Hubert Parry: Seine Musik ist in die Psyche Englands eingedrungen. Die Leute hören sie jedes Jahr im Advent. Wenn es Januar wird und ich noch keinen Ton Händel gehört habe, werde ich leicht depressiv.

Macht es noch Spaß, den Halleluja-Chor zu dirigieren?

Als Dirigent habe ich dafür zu sorgen, dass niemand auf Autopilot arbeitet. Wir sprachen von Präzision und Leidenschaft. Präzision heißt, du schraubst das Stück zusammen wie ein Auto. Alles muss funktionieren. Aber am Abend musst du ab einer bestimmten Stelle auch loslassen. Dort steht das Tor zur Leidenschaft. So ist es mit dem Halleluja-Chor ebenfalls. Ich versuche, den Chor zu einer Interpretation zu inspirieren. Ich kann nicht einfach sagen: ›So, wir haben hier einen Vierertakt und ihr startet auf dem ersten Schlag.‹ Manche Dirigenten schreiben die Partitur mit Markierungen voll und machen es jeden Abend gleich. Das kann ich nicht, das wäre so, als würde ich ein Buch zum dritten Mal lesen.

Ist aber auch ein Risiko.

Es ist doch toll, wenn Spontaneität herrscht – das Stück könnte in die eine Richtung gehen oder in die andere. So zieht man das Publikum rein. Man muss diszipliniert sein, aber nicht so diszipliniert, dass man nichts anderes mehr tun kann. Dann wird es langweilig. Wir lösen die Musik aus den Noten heraus, stellen sie in den Saal und zielen auf die Herzen der Zuhörer.

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Ist die Queen als LIebhaberin klassischer Musik bekannt?

Kann ich Ihnen nicht sagen, glaube es aber nicht. Ich vermute stark, dass sie auch kein Aficionado irgendwelcher Pop-Gruppen ist.

Haben Sie mal God save the Queen dirigiert?

…(denkt)…

Eine eher gelungene Nationalhymne.

Ich muss die mal dirigiert haben, denn ich war musikalischer Direktor von St Bartholomy-the-Great in London. Ehrlich gesagt – die braucht keinen Dirigenten. Auf einem Fußballfeld, wenn Blechbläser sie spielen, dann vielleicht schon. Aber in einer Kirche, da legt der Organist los, dadadadaaaadada, God save… Also nein, ich kann nicht behaupten, sie dirigiert zu haben, aber ich stand sicher schon vor Menschenmengen, die sie gesungen haben. ¶

Christina Rietz

... arbeitet als Redakteurin bei der Religionsbeilage der ZEIT, Christ & Welt. Ausgebildet wurde sie an der Henri-Nannen-Schule. Falls es mit dem Geigenspiel nicht klappt, möchte sie auf Oboe umsteigen.