Den Montag begann ich mit der Lektüre des FAZ-Feuilletons. Der Schriftsteller und Kolumnist Hans Zippert macht sich Gedanken über die (schwierigen) Optionen auf Autoren-Nachruhm. Der Hanser-Verleger Jo Lendle »pfeift auf KI«, lese ich, es ist aber mehr ein Pfeifen im Wald, dass er glauben will, dass gute Bücher unbedingt von »dahinterstehenden Menschen«, nicht aber von einer Rechenmaschine geschrieben werden. Und darüber die Glosse von Paul Ingendaay, der einer Meldung des ›Münchner Merkur‹ nachgeht, der zufolge das Schallarchiv des Bayerischen Rundfunks 175.000 CDs aussortiert und Frau Eva Demmelhuber, eine frühere Mitarbeiterin des Senders, der es »stinkt, wie der BR mit seiner Historie umgeht«, sich des Bestands annehmen und ihn vor der Müllkippe bewahren will. Frau Demmelhuber ist die Heldin dieses Textes, in dem es um die Bewahrung von Kulturgut geht: »Das Trägermedium Scheibe ist von einer Plastikhülle umgeben, die oft ein Booklet enthält, das seinerseits genauere Angaben zu den Musikern und dem Aufnahmeort liefert sowie gegebenenfalls Texte, Essays und Fotos – wertvolles historisches Material, aus dem spätere Wesen einmal schließen können, wie wir Menschen so waren und was wir schön fanden.«
Nun sympathisiere ich einerseits mit der schön melancholischen Geste, das Aufheben von Booklets zur Menschheitsfrage aufzuziehen. Aber gehörte nicht, es ist nicht ewig her, das klapprige Plastikgehäuse, beschönigend jewel case genannt, das nicht gut altert und einen seelenlosen Datenträger CD umschließt, zu den von den Freunden des Vinyls, von sleeve art und schriftgrößenmäßig noch lesbaren liner notes ebenso beklagten Kulturverlusten? Ingendaay lobt mit Recht das Misstrauen gegen eine von der Digitalisierung getriebene Entkörperlichung von Kulturgütern, und auf den Himmel voller Clouds ist im Zweifel kein Verlass. Die ganze Musik ist ja ein flüchtiges Ding; was, wenn eine Katastrophe sie mit einem auslöschen könnte?
Nun lehrt die Archäologie der Medien von der Schnurkeramik bis heute, wie ja vieles doch bleibt: Leute sammeln ihre Schelllackschätze, Vinyl ist wieder da und scheint gar die CD zu überleben. Und natürlich ist in der digitalen Welt auf Booklets keinesfalls zu verzichten, da könnte das Beste überhaupt erst vor uns liegen, mal sehen. Trotzdem bedeutet die Digitalisierung tatsächlich etwas fundamental anderes, denn was weg ist, das ist womöglich wirklich weg. Und nicht nur zeitweise, wenn die Ströme im www einmal ausfallen. Die Furie des Verschwindens wäre unbarmherziger denn je.
Insofern ist die Tat der Frau Demmelhuber zwar ein bisschen eine Donquijoterie, geschieht ihre Verehrung in der ›FAZ‹ aber auch nicht ohne Grund. Ins Grübeln könnte man aber angesichts dieses Themen-Mix kommen, mit dem das Feuilleton die Woche begann: Ein Autor, der sich um sein Stück Unsterblichkeit sorgt; ein Verleger, der den Geist nur wehen sehen will, wo die KI nicht ist, die Bergung von CD-Hüllen, die eine öffentlich-rechtliche Anstalt nicht mehr archivieren möchte. Dahinter und allen Artikeln gemeinsam die bange Frage, was bleibt, klägliches Puzzeln an und in Hinterlassenschaften. Zuletzt wollten gleich zweimal Kollegen mit mir wetten, wie lange es noch eine gedruckte Ausgabe der ›Zeitung für Deutschland‹ geben wird. Was werden spätere Wesen, sollten sie auf erhaltene Altpapierberge stoßen, daraus schließen, wie wir Menschen so waren und was wir schön fanden? ¶

