Ein Gespräch mit Brian Brandt, dem Gründer von Mode Records

Text · Datum 12.7.2017

Streaming ist zuletzt immer wieder als die ultimative Lösung für die Musikindustrie bezeichnet worden. Brian Brandt sieht es genau umgekehrt. Für den Gründer von Mode Records, dem legendären Neue-Musik-Label aus New York, sind die Streaming-Angebote von Spotify & Co in ihrer derzeitigen Form das große Problem. Wie so viele Independent Labels kämpft er gegen die schleichende Entwertung von Musikaufnahmen, die die Existenzgrundlage einer ganzen Branche ernsthaft gefährdet.

Gerade ist Brian Brandt anlässlich der neuesten Mode-Veröffentlichung Modern Lied mit Sarah Maria Sun in Deutschland. Sebastian Solte, selbst Gründer des Labels bastille musique, traf ihn im Funkhaus-Café am Kölner Wallrafplatz zu einem Gespräch.

Wie kam es zur Gründung von Mode Records?

Ich hatte eigentlich nie den Plan, ein Label zu gründen, sondern war einfach ein leidenschaftlicher Plattensammler. Ich hatte eine riesige Sammlung von knapp 10.000 Schallplatten.

Welche Genres?

Ich komme ursprünglich von einem Rock-Hintergrund, war dann sehr an Progressive Rock interessiert und habe Interviews mit diesen Musikern gelesen, die darin über Strawinski, Stockhausen oder Cage sprachen. Also habe ich mir auch mal Platten dieser Komponisten angehört. Manche mochte ich auf Anhieb, andere verstand ich überhaupt nicht. Als echter Sammler habe ich sie mir trotzdem gekauft und dann manchmal erst nach einigen Jahren richtig entdeckt. Plötzlich gefällt dir so was dann und ergibt Sinn. So war das damals …

›John, ich wäre dann soweit.‹ Das erste Release von Mode Records mit einem von John Cage gezeichneten Cover, erschienen als Vinyl (1984).
›John, ich wäre dann soweit.‹ Das erste Release von Mode Records mit einem von John Cage gezeichneten Cover, erschienen als Vinyl (1984).

Noch bevor es CDs gab…

Ja, damals gab es noch keine richtigen CDs. Ich lebte in New York und bin jede Woche in Konzerte gegangen. John Cage ging auch in viele Konzerte, er fiel mir da auf. Als er einmal in einer Pause allein saß, nutzte ich die Gelegenheit und fragte ihn, wann neue Aufnahmen von ihm erscheinen würden. Er sagte nur: ›Naja, diese Musiker hier spielen meine Musik wirklich sehr schön, aber niemand scheint das aufnehmen und rausbringen zu wollen.‹ Ich erwiderte: ›Vielleicht kann ich das ja machen‹, obwohl ich eigentlich keine Ahnung hatte. Er gab mir seine Nummer, ich machte mich schlau und rief ihn ein paar Monate später an: ›John, ich wäre dann soweit.‹ So kam es 1984 zum ersten Release von Mode Records.

https://www.youtube.com/watch?v=HK1YpFD6oEQ

Nicht das erste Mode-Release, aber auch eine Cage Produktion: Music for Speaking Percussionist von Cage, erschienen als Bluray (2017).

Wie lief der Vertrieb?

Damals betrieb ich nebenher einen Mailorder-Versand für Schallplatten, hauptsächlich Importe, audiophiles Zeugs und spezielle Sachen. Daher kannte ich einige Vertriebe, was half, auch für Mode gleich einen Vertrieb zu finden – mit nur einer Veröffentlichung. Einige Monate nach Erscheinen der ersten Platte meldete sich Cage wieder mit einer Idee für das nächste Projekt. So kam es dazu, dass ich anfangs viel mit ihm arbeitete. Er stellte mich auch einigen Musikern vor, die er für die Aufnahmen seiner Stücke für am geeignetsten hielt. Dadurch lernte ich beispielsweise das Arditti Quartet und andere hervorragende Musiker kennen. Ich wiederum erzählte ihm von den Komponisten, die mich interessierten, zu denen er dann den Kontakt für mich herstellte.

Cage war also so etwas wie ein Künstlerischer Berater, oder?

Ja, ohne das tatsächlich offiziell zu sein…

Anfangs gab es nur Vinyl. Wann erschien die erste CD?

Das war 1988, und zwar ein Album der amerikanischen Komponistin Janice Giteck, das übrigens auch als Kassette veröffentlicht wurde – die einzige in der Geschichte des Labels. Das Fantastische an CDs war damals, das sich damit fast alles wie von selbst verkaufte. Es war eine unglaubliche Zeit. Selbst CDs von komplett unbekannten Künstlern verkauften sich gut.

https://www.youtube.com/watch?v=VW4nfbxzLsE

›Es war eine unglaubliche Zeit. Selbst CDs von komplett unbekannten Künstlern verkauften sich gut.‹ Die Nummer V aus Ten Meditations – Breathing Songs from a Turning Sky von Janice Giteck, das erste CD-Release bei Mode (1988).

Wie häufig erschienen denn die Alben?

Anfangs waren das etwa 6 Veröffentlichungen pro Jahr, dann bis zu 15 Stück. Es wuchs jedes Jahr weiter und es schien richtig zu sein, meine Energie in den weiteren Aufbau des Labels zu stecken.

Als um das Jahr 2000 herum Filesharing-Plattformen wie Napster aufkamen, gab es da einen Rückgang bei den Verkäufen?

Ja, aber das passierte in einer Phase des Wachstums, so dass es eigentlich nur das Wachstum bremste. Es ist schwer zu beziffern, weil da verschiedene Faktoren eine Rolle spielten. Ich war jedenfalls sehr überrascht und bin es auch heute immer wieder, wenn ich feststelle, wie viele der Mode-Aufnahmen illegal im Internet zu finden sind. Selbst einige unserer DVDs kann man illegal bekommen. Früher wurde das noch aktiv bekämpft, aber jetzt hat es derart überhandgenommen, dass man kaum noch hinterherkommt.

Die Meilensteine beim Vertrieb eurer Musik waren die Übergänge von Vinyl zur CD, die Ausweitung zu DVD und BluRay UND zusätzlich Downloads von Audio-Files. Der Trend insgesamt war ein stetiges, moderates Wachstum über gut zwei Jahrzehnte. Was passierte dann?

Um etwa 2008 herum fand ein großer Bruch statt. Zwar gab es auch davor schon erhebliche Krisen in der Tonträgerindustrie, aber man konnte immer Licht am Ende des Tunnels sehen. Man wusste, dass man aus einer schlechten Phase rauskommen konnte, wenn man nur durchhalten und ein paar gute Veröffentlichungen rausbringen würde.

Wie entwickelte sich die Infrastruktur des Labels während des Wachstums?

Ich habe immer versucht, alles möglichst schlank zu halten. Zudem war ich immer zurückhaltend bei den Ausgaben, um möglichst alles Geld in die Aufnahmen und Veröffentlichungen zu stecken, die ich machen wollte.


Artikel jetzt twittern: Der Mode-Records-Gründer Brian Brandt spricht in VAN über Streaming und die Entwertung von Musik

Du hast kürzlich Zahlen zu den Digitalverkäufen von Mode öffentlich gemacht. Darf ich fragen, wie hoch der Umsatz in den besten Jahren war?

Ich habe kein Problem damit, Zahlen zu nennen. Im umsatzstärksten Jahr vor 2008 hatte Mode etwas über 200.000 $ an Einnahmen. Damals waren wir bei insgesamt etwa 150 Veröffentlichungen. Ich würde sagen, dass das dafür ein recht bescheidener Betrag ist. Man wurde nicht reich, aber es hat für meinen Lebensunterhalt gereicht und um die ganzen laufenden Kosten abzudecken und neue Produktionen durchzuführen.

Du konntest Risiken übernehmen, in die Produktionen und neues Repertoire investieren …

Es gab immer bestimmte Komponisten und Werke, die ich als alter Sammler auf dem Label haben wollte. Entweder war etwas noch nicht aufgenommen oder ich hatte das Gefühl, dass man noch bessere Aufnahmen machen könnte. Manchmal habe ich die Produktionen komplett selbst gestemmt, so wie Kraanerg von Xenakis. Projekte wie dieses konnten unglaublich kostspielig sein.

https://www.youtube.com/watch?v=qlWoVM-mbhw

›Manchmal habe ich die Produktionen komplett selbst gestemmt, so wie Kraanerg von Xenakis. Projekte wie dieses konnten unglaublich kostspielig sein.‹ Ein Ausschnitt aus Kraanerg von Iannis Xenakis, erschienen als CD und DVD bei Mode (2008).

Wie gerade erwähnt hast du öffentlich Zahlen zu euren Digitalverkäufen – Downloads und gestreamte Tracks – genannt. Das waren zuletzt im Durchschnitt etwa 155.000 Stück pro Monat, wobei dadurch nur Einnahmen von 1.200 $ generiert wurden, also 0,0077 $ pro Track.

Bei Downloads gab es früher eine Regelung, nach der man über 10 Minuten lange Titel als ›album purchase only‹ festlegen konnte. Dadurch war abgesichert, dass solche Titel nicht zu billig verkauft wurden. Streaming über die großen Anbieter wie Apple, Amazon, Google oder Spotify ist das genaue Gegenteil davon. Dort ist es egal, ob ein Stück eine Minute oder eine Stunde lang ist, man bekommt immer den gleichen Betrag pro gestreamtem Track.

Bruckners 8. Sinfonie mit knapp anderthalb Stunden Länge ist also nur vier Tracks wert.

Ein Indie-Label mit einer Spotify-Vereinbarung wie der von Mode Records würde nicht mal einen Cent pro gestreamtem Satz dieser Sinfonie bekommen. Weniger als einen Cent, denn es gibt nur 0,006 $ pro Stream! Also genau 2,4 Cent für die ganze Sinfonie. Aber bei Downloads müsste man das ganze Album zu einem relativ fairen Preis kaufen. Diejenigen, die hiervon profitieren, sind – neben den Konsumenten – vor allem die Anbieter dieser technischen Lösungen, über die Musik so billig zu haben ist. Aber die Leute haben das nicht auf dem Schirm, sie sehen da kein Problem. Die Anbieter bekommen einen Freifahrtschein von der Öffentlichkeit, niemand macht ihnen einen Vorwurf.

Im Gegenteil, sie werden sogar als die Retter der Musikindustrie gefeiert. Aber warum sind zuvor schon Anbieter von Downloads wie zum Beispiel emusic.com mit den Preisen runtergegangen? Warum haben das die Plattenfirmen zugelassen? Haben sie sich einfach gedacht: ›lieber billig verkaufen als gar nicht‹? Der nächste Schritt in diesem ›race to the bottom‹ war dann Streaming …

Das ist so seltsam! Warum sind die großen Plattenfirmen glücklich damit, weniger für das zu bekommen, was sie tun? Anfangs steigen zwar die Einnahmen aus Streaming mit hohen Wachstumsraten – von einer sehr niedrigen Basis aus –, da die Labels ihre kompletten Kataloge freigegeben haben. Gleichzeitig gehen aber die Umsätze aus den anderen Einnahmequellen weiter zurück. Sie nehmen mit Streaming weniger ein als mit dem traditionellen Geschäft, das kannibalisiert wurde. Es mag aufgrund der Wachstumsraten halt kurzfristig gut aussehen.

Dieses kurzfristige Denken ist meines Erachtens die Ursache des ›race to the bottom‹. Billiges ›all-you-can-listen-to‹ STATT höherpreisiger Einnahmequellen. Wahrscheinlich hat die Musikindustrie einfach den Wert von Tonaufnahmen aufgegeben und sieht Streaming als Ersatz für Radio oder Youtube, aber eben so, dass man selbst mitmischen kann.

Das Problem ist einfach, dass die Bezahlung pro Track viel zu niedrig vereinbart wurde!

Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass das jetzt nur eine Übergangsphase ist und man es einfach mal so ausprobieren muss. Aber hat man sich nicht langfristig die Einnahmen ruiniert?

Dafür gibt es ein gutes Beispiel, nämlich das meistverkaufte Album aller Zeiten: Thriller von Michael Jackson. Egal was die Plattenfirmen machen, solche Einnahmen durch ein einziges Album werden sich niemals wiederholen lassen. Und erst recht nicht durch Streaming.

Mode arbeitet ja mittlerweile mit Naxos als weltweitem Vertrieb, war da eine freie Entscheidung für oder gegen Streaming möglich?

Ja, und ich habe darüber sehr viel nachgedacht. Ich war und bin wirklich hin- und hergerissen, es ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Unsere Veröffentlichungen sind nun aber weltweit in allen Formaten verfügbar, also auch per Streaming. Wir hätten angesichts der derzeitigen Bedingungen zwar aussteigen können, aber wäre das ökonomisch die richtige Entscheidung gewesen? Ich habe die Hoffnung, dass Streaming-Nutzer die Dienste auch dazu verwenden, um Musik kennenzulernen und sie sich dann in besserer Qualität richtig zu kaufen. Aber wie viele machen das so? Gleichzeitig sind auch unsere geringen Einnahmen aus Streaming wichtig, ich kann auf sie nicht einfach verzichten. Würden wir stattdessen wieder mehr Downloads und Tonträger verkaufen?

Die Klangqualität von Spotify & Co ist mittlerweile ziemlich gut. Ist es nicht so, dass Musikliebhaber Streaming also nicht nur als Ersatz für Radio nutzen, sondern einfach als eine unendlich groSSe Plattensammlung?

Ja, leider haben die meisten Nutzer dieser Dienste wohl kaum mehr Anreize, sich zusätzlich etwas zu kaufen. Die Kombination aus Youtube und Spotify scheint ihnen völlig auszureichen.

Früher hast du mit Mode viele hunderte oder bestenfalls auch tausende Alben verkauft. Das hat ausgereicht, um diese Produktionen zu finanzieren. Jetzt sind diese Alben über eine Flatrate legal erhältlich. Die gesamte Zahlungsbereitschaft ist auf diese ominösen 10 $ oder € pro Monat gesunken. Das scheint das Maximum zu sein, was die Leute noch für Musik bezahlen wollen. Naja, immerhin gehen sie zusätzlich fleiSSig in Konzerte und kaufen sich dafür Eintrittskarten…

Das gesamte Musik-Business scheint auf dem Kopf zu stehen. Früher wurde getourt, um Platten zu promoten, die das eigentliche Geld bringen sollten. Jetzt ist es umgekehrt, niemand erwartet mehr Gewinne aus Aufnahmen, es sind eher kostspielige Visitenkarten oder Promotion-Tools für Touren. Live wird nun das Geld verdient, und teilweise auch durch Merchandising.

Ich habe den Eindruck, dass für diese ganze Thematik der ›entwerteten Musik‹ viel zu wenig öffentliches Bewusstsein da ist. Die global player wie Apple, Amazon, Google oder Spotify krempeln den Markt um, während die Konsumenten einfach das tun, was sie meistens machen: die für sie bequemste Variante wählen. Was würdest du die Konsumenten von Musik gern wissen lassen? Was ist deine Botschaft an sie?

Die Leute sollten wissen, dass wenn sie kleine, unabhängige Labels wie Mode Records durch echte Käufe von Tonträgern oder Downloads nicht unterstützen, diese nach und nach verschwinden werden. Oder zumindest wird der Handlungsspielraum dieser Produzenten und Labels derart eingeschränkt, dass es deutlich weniger hochkarätige Neuproduktionen geben kann. Die Vielfalt nimmt ab, denn das Risiko muss ja von irgendwem getragen werden. Zudem besteht die Gefahr, dass die Qualität der Aufnahmen leidet, weil einfach nicht mehr genug Geld für die Produktionen da ist.

Du hast persönlich immer GRosse RisikEN Getragen, was jetzt kaum noch geht. Um wieviel sind die Umsätze bis jetzt eingebrochen?

Um über 60 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor 2008.

Fühlst du dich verraten von denjenigen, die froh darüber sind, die Aufnahmen von Mode Records jetzt sehr günstig über Spotify hören zu können, anstatt sich die Musik so wie bisher zu einem ›fairen Preis‹ zu kaufen?

Es ist doch ganz einfach: Von nichts kommt nichts. Wenn man also seine Musik quasi umsonst haben will, muss man wissen, dass dann auch nichts mehr nachkommen kann. Natürlich werden die Menschen immer Musik machen, und Musiker sind halt so, dass sie einfach Musik machen müssen. Sie können ja oft gar nicht anders, es ist einfach in ihrem Blut. Auf gewisse Weise geht es mir mit dem Label ähnlich. Ich werde solange weitermachen, wie es nur irgendwie geht. Aber ich kann schon jetzt nicht mehr so viele Produktionen machen, wie ich gerne würde, denn ich muss sicherstellen, dass die Qualität nicht sinkt. Ich weiß von vielen Labels, die am Abgrund stehen, und es sind ja auch schon viele pleite gegangen. Also: Wenn ihr bestimmten Labels dafür dankbar seid, dass sie die Musik auswählen, die euch gefällt, und ihr euch auf die Kuratierung und Repertoireauswahl dieser Labels verlasst, dann dürft ihr sie nicht im Stich lassen. Unterstützt sie auf die eine oder andere Weise, kauft ihre Veröffentlichungen! Oder vergesst das alles einfach, denn dann können sie nicht mehr weitermachen. Das klingt jetzt sehr negativ, aber es ist die Realität. Es liegt daher an jedem Einzelnen, seine Macht als Konsument zu nutzen. ¶

Sebastian Solte

... studierte Informationswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und Musikwissenschaft. Er ist als Musikmanager tätig und gründete das Unternehmen bastille musique, das die Bereiche Künstleragentur, Live-Produktion und Plattenfirma kombiniert.