Am Sonntag Rheingold-Premiere an der Bayerischen Staatsoper, am Montag Rheingold-Premiere an der Mailänder Scala. Unter den Schreibenden schreiben sich ein paar länger schon die Finger wund, man solle Wagners Ring doch mal ein paar Jahre in Ruhe lassen, doch der Ruf verhallt. In Dortmund steht Peter Konwitschnys (überraschenderweise doch) erster Durchgang durch die Tetralogie vor der Vollendung: eine fast schon altmeisterliche Erinnerung an das deutsche Opernregietheater, in Brüssel musste Routinier Pierre Audi das offenbar überambitionierte Castellucci-Ring-Projekt übernehmen. (Der hatte sich mit acht lebenden Pferden für die Walküren verabschiedet, was sollte danach noch kommen?)
Zurück von dem Ring: Das funktioniert deshalb nicht, weil sich Wagnerianer vor dem Immergleichen sowieso nicht fürchten, und jenseits der Wagner-Blase immer noch der Imperativ regiert, man müsse im Leben doch einmal durch die sechzehn Stunden durchgegangen sein. Für die Häuser und ihre Intendanten (mir fallen gerade keine Ring-Intendantinnen ein, vielleicht hat das ja was zu bedeuten) ist der Vierteiler über den Verrat der Liebe an die Macht und Walhalls Untergang ein Prestige-Ding. Also dreht sich die Ring-Spirale, dass es einen schwindeln könnte, rund und rund.
Grüßt nun ewig das Murmeltier, nichts Neues unter der Sonne? Doch. Und das geht so: Man trägt wieder Flügelhelm.
Das will sagen: nicht mehr Aktenkoffer. Der Aktenkoffer, als Symbol einer postmarxistisch-kapitalismuskritischen, ihren Shaw gelesen habenden, aktualisierenden Sicht auf Wagners ja unzweifelhaft gesellschaftskritisches Riesenwerk, aktuell für sein 19. wie noch für unser 21. – der Aktenkoffer ist weg. In München probiert Tobias Kratzer, das Stück unter der verrückten Voraussetzung zu erzählen, dass die Götter, Wotan und die Seinen, keine verkleideten Menschen, Konzernherren, Unternehmer und so weiter sind. Sondern Götter. Ergo unsterblich. Woraus einerseits der Widerspruch zu den sonstigen Sterblichen folgt, den Menschen, aber auch Nibelungenzwergen, Drachen und Riesen, und zweitens, dass den Unsterblichen ein wenig langweilig ist (wie dem aus Langeweile erzbösen Gott in Le tout nouveau Testament des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael, 2015), drittens, dass ihnen eine sterbliche Restwelt, die den Glauben verliert, nicht ganz egal sein kann.
Das ist, auf den ersten Blick, eine interessante Ausgangsfrage; und ästhetisch hat es was, den Göttervater mal wieder wie dunnemal zu sehen. Kratzers Schlussbild, ein historistischer Riesenaltar, in dem die Wotansippe als tableau vivant Platz nimmt: schön.
An der Scala, tags darauf, gibt’s gleich wieder reichlich zu gucken. David McVicar hat seinem Wotan (gewaltig: Michael Volle) keinen Flügelhelm aufgesetzt, dem Alberich aber ein ähnliches Gehörn, und überhaupt könnte dem halbgeschlossenen Auge hier manches überraschend ähnlich erscheinen. Es gibt nämlich wieder keine Aktenkoffer und Konzernzentralen. In Mailand sieht man ein Fantasy-Märchen, reichlich monumental und gut beleuchtet und ziemlich unterhaltsam. Der grundsätzliche Unterschied, wie sie den Ring dies- und jenseits der Alpen erzählen, nämlich konzeptuell ironisch gebrochen oder als Angebot, das Ganze einfach so Herr-der-Ringe-mäßig wegzugucken, verschwimmt ein bisschen.

Und jetzt kommt das Überraschende: während Kratzers eher vielschichtige Sicht in München gefeiert oder doch durchgewunken wurde, gabs in Milano Protest, zumindest von einer lauten Fraktion. Was war das? Sind die notorischen Buhbrüller nicht die selbsternannten Verteidiger irgendwelcher Traditionen gegen die »moderne« Regie-Willkürakte? Oder wurde da nach mehr Deutungsehrgeiz gerufen? Oder ist das alles vor allem Italien? Auch die arme Simone Young, die für Christian Thielemann eingesprungen war und allerhand Schönes hatte hören lassen, bekam Unmut ab. Als Frau, wie meine Frau vermutete? Wo wir doch überall gerade das Schleifen des dirigentischen Patriarchats feiern? – Ich trat in die laue Mailänder Herbstnacht, verwirrt. ¶


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