Der Slogan »Impfen schützt auch die Kultur«, den der alte und neue Berliner Kultursenator Klaus Lederer auf T-Shirts durch den Wahlkampf trug und der diese Woche die Fassaden Dresdner Kulturinstitutionen schmückt, suggeriert klare Verhältnisse: auf der einen Seite die fragile, schützenswerte Kultur, auf der anderen jener Teil der Bevölkerung, der sich Impfungen verweigert und damit mutwillig ein Fortdauern der Pandemie und erneute Lockdowns in Kauf nimmt. Dass diese Polarität trügerisch ist, darauf weist ein Instagram-Kommentar unter einem Impfaufruf der Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, hin: »Bei einer kolportierten Ungeimpften-Quote von +30 Prozent und prominenten Querdenker:innen z. B. im Semperopernchor fällt es mir schwer, Verständnis zu haben, wenn Kultureinrichtungen Schliessungen bedauern, wenn man nicht selbst alles unternimmt, um sich und seinen Job zu schützen«. 

Auch in den deutschen öffentlich finanzierten Orchestern gibt es eine Minderheit derer, die – wenn man der Aussage des obigen Slogans folgt – nicht bereit ist, sich selbst zu schützen und damit sowohl die eigene Gesundheit als auch die der eigenen Branche riskiert. Dies hat schon jetzt Auswirkungen auf den Orchesteralltag: Geimpfte Musiker:innen müssen Dienste von Ungeimpften übernehmen und werfen ihren ungeimpften Kolleg:innen fehlende Solidarität vor, Proben- und Konzertabläufe werden organisatorisch verkompliziert, Tourneen und Gastspiele können nur von Geimpften bestritten werden, ungeimpfte Musiker:innen weigern sich, Tests zu machen oder fordern dafür eine Anrechnung als Dienstzeit, dazu kommen uneinheitliche Regelungen, erste Rechtsstreitigkeiten, Gerüchte von gefälschten Impfpässen. 

Die sich schon jetzt abzeichnenden Gräben könnten sich weiter vertiefen, wenn angesichts anhaltend hoher Inzidenzzahlen Kulturinstitutionen wieder flächendeckend schließen müssen oder Ungeimpfte vom Dienst im Orchester ausgeschlossen werden. Das, was deutschen Orchestern womöglich noch bevorsteht, ist in Österreich bereits Realität: Von Mitte November an galt dort zunächst der Lockdown für Ungeimpfte. »Ungeimpfte MusikerInnen werden derzeit nicht zum Dienst eingeteilt. Im Orchester selbst werden die Maßnahmen lebhaft diskutiert, wobei sich die sehr kleine Minderheit der Ungeimpften auch kritischen Fragen stellen muss«, schrieb mir Christoph Becher, Orchesterintendant des Radio Symphonie Orchester Wien am 18. November. Vier Tage später trat in Österreich der bundesweite Lockdown in Kraft. Falls auch in Deutschland Kultureinrichtungen wieder flächendeckend schließen müssten, hätte dies verheerende Auswirkungen auf eine verunsicherte Szene, die ohnehin noch mit den Folgen der Pandemie und geringen Besucherzahlen zu kämpfen hat. 

»Wenn der Druck auf die schweigende Mehrheit wieder größer wird, zum Beispiel durch erneute Lockdowns, dann wird wahrscheinlich irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem wir uns politisch eindeutiger positionieren müssen«, sagt Oliver Wenhold, Cellist im WDR Funkhausorchester und Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). Mit ihm spreche ich per Videotelefonie über die komplizierte Rolle seines Berufsverbands, den richtigen Umgang mit ungeimpften Kolleg:innen und die besondere Verantwortung öffentlich geförderter Klangkörper. 


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com