Seit dem Angriff russischer Truppen auf die Ukraine konnte das Odessa Philharmonic Orchestra nicht mehr in voller Besetzung proben. Letzte Woche kam es erstmals wieder zusammen, um ein Programm mit im Westen kaum bekannten Werken ukrainischer Komponisten (Myroslav Skoryks Huzulen-Tryptichon, Alemdar Karamanovs Drittes Klavierkonzert Ave Maria und Mykola Lysenkos Elegie op. 41, Nr. 3) einzustudieren. Morgen geht es dann vom Schwarzen Meer in die moldawische Hauptstadt Chişinău, wo weiter geprobt wird und auch ein erster gemeinsamer Auftritt stattfindet, bevor es dann über Istanbul weiter nach Berlin geht. Dort wird das Orchester am 6. September beim Musikfest sein einziges Gastspiel in Deutschland geben. 

Das Ensemble wurde 1937 gegründet, konnte jedoch zu Sowjetzeiten nicht international touren. Nach dem Zerfall der UDSSR übernahm der Dirigent Hobart Earle 1991 für ein Gehalt von 50 Dollar im Monat die Leitung des Orchesters, das damals laut Odessa Journal auf schlechten Instrumenten in kalten Sälen vor fast leeren Rängen spielte. Unter Earle entwickelte sich das Odessa Philharmonic zu einem der führenden Orchester nicht nur der Ukraine, sondern der gesamten Region, wofür Earle 2013 als erster »Westler« mit dem People’s Artist of Ukraine-Award ausgezeichnet wurde. Wir erreichen den Dirigenten zwischen Probenstress und Reisekoordination kurz vor der Abfahrt in Odessa.

Hobart Earle • Foto © Odessa Philharmonic Orchestra

VAN: Sie leben seit Anfang der 1990er Jahre in Odessa und sind vor ein paar Tagen das erste Mal seit dem russischen Angriff im Februar wieder dorthin zurückgekehrt. Wie hat sich die Stadt in den letzten Monaten verändert?

Hobart Earle: Mein erster Eindruck war, dass die Stadt erstaunlich ruhig wirkt. Natürlich machen hier dieses Jahr viel weniger Leute Urlaub, Odessa ist im Sommer traditionell ein sehr beliebtes Reiseziel. Manche Geschäfte in der direkten Umgebung der Philharmonie haben ihre Fenster zugenagelt, was ein trauriger Anblick ist, aber auch nachvollziehbar als Sicherheitsvorkehrung. Obwohl Odessa leerer wirkt als sonst um diese Jahreszeit, haben die Restaurants und Cafés geöffnet und sie sehen auch sehr gut besucht aus. Odessa ist bekannt für seine Küche und die Lebendigkeit in den Straßen. Heute habe ich in der Probenpause draußen einen Kaffee getrunken und da kamen zwei Frauen vorbei – die eine war mindestens 90 Jahre alt und trug ein langes, wunderschönes Kleid, einen mit Blumen besetzten Hut und einen Gehstock. Sie war die personifizierte Eleganz, es war unmöglich, bei diesem Anblick nicht zu lächeln. 

Die Familie Ihrer Frau lebt in der von Russen besetzten Region von Kherson. Können Sie Kontakt halten?

Leider blieb meiner 80-jährigen Schwiegermutter nichts anderes übrig, als das Haus der Familie in den besetzten Gebieten am linken Flussufer, im wunderschönen Delta des Dnipro in der Region Kherson, zurückzulassen. Sie lebt jetzt als Geflüchtete in der Nähe von Bonn, zusammen mit meinem Schwager. Die ganze Situation ist eine große Belastung für sie. Sie bittet häufig darum, heimkehren zu können, aber wir müssen sie dann daran erinnern, dass es dort zum Beispiel derzeit keine Medikamente mehr gibt, ganz zu schweigen von allem anderen. Da die Besatzer alle ukrainischen Mobiltelefonleitungen gekappt haben, ist es jetzt ziemlich schwierig für uns, Nachbar:innen und Freund:innen zu erreichen, um nach dem Haus zu sehen, aber ganz selten mal klappt es über das Internet. Mein Auto ist noch da, denn meine Frau und ich haben die Großmutter besucht, bevor wir Mitte Februar die Ukraine verließen. Wir flogen von Kherson aus und planten, Mitte März für meine nächsten Konzerte nach Odessa zurückzukehren.

Für mich ist das einer der seltsamsten Aspekte meiner Rückkehr nach Odessa: dass ich nicht einfach zum Haus meiner Familie in Kherson fahren kann. Das war unser Zufluchtsort und der Ort, an den ich mich zurückzog, um Partituren zu lernen. Die gesamte Region – das Delta des Flusses Dnipro – ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Ukraine. Die Schönheit der Natur ist dort wirklich verblüffend, die Region beheimatet sowohl die größte Wüste als auch die größte unbewohnte Insel Europas. Auch das gigantische Naturschutzgebiet und Anwesen der Falz-Fein ›Askania Nova‹ ist nicht weit entfernt. Eine große lokale Attraktion ist außerdem eine heiße Quelle mitten auf einem Feld, besonders im Winter. Für mich sind all diese Orte ein wesentlicher Bestandteil meines ›Zuhauses‹, und es ist eine Tragödie, dass sie jetzt in besetztem Gebiet liegen. Dafür gibt es keine Worte.

Das Orchester ist seit Mai auch wieder in Odessa aufgetreten. Wie ist die Lage des Orchesters?

Mit Ausbruch des Krieges hat sich das Orchester in viele verschiedene Himmelsrichtungen zerstreut. Einige Ehefrauen der Musiker und einige weibliche Mitglieder des Orchesters sind mit ihren Kindern ins Ausland gegangen. Einige der Männer meldeten sich zur Territorialverteidigung, andere wurden mit Aufgaben wie dem Verladen von Sand in Säcke zum Schutz der Strände und anderer Teile von Odessa betraut. Ab Mai, als öffentliche Auftritte wieder erlaubt waren und eine gewisse Anzahl von Musiker:innen nach Odessa zurückgekehrt war, startete das Orchester eine Reihe von kostenlosen Kammermusikkonzerten, die einmal pro Woche in der großen polnischen katholischen Kirche im Zentrum mit verschiedenen kleinen Ensembles stattfanden. Diese Konzertreihe hieß – ich übersetze den ukrainischen Namen  – ›Ode an die Unzerbrechlichkeit‹, und jede Woche kamen mehr und mehr Menschen in die Kirche, um sie zu hören. Bemerkenswerterweise wurden diese Konzerte am Freitagnachmittag nie durch Luftschutzsirenen unterbrochen. Als die Lokalverwaltung dann Ende Juni die Wiederaufnahme von Konzerten in der Philharmonie erlaubt hat, haben wir zwei Konzerte mit Gastdirigenten gegeben, bei denen aber das Orchester bei weitem nicht voll besetzt war.

Das heißt, Sie proben jetzt für das Konzert in Berlin zum ersten Mal wieder alle zusammen?

Ja, wir sitzen zum ersten Mal seit Februar wieder fast alle zusammen auf der Bühne. Einige Mitglieder, die aus verschiedenen Gründen derzeit nicht zu uns in die Ukraine kommen können, stoßen am 1. und 2. September – zufälligerweise dem Jahrestag der Stadt Odessa – bei den Proben in Chişinău zu uns.

Wehrfähige Männer dürfen die Ukraine derzeit nicht verlassen. Gibt es eine Extragenehmigung für die Musiker?

Das ukrainische Kulturministerium unterstützt die so genannten ›nationalen Organisationen der darstellenden Künste‹, zu denen auch das Odessa Philharmonic Orchestra gehört, bei allen Einladungen, also wenn es darum geht, die Ukraine zu verlassen, um in Europa aufzutreten. Mehrere unserer Musiker und einer unserer Bühnenarbeiter haben sich als Freiwillige der ukrainischen Armee angeschlossen. Unter ihnen ist auch der Soloklarinettist, der von seinem Dienst in der Armee freigestellt werden konnte, um nach Berlin zu kommen und mit uns im Orchester zu spielen. Das Ministerium und wir sind uns darin einig, dass Auftritte außerhalb der Ukraine in diesen schrecklichen Zeiten eine äußerst wichtige Aufgabe und eine wunderbare Gelegenheit für uns sind, unsere Musik und unser kulturelles Erbe einem Publikum außerhalb der Ukraine nahezubringen. Daher werden in einem etwa vierwöchigen Verfahren im Voraus für die männlichen Mitglieder des Orchesters alle erforderlichen Genehmigungen zum Grenzübertritt von der Regierung der Ukraine organisiert.

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Aufgrund seiner kulturellen und historischen Siedlungsgeschichte ist Odessa so stark russisch geprägt wie kaum eine andere Stadt in der Ukraine. Russisch war oder ist auch die weitverbreitetste Sprache der Stadt. Wenn Sie es vergleichen, wie waren die Reaktionen im Orchester bei der Krim-Annektion 2014 im Vergleich zum russischen Angriff 2022?

Als ich 2014 nach einer kurzen Abwesenheit nach Odessa zurückkam, habe ich das Orchester in einem Zustand großer Spannungen vorgefunden, einige Musiker haben sich bei Diskussionen über die politische Situation im Land fast geprügelt. Ich sah mich gezwungen, dem gesamten Orchester zu sagen, dass es ihnen immer freisteht, auf der Straße alles zu diskutieren, was sie wollen, aber wenn wir zu den Proben auf die Bühne kommen, dürfen wir nur an die Musik denken und nur über die Musik sprechen. Gott sei Dank hat sich die Atmosphäre im Orchester danach wieder normalisiert. Heute hingegen bin ich froh, sagen zu können, dass das Orchester viel geeinter ist – gegen die Besatzer. Diese 8 Jahre Krieg im Osten der Ukraine haben meinen Musiker:innen die ›Augen geöffnet‹. Soweit ich das beurteilen kann, scheint die Atmosphäre im Orchester jetzt bemerkenswert gut zu sein, obwohl ich nie vergessen werde, wie in den letzten Proben vor meinem Abschlusskonzert im Februar die Stimmung mit jedem Tag dramatisch sank. Sicherlich waren die letzten Monate für alle schrecklich schwierig.

Sie sind in der Vergangenheit auch viel in Russland aufgetreten. Arbeiten Sie gegenwärtig mit russischen Musiker:innen zusammen? 

Seit Beginn des Krieges bin ich, allerdings mehr durch Zufall als mit Absicht, nicht mehr mit russischen Musiker:innen aufgetreten. Meine Beziehung zu vielen war immer sehr herzlich, viele von ihnen sind ganz besondere Künstler:innen. Seit 2014 steckte ich allerdings in dem Dilemma, entscheiden zu müssen, ob ich weiterhin dorthin fahre oder nicht. In der Ukraine gab es viele Diskussionen über Musiker:innen und andere Künstler:innen, die in Russland auftreten. 2014 beschloss ich, weiter dorthin zu reisen. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich wichtig war, die Einladungen, die ich bekam, anzunehmen. Und dass sich so für mich als jemand, der Russisch spricht, gute Gelegenheiten ergaben, den dortigen Musiker:innenn – und anderen auch – das Leben in der heutigen Ukraine näher zu bringen. 

Andererseits haben mich aber auch die interessanten Projekte gereizt. Vor einigen Jahren habe ich zum Beispiel die Weltpremiere von Mikhail Pletnevs neuer Orchestrierung von Skrjabins Klavierkonzert beim Festival des Russian National Orchestra in Moskau dirigiert, mit Pletnev selbst als Solist. Danach hatten wir die Idee, ihn nach Odessa zu holen, um mit ihm hier diese neue Version zu spielen – schließlich wurde Skrjabins Klavierkonzert 1897 in Odessa uraufgeführt. Aus verschiedenen Gründen hat das leider nicht geklappt. Aber ich bin mit Pletnev in Kontakt, wir haben erst kürzlich gesprochen. Und dank seiner Vermittlung an die legendäre Tschaikowsky-Archivarin Polina Vaidman im Tschaikowsky-Museum in Klin haben wir im Juni 2018 in Odessa eine sehr seltene Aufführung von völlig unbekannten Fragmenten aus Tschaikowskys unvollendeter Oper Undina bei unserem jährlichen Odessa Philharmonic Orchestra Festival machen können.

Beim Odessa Philharmonic Orchestra haben wir auch nach 2014 noch russische Musiker:innen eingeladen – natürlich nicht die, die Putin unterstützen – und ich fand es wichtig, dass sie sehen, wie das Leben in Odessa wirklich ist, und dass sie erkennen, dass alles andere Propaganda ist. Ich erinnere mich gern an meine Zeit mit vielen Moskauer Orchestern. Zum Beispiel war ich – noch vor 2014 – zufällig in Moskau, als meine Auszeichnung als ›People’s Artist of Ukraine‹ bekannt gegeben wurde. Das Russian State Symphony Orchestra, mit dem ich damals auftrat, spielte an diesem denkwürdigen Tag bei der Probe eine unglaubliche Fanfare für mich. Es war fast unwirklich, dieses Orchester im Jahr 2016 erneut zu dirigieren, wo sich vieles so sehr verändert hatte. 

Mit dem Russian State Symphony Orchestra und dem Pianisten Boris Berezowsky, der in den Anfangstagen des Krieges – vielleicht missverstanden – mit pro-Putin Aussagen aufgefallen war, haben Sie auch eine Aufnahme gemacht. Haben Sie noch Kontakt zu Berezowsky?

Das letzte Mal habe ich Boris vor ein paar Jahren gesehen, und ich erinnere mich, dass er mir 2014 einige sehr interessante Sachen erzählt hat, die in völligem Gegensatz zu dem stehen, was er dann Anfang März 2022 im russischen Fernsehen gesagt hat. Bei ihm finde ich es am traurigsten, dass er sich überhaupt entschieden hat, in so einer Fernsehshow aufzutreten. Diese ›Talkshows‹ sind gefährliche Orte für Künstler:innen, selbst in den besten Zeiten. Ich habe keine Ahnung, warum Boris in dieser Show war, in Gesellschaft dieser Leute, und ich habe keinen Zweifel daran, dass er das sehr bereut. Nach seinem Fernsehauftritt habe ich Boris das Gedenkvideo geschickt, das wir einen Monat nach Kriegsbeginn mit Musik von Weinberg gedreht hatten, und ich weiß, dass er diese Nachricht gelesen hat.

Mit Ihrem Orchester haben Sie auch russisches Repertoire gespielt und aufgenommen, wie Tschaikowskys 5. Sinfonie. Würden Sie dieses Werk gerade aufführen wollen?

Ich wurde in den letzten Monaten in mehreren Interviews nach russischer Musik gefragt, und da habe ich immer erzählt, wie ich Anfang Februar – kurz vor dem Krieg – in Polen Schostakowitschs Fünfte dirigiert habe und erstaunt war, wie relevant diese Musik heute ist. Schostakowitsch ist ein Komponist, der zu Lebzeiten sehr gelitten hat und dessen Musik das Leben unter einem totalitären Regime auf bemerkenswerte Weise widerspiegelt. Gerade jetzt, wo Russland wieder zu einem totalitären Staat wird, denke ich, dass diese Musik heute unbedingt gehört werden muss. 

Das Kulturministeriums der Ukraine und das Ukrainische Institut fordern, russische Kultur insgesamt zu sanktionieren und russisches Repertoire nicht mehr aufzuführen. Als die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv bei den Ludwigsburger Festspielen Tschaikowsky aufführen wollte, wurde sie angefeindet und die ukrainische Komponistin Victoria Poleva zog die Uraufführung eines Stücks zurück. Wie stehen Sie dazu?

Was Tschaikowsky betrifft: Er wurde von seinen russischen Kollegen heftig dafür kritisiert, nicht ›russisch genug‹ zu sein. Er verbrachte viel Zeit in Europa, sprach europäische Sprachen und wuchs mit einer französischen Gouvernante auf. Und in vielerlei Hinsicht war er sicherlich in hohem Maße von den europäischen Musiktraditionen seiner Zeit beeinflusst. Vielleicht sogar mehr als einige seiner Zeitgenossen in Russland. Abgesehen davon kann ich gut verstehen, warum die Menschen in der Ukraine heute keine russische Musik hören wollen. Und ich glaube nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um in der Ukraine russische Musik zu spielen. Ich persönlich verbinde Tschaikowsky nicht mit dem, was derzeit in Russland passiert, aber ich verstehe es trotzdem. Abgesehen davon ist es für Sie und mich – als Ausländer – sehr schwer zu verstehen, was die Ukrainer:innen genau empfinden. Und wenn eine ukrainische Komponistin wie Victoria Poleva da so starke Gefühle hat, dann sagt das eine Menge aus! Es gibt eine große Vielfalt in der Gesellschaft. Und in der ukrainischen Gesellschaft gibt es im Moment sehr viel Schmerz. Wir müssen diesen Schmerz respektieren.

Mit Mykola Lysenkos Elegie und Myroslav Skoryks Musik zum Film Shadows of Forgotten Ancestors spielen Sie beim Berliner Musikfest Komponisten und Kompositionen, die eine große Bedeutung haben für die ukrainische kulturelle Identität. Warum haben Sie diese Stücke ausgesucht?

Skoryks Childhood aus dem von Ihnen erwähnten Filmmeisterwerk von 1965 ist ein Stück, das das Orchester und ich oft bei Kinderkonzerten gespielt haben. Die Musik bietet wunderbare Möglichkeiten, Kindern das Orchester vorzustellen, und weil die Kinder in der Ukraine, die zu unseren Kinderkonzerten kommen, wissen, wer die Huzul:innen sind, klingt diese Musik für sie sehr authentisch. Leider hat Skoryk selbst einen großen Teil seiner eigenen Kindheit im sibirischen Exil verbracht, zusammen mit seinen Eltern. Und ich denke, wir alle müssen im Kopf behalten, wie schrecklich Kinder in diesem Krieg leiden. Es gibt so viele Kinder, deren Leben völlig auf den Kopf gestellt wurde. Deswegen hatte ich die Idee, diese fröhliche Kindermusik mit einer Elegie quasi des Vaters der ukrainischen klassischen Musik, Mykola Lysenko, zu kombinieren. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Wir müssen hoffen, dass diese schreckliche Tragödie ihre geistige Gesundheit so wenig beeinträchtigt wie möglich und dass die Narben, die sie vom heutigen Geschehen sicherlich davon tragen, in Zukunft irgendwie heilen.

Sie sprechen sieben Sprachen, sind viel herumgekommen, sind sozusagen ein ›Weltbürger‹, lebten mit Odessa in einer Stadt, die für ihre Vielfalt und Toleranz berühmt ist. Fällt es Ihnen schwer, zu verstehen, was gerade passiert, oder haben Sie den russischen Angriff kommen sehen?

Das ist eine sehr gute Frage, die sehr schwer zu beantworten ist. Die Ereignisse im März 2014 kamen, wie alles, was in diesem schrecklichen Jahr noch folgen sollte, für uns alle sehr überraschend. Wir hatten 2014 am Tag der Annexion der Krim das Gefühl, dass es als Bürger:innen von Odessa unsere Pflicht war, auf die Aggressionen, die uns alle so unerwartet getroffen hatten, zu reagieren, darum haben wir einen Flashmob auf dem Fischmarkt von Odessa organisiert. 

Damals befanden wir uns alle in einem totalen Schockzustand. Das Traurige ist, dass sich trotz der mehr als 2.000 getöteten Zivilist:innen im Jahr 2014 – gefolgt von 900 im Jahr 2015 und weiteren, wenn auch niedrigeren Zahlen in jedem darauffolgenden Jahr – viele von uns an den Gedanken gewöhnt haben, dass dieser Krieg im Osten der Ukraine zu einer Art ›unumstößlicher Tatsache‹ geworden ist und wir tatsächlich ›abgestumpft‹ sind, so glaube ich zumindest.

Im Nachhinein betrachtet, hätten wir all das kommen sehen müssen, aber ich fürchte, das haben nur wenige von uns. Um ehrlich zu sein, hätte ich persönlich nicht gedacht, dass ein Krieg wie der, der am 24. Februar 2022 begonnen wurde, im 21. Jahrhundert auf dem europäischen Kontinent möglich sein würde. Die Menschheit hat weitaus größere Probleme zu bewältigen – und die Vorstellungen von ›Imperien‹, ›ethnischen Konflikten‹ und ›Gebietsgewinnen‹ basieren allesamt auf Konzepten, die in unserer modernen, globalisierten Welt völlig überholt sind.

Dirigent Hobart Earle über das Odessa Philharmonic Orchestra, die Herausforderung der gemeinsamen Proben und die Haltung ukrainischer Musiker:innen zu russischem Repertoire in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Sie leben seit vielen Jahrzehnten in der Ukraine, sie haben den ukrainischen Weg in die Unabhängigkeit und Demokratie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dort miterlebt. Was gibt Ihnen die Hoffnung, dass die Ukraine ihr Territorium und ihre nationale Unabhängigkeit bewahren wird?

Ich denke, die ganze Welt hat in den letzten Monaten gesehen, wie stark der Wille des ukrainischen Volkes ist, das eigene Land zu verteidigen, das Land, dem es so sehr verbunden ist. Angesichts solch schrecklicher Angriffe gibt es so viele Geschichten über Held:innen, und von vielen davon werden wir vermutlich nie erfahren, aber sie alle symbolisieren den einzigartigen ukrainischen Geist, der nur schwer zu brechen ist. Vielleicht sollte man besser sagen: unmöglich zu brechen. Stalin hat das besser als jeder andere verstanden, und deshalb unternahm er als Tyrann so große Anstrengungen, jeden ukrainischen Patriotismus im Keim zu ersticken. Das alles geht seit Jahrhunderten so. Schon im 19. Jahrhundert, im Jahr 1876, ging Zar Alexander der II. – in Deutschland während einer Kur in Bad Ems – so weit, dass er in seinem Emser Erlass unter anderem die ukrainische Sprache in der Presse und auf der Bühne verbot, in einem Dekret, das er übrigens heimlich verfasste, so mysteriös waren die Wege des Hofes des Russischen Reiches zu jener Zeit. Trotz all dieser historischen Unterdrückung – und trotz aller Widrigkeiten – sind die ukrainische Sprache und Kultur heute lebendig und gut erhalten. Ich glaube auch fest daran, dass die vielen Länder der zivilisierten Welt, die die Ukraine heute unterstützen, verstehen, dass es hier um viel mehr geht als nur um die Ukraine, und deshalb werden sie dieses Land und seine Menschen auch weiterhin unterstützen. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com