Musikerin oder Musiker zu sein – damit assoziieren die meisten Menschen eine Tätigkeit, in der das Hobby zum Beruf wird. Persönliche Neigungen stehen im Vordergrund, und ihnen nachzugehen, scheint eine vielversprechende Herausforderung und ein großes Glück. Leider sieht die Lebensrealität für Musikerinnen und Musiker in unserer Gesellschaft jedoch oft anders aus. Viele von ihnen haben ein geringes Einkommen. Die Arbeitsbedingungen dieser Berufsgruppe haben sich im Allgemeinen kaum verbessert, vielleicht sogar verschlechtert. Wegen der zurückgehenden Planstellen im Musikbereich und trotz des Engagements unter anderem von unisono (ehemals DOV), des Deutschen Tonkünstlerverbands für freischaffende Musiker und der Mindestlohnempfehlungen ist die vielgepriesene Freiberuflichkeit für viele Musikerinnen und Musiker eher Fluch als Segen. Hinzu kommt, dass nach zwei Jahren pandemiebedingter Einschränkungen und des Stillstands des regulären Musikbetriebs ernsthafter Grund zur Sorge um das soziale Durchhaltevermögen von Künstlerinnen und Künstlern besteht, die mehr und mehr unter Druck geraten und den Musikberuf mitunter aufgeben. Für viele Musiker:innen gehen die Belastungen ihres Berufs, für den sie meist seit ihrer frühen Kindheit eine Instrumental- oder Gesangsausbildung verfolgen, mit Identitätskrisen einher. Die mittlerweile üblich gewordenen Mitschnitte und Onlineausstrahlungen nahezu jeder Veranstaltung verstärken den mit dem Beruf verbundenen Perfektionsdruck und die Ängste vor Fehlern sowie ein erbarmungsloses Konkurrenzverhalten. So können selbst kleine physische wie psychische Einschränkungen enorme Auswirkungen auf das Musizieren und letztlich auch auf die Karriere haben, die höher sind als in anderen Berufen. Der Arbeitsmarkt verlangt eine permanente Verfügbarkeit ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Das perfekte Verkaufs- und Bewerbungsmanagement und die persönliche Vernetzung sind dabei mindestens so wichtig wie fehlerloses Spiel und charismatische Ausstrahlung. Analog zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung wächst auch unter Musiker:innen die Kluft zwischen wenigen sehr gut verdienenden Stars oder Orchestermusiker:innen in Festanstellungen einerseits und einer großen Gruppe, die am Existenzminimum lebt, andererseits.
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