»Ich würde mich als genre- und stilübergreifender Allround-Musiker, Komponisten und Produzenten bezeichnen«, stellt sich Mert-Abdullah Çapan vor, als ich ihn am Rande eines Kongresses des Deutschen Musikrats kennenlerne. »Ich lege einen Schwerpunkt auf das klassische Klavier, bin aber auch multikulturell tätig – ich haben einen türkischen Migrationshintergrund«, erklärt er, »und ich habe eine hochgradige Sehbehinderung und Albinismus. Gerade bereite ich mich an der HfMT [Hochschule für Musik und Theater Hamburg] auf ein Bachelorstudium in den Fächern Komposition und Klavier vor.« Mert ist einer von drei HfMT-Studierenden eines neuen zweisemestrigen Zertifikatsstudiums, das die Hochschule zusammen mit dem Verband EUCREA erarbeitet hat. EUCREA tritt mit dem Programm ARTplus für inklusive Bildung an Kunsthochschulen ein. Mert saß vor unserem Treffen bei einem Panel zu Inklusion an Musikhochschulen auf dem Podium, nach unserem Gespräch geht es direkt weiter, in den Zug zurück nach Hamburg. 

VAN: Wie bist du zur Musik gekommen? 

Mert-Abdullah Çapan: Tatsächlich ist es so, dass Musik bei mir seit dem Babyalter wichtig ist. Schon bevor ich sprechen gelernt habe, in meinem ersten Lebensjahr, haben meine Eltern gemerkt: Der will irgendwie Musik machen. Meine Eltern sind selbst keine Musiker, aber durch sie habe ich die südostanatolische Volksmusik kennengelernt, die sehr tänzerisch und lebendig ist. Und sie haben mir auch sonst sehr viel Input gegeben, mir früh Instrumente besorgt. Mit zweieinhalb Jahren hatte ich mein erstes kleines Schlagzeug und mit vier eine Geige. Generell war meine Familie immer davon überzeugt: ›Der wird eines Tages Musiker sein. Das ist keine Frage und wir werden unser Bestes geben, dass das funktioniert.‹

Wie hast du dann Klavierspielen gelernt?

Das Klavierspiel habe ich ab dem Alter von fünf Jahren bei einem russischen Klavierpädagogen gelernt, an einer Musikschule in Elmshorn. Als Kind habe ich mir viele Instrumente selbst beigebracht, Klavier habe ich wirklich im Unterricht gelernt.

Mit vier hatte ich auch eine Zeit lang Schlagzeugunterricht, mit drei Gitarrenunterricht mit meinem älteren Bruder zusammen. Das war also erstmal eine Suche, bis ich zum Klavier kam. Und dann war es ein bisschen wie eine unbewusste Heirat. Ich hatte es einfach in meinem Leben, das Klavier.

Wie hast du die Musikschule erlebt? Was war das für ein Umfeld?

Alle waren sehr unterstützend und haben ihr Bestes gegeben, das ist keine Frage. Aber kein Musiker war der Überzeugung, dass ich es schaffen würde, ein Klavierstudium anzugehen. Die allermeisten Musiker rieten mir, mir keine großen Hoffnungen zu machen, da ich gegen die Konkurrenz gar keine Chance hätte und keine Musikhochschule sich den Aufwand machen würde, mich in ein künstlerisches Studium aufzunehmen. Meine Klavierlehrer haben trotz großer Skepsis mit all ihren Mitteln versucht, mich vorzubereiten, machten mir aber auch klar, dass ich es mit der ersten Bewerbung vermutlich nicht schaffen werde. 

Wie bist du dann doch an die Hamburger Musikhochschule gekommen? 

Hamburg ist tatsächlich meine Traumhochschule. Es war nie die Frage, wo will ich studieren. Es war einfach Hamburg. Außerdem habe ich mir meinen Klavierprofessor Hubert Rutkowski oder meinen Kompositionsprofessor Fredrik Schwenk bewusst ausgesucht. Ich wollte bei diesen Menschen studieren, weil sie etwas haben, was ich bei anderen Leuten nicht unbedingt sehe, und das ist eine gewisse, ich würde sagen: Weltfreudigkeit. Ich habe mir gedacht: Diese Menschen könnten sich mit meiner Behinderung beschäftigen, aber sie könnten sich auch mit meinen anderen Hintergründen beschäftigen und das tun sie auch und das ist eine sehr schöne Bestätigung.

Du machst gerade eine Art Vorstudium und dann bald die Aufnahmeprüfung, oder?

Genau, sie wird wahrscheinlich im Juni sein.

Wie wird deine Aufnahmeprüfung aussehen? 

Wir sind gerade dabei, das zu besprechen.

Ich konnte mich zuallererst eine Zeit lang gar nicht an die Posivität der Professoren und der Dozierenden gewöhnen, da mir vor meinem Kontakt mit  der HfMT immer wieder von strikten Prüfungen, kalter Atmosphäre und den zu hohen Ansprüchen der Klassik berichtet wurde. Aber hier sah ich eine ganze andere Realität als die, von der immer zu hören war. Alle, mit denen ich zu tun habe, sind sehr offen und experimentierfreudig. Wir gucken alle gemeinsam, wie etwas passt. Also: Niemand runzelt die Stirn, sondern es herrscht ein direktes, offenes und kommunikatives Zusammengehen Hand in Hand, um alles Benötigte möglich zu machen.

Ich habe mir vorher ausgemalt, dass die Kommission vielleicht mit der 50 Prozent Zeitzugabe, die ich mindestens bräuchte mit meinen vier Prozent Sehvermögen, geizen würden. Trotz dieser Skepsis habe ich am Anfang die Hochschule kontaktiert und gesagt: ›Ich brauche einen Nachteilsausgleich.‹ Dann hieß es erstmal: ›Wir treffen uns und sprechen darüber.‹ In Hamburg habe ich mich dann zusammen mit meiner damaligen Sonderschulpädagogin im Bereich des Sehens, Wiebke Gewinn, mit dem Behindertenbeauftragten der HfMT, Hans Georg Spiegel, getroffen. Wir wollten uns erstmal kennenlernen.

Nach ein paar Tagen kam die Nachricht: ›Herr Çapan, gerne würden wir gerne mit Ihnen diese und jene Punkte besprechen.‹ Es ging erstmal darum, dass ich meine Perspektive schildere. Dann hieß es: ›Es gibt jetzt folgende Möglichkeiten: Entweder Sie sagen uns innerhalb von zwei Wochen, welche Nachteilsausgleiche Sie in der Aufnahmeprüfung brauchen. Und wir versuchen das bestmöglich umzusetzen.‹ Da habe ich aber geäußert – und das auch in aller Ehrlichkeit: ›Ich habe noch nie eine Aufnahmeprüfung gemacht. Ich weiß nicht, wie das ist.‹ Die Alternative war, in Zusammenarbeit mit EUCREA, dass ich ein Jahr an die Hochschule gehe und wir uns gegenseitig kennenlernen und gucken: Wie können wir es möglich machen, dass ich dort studiere? Dafür habe ich mich entschieden, denn ich habe ja selber die Erfahrung gar nicht, um zu sagen: ›Ich brauche dieses und jenes in dieser und jener Prüfung.‹ Also arbeiten wir jetzt gemeinsam auf eine Aufnahmeprüfung hin, die ich mit wirklich passenden Nachteilsausgleichen sinnvoll angehen kann.

Wie gehst du um mit diesem Spannungsfeld, dass du natürlich Experte bist in dieser Hinsicht, aber auch immer die Last tragen musst, dich erklären zu müssen? Die meisten Studierenden müssen ja nicht parallel zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung noch das eigene Prüfungsprozedere mit planen. 

Es ist tatsächlich so, dass man es irgendwo akzeptieren muss. Nehmen wir als Beispiel die Situation: In der Aufnahmeprüfung wird ein Musikstück diktiert und das muss man aufschreiben. Entweder ich sage ich nichts, aber woher soll die Kommission dann wissen, dass es eigentlich nicht geht? Und dann ist die Prüfung und ich komme nicht hinterher, weil es von dem Sehen und der Kapazität des Auges gar nicht reicht, um mitzuschreiben. Und was passiert? Die Prüfung ist verfehlt. Und wer hat dann die Schuld? Also einerseits kann man sagen: Die Prüfung war nicht gerecht, aber ich hätte auch äußern müssen, dass ich das nicht kann. 

Für mich ist es jetzt ein Jahr zusätzlich, es ist nicht der direkte Weg … Umso wichtiger ist es, dass man in einer Situation ist, in der sich explizit mit dieser Behinderung befasst wird. Wir machen uns mit den Professoren richtig detaillierte Gedanken darüber, wie man so eine Prüfung angehen könnte. Im kompositorischen Bereich zum Beispiel – das ist nicht ohne. Das ist schreiblastig. Auch die Anforderungen so eines Kompositionsstudiums sind in ganz Deutschland ja nicht ohne. Und dass dann zum Beispiel Professoren und Dozierende sagen: ›Es geht uns nicht darum, dass wir dich an einen Tisch setzen und dich mit der Uhr in der Hand foltern und sagen: ›Schreib es jetzt auf!‹ Und entweder du schaffst es oder du schaffst es nicht, sondern es geht uns darum, dein Verständnis zu prüfen von dem, was du da eigentlich machst, dass du dir bewusst bist, was da eigentlich geschieht.‹ Wir entwickeln das gemeinsam. Wenn ich nicht mit EUCREA und der HfMT kommunizieren würde, würde das nicht entstehen.

Ich sehe es so: Ich muss gefragt werden – wen soll man sonst fragen, wenn es um Dinge geht, die für mich etabliert oder bereitgestellt werden? 

Was könnten Hochschulen allgemein besser machen in dieser Hinsicht?

Es ist ganz wichtig, dass das Vorgehen der Hochschulen nicht immer nur auf der individuellen Ebene bleibt. Es reicht nicht, dass nur für Personen, die es wagen – die vielleicht einen Hintergrund haben, der sie darin bestärkt und die sich nicht abwimmeln lassen –, Einzellösungen gefunden werden, sondern es geht darum, Strukturen zu schaffen, um auch Menschen anzusprechen, die sich das noch nicht zutrauen würden oder gar nicht auf die Idee kommen, dass es für sie diese Möglichkeit gibt. Es sollte nicht bei dem einzelnen Individuum bleiben, für das dann das System angepasst werden muss oder für das Vorkehrungen getroffen werden müssen. Es ist wichtig, dass es nicht die einzelnen Ausnahmen sind, die sich schwer etwas erkämpfen. Es muss normal sein, offen zu sein, Barrieren abzubauen und aus Sicht der Hochschule zugänglich zu sein.

Dass das heute noch nicht so ist, erkennt man zum Beispiel, wenn ich frage, wie viele Sänger mit Behinderung jemand kennt. Dann werden ein oder zwei Namen genannt, die Ausnahmeerscheinungen. Es gibt die Ausnahmeerscheinungen, aber es gibt nicht die Regel. Und wie viele Sänger gibt es auf deutschen Bühnen?

Wichtig ist dabei auch, dass es die sichtbaren Behinderungen gibt und die unsichtbaren Behinderungen. Das ist ein wirklich großer Begriff. Wir können nicht über ›Behinderung‹ pauschal sprechen. Das ist ein bisschen als würde man über ›die Deutschen‹ sprechen oder ›die Dänen‹. 

In der klassischen Musik ist der Perfektionsdruck oder auch eine sehr normierte Vorstellung von ›Perfektion‹ sehr verbreitet. Ist dieses Genre besonders wenig zugänglich?

Tatsächlich ist es so, dass man mir immer gesagt hat: ›Mach doch was mit Jazz, das passt eher zu dir.‹ Sie dachten vermutlich an Stevie Wonder, Ray Charles und so. Ich mache Jazz und Popmusik und alles andere auch sehr gerne. Aber mein Herz brennt für die Klassik.

Dann, als ich mich mit dem Fachgruppenleiter für Klavier, meinem jetzigen Professor, getroffen habe, hat er plötzlich gesagt: ›Damit können wir arbeiten, das ist doch ganz gut und da können wir was sehr Gutes entwickeln‹ – das war wie ein Schock. 

Es gibt diese Exzellenzgeschichte. Ganz oben ist die künstlerische Perfektion. Und da darf auch kein Makel sein und so weiter. Das habe ich in der HFMT nicht so wahrgenommen. Klar, es ist gibt ein Niveau, das muss da sein, das ist keine Frage. Aber es wird mit Ruhe angegangen. Es wird geguckt: Wo liegen die Stärken des Einzelnen, den ich unterrichte, und wo kann ich ihn noch bestärken? 

Wo siehst du dich künstlerisch nach dem Studium?

Ich wünsche mir schon, auf schönen Bühnen zu spielen, das ist so ein Träumchen. Aber nicht mit dem Gedanken ›ich spiele nur Mozart und alle applaudieren‹, sondern um Brücken zu bauen, zu zeigen, dass man es trotz eines klassischen Migrationshintergrunds plus einer hochgradigen Behinderung schaffen kann. In welchem Umfang weiß ich nicht. Vielleicht schreibe ich auch Kompositionen für Orchester oder für kleine Ensembles. Einfach nur Musik machen als eine Verbindung zwischen Menschen. ¶

Der Verband EUCREA widmet sich seit 1989 dem Thema Kunst und Behinderung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und berät und vernetzt einerseits Künstler:innen mit Behinderung, chronischer Erkrankung, Neurodivergenz und Gehörlosigkeit und unterstützt andererseits Ausbildungshäuser, Kulturbetriebe, Behindertenhilfe, Politik und Verwaltung in der Umsetzung von Inklusion. EUCREA arbeitet an einer Gesellschaft, in der Vielfalt und Inklusion selbstverständliche Prinzipien sind und alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Talente zu entfalten – unabhängig von Behinderungserfahrungen. Mit dem Programm ARTplus arbeitet EUCREA daran, Kreativen mit Behinderung Zugang zu künstlerischen Ausbildungshäusern zu ermöglichen. Studierende und Studieninteressierte werden zu möglichen Ausbildungsangeboten, finanzieller Förderung und Assistenzleistungen beraten. Künstlerische Ausbildungshäuser werden im Inklusionsprozess von EUCREA begleitet.

EUCREA verweist immer wieder darauf, dass in der aktuellen Hochschulpolitik Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention kaum umgesetzt wird. Dort heißt es: »Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken; b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen«.

Dabei geht es zunächst um das Grundverständnis: Inklusive Bildung ist kein soziales Projekt, sondern eine Selbstverständlichkeit und ein rechtlicher Anspruch. Hochschulen und andere staatliche Stellen sind in der Pflicht, Barrieren abzubauen, um Menschen unabhängig von ihrer Behinderung ein (künstlerisches) Hochschulstudium zu ermöglichen.

Teil des ARTplus Programms sind im Musikbereich aktuell die HfMT und das Hamburger Konservatorium.

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Nach einem Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest gibt sie Seminare in Musikwissenschaft und Musikjournalismus und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com