»Man hat Angst, Freundinnen und Freunde zu fragen, wie es ihnen geht.«

Am 26. November gastierte das Youth Symphony Orchestra of Ukraine (YsOU) unter dem Motto »A Night for Ukraine«, unterstützt vom Goethe-Institut und dem Bundesjugendorchester, im Konzerthaus Berlin. Während der Veranstaltung war der ukrainische Patriotismus durch blaue und gelbe Lichtprojektionen auf der Rückseite der Bühne und »Sláva Ukraini, Heróyam sláva!«-Rufe während des Applauses immer wieder spürbar. Auf dem Programm standen unter anderem Werke von Bach, Ravel, Myroslav Skoryk, Mykola Lysenko, Anatoliy Kos-Anatolsky, unterbrochen von einer Schweigeminute für den Holodomor-Völkermord von 1932/33. 

Abgesehen von dieser Betonung der ukrainischen Nationalität fiel es mir als ehemaligem Mitglied eines Jugendorchesters schwer, mir nicht vorzustellen, dass auch ich dort auf der Bühne hätte sitzen können – als Exil-Musiker, vertrieben aus einem kriegsgebeutelten Land –, wäre ich zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren worden. Obwohl mein Orchester auf der anderen Seite der Welt beheimatet ist, rief das Konzert des YsOU viele Erinnerungen an jahrelang Vertrautes in mir wach: das besonders durchdringende A der Oboe beim Stimmen, die Gesichter der Musiker:innen, denen man beim Betreten der Bühne das Staunen über den Konzertsaal ansieht, der Geruch von Essen in großen Wärmebehältern, diese Momente, in denen alle ein bisschen zu laut spielen – nicht aus Arroganz, sondern einfach, weil das gemeinsame Musizieren so viel Spaß macht. 

Im März 2022, kurz nach dem russischen Angriff, habe ich bereits mit einigen Mitgliedern des YsOU gesprochen. Die meisten von ihnen waren damals noch in der Ukraine. Inzwischen haben viele das Land verlassen, studieren an Konservatorien in ganz Europa und stellen sich auf ihr neues Leben ein. Mit vier Musiker:innen des YsOU sprach ich jetzt, einige Monate später, erneut: über das Verlassen der Heimat, das Wiedersehen mit Freund:innen und Pläne für die Rückkehr.    


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